China: Gute Laune mit Merkel als Schelte für die USA

15. Juni 2016, 15:41
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Peking redet noch immer vom China-Besuch Angela Merkels, obwohl diese schon wieder in Berlin ist – das soll die USA ärgern

Sie lachen sich an, während die Ehrenformation der Bundeswehr salutiert, als wären sie ein Herz und eine Seele. Angela Merkel und Chinas Premier Li Keqiang geben ein blendendes Paar vor dem Himmelstempel ab, stoßen entspannt mit Bier an oder genießen den Mondschein im Sommerpalast. Am Tag der Heimreise der Bundeskanzlerin nach Berlin stellte die chinesische Regierungswebseite www.gov.cn sieben Goache-Malereien über die beiden "alten Freunde" ins Netz – als Hommage an ihre vielen Begegnungen seit dem Amtsantritt von Li 2013. Institutsleiter Zhao Ruiqi von der Medienuniversität schrieb im chinesischen Netz, dass beide engen Kontakt halten, selbst wenn sie sich nicht sehen. "Der heiße Draht zwischen den Regierungschefs ist das meistgenutzte Rote Telefon der Welt."

Doch damit ist es noch nicht genug: Peking redet noch immer von Merkels China-Besuch, obwohl sie nach einem Abstecher in die Provinzhauptstadt Shenyang am Dienstag nach Hause fuhr. Bei allen anderen Staatsgästen gilt protokollarisch, sobald sie die Hauptstadt verlassen haben: aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht so bei Merkel. Mittwochfrüh, als die Kanzlerin schon in Berlin war, sendeten Chinas nationale CNR-Rundfunknachrichten immer noch Merkel-Meldungen von ihrem Pekinger Besuch am Montag (!).

Ein Wink an die USA

Hinter der demonstrativen Freundlichkeit, wie harmonisch das bilaterale Verhältnis sei, steckt auch Kalkül. Chinesische Kommentatoren erinnerten etwa an den einzigen Stolperstein in den Beziehungen, als Merkel im September 2007 den in China verhassten Dalai Lama in Berlin empfing. Peking ließ daraufhin das Verhältnis vereisen. Erst fast ein Jahr später erwärmte es sich wieder.

Der Wink gilt dem US-Präsidenten Barack Obama, der zum heftigen Zorn der chinesischen Führung gerade bekanntgab, er wolle am Mittwoch in Washington den Dalai Lama empfangen. Chinas Außenministerium drohte heftige Reaktionen an. Das Lob, wie "beispielhaft" die chinesisch-deutschen Beziehungen doch seien, zielt auch auf US-Verteidigungsminister Ashton Carter. Der hatte jüngst erklärt, dass sich Peking mit seiner aggressiven Außenpolitik besonders im Südchinesischen Meer "weltweit immer mehr selbst isoliert," Von wegen, heißt es nun: Schaut euch am Beispiel Deutschland an, wie sehr alle China lieben.

Denken in vielen Zügen

Das wird belohnt: Die Tageszeitung "21 Century Business Herald" schrieb am Mittwoch auf ihrer Titelseite: "Merkel ist bei ihrem neunten China-Besuch ein Meisterzug im Weiji-Spiel (Go) gelungen." Sie habe 96 wirtschaftliche Vereinbarungen eingefahren "im Wert von 15 Milliarden US-Dollar" Zuvor war offiziell nur von 24 Verträgen im Umfang von knapp vier Milliarden US-Dollar die Rede gewesen.

Allerdings macht beim asiatischen Go-Spiel den Chinesen keiner etwas vor. Sie denken viele Züge voraus. Etwa, dass China Ende des Jahres den umstrittenen Marktwirtschaftsstatus von Brüssel erhalten will. Seine Verleihung würde der EU die Verhängung von Strafzöllen gegen chinesische Dumping-Exporte fast unmöglich machen. Deutschland, so schrieb die Zeitung werde in der EU das Zünglein an der Waage spielen, "mit Italien, Spanien und Frankreich gegen und und England, Holland und Belgien für uns." Merkel habe versprochen, sich für eine Lösung vor Jahresende einzusetzen. "Deutschland ist ein pragmatisches Land und versteht uns immer besser." Auch dafür erhält Merkel nun mit Premier Li einen Platz in der Gemäldegalerie der Harmonie. (Johnny Erling aus Peking, 15.6.2016)

  • Artikelbild
    foto: reuters / kim kyung hoon
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