Swans: Sterbender Schwan

15. Juni 2016, 16:18
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Die US-Band veröffentlicht das Album "The Glowing Man" und empfiehlt sich

Wien – Das Ende ist nah. Deshalb zeigt das aktuelle Bandfoto der Swans nur noch ein Abbild ihres Chefs, Michael Gira. Der offenbarte, dass die Swans in dieser personellen Zusammensetzung nach der nächsten Tour Geschichte wären. Das am Freitag erscheinende Album The Glowing Man der Swans stellt also eine Art Abschlusswerk dar. Das Zweite in der Biografie der US-Band. Das Erste erschien 1998 und trug den Titel einer Grabinschrift: Swans Are Dead.

Dieser Beschluss hielt bis 2010. Damals beschloss Gira die Wiederauferstehung der aus der New Yorker Postpunkära kommenden Noise- und Industrial-Formation. Doch nachdem fast alle Arbeiten in der zweiten Inkarnation der Swans ausufernd waren und über die Länge von zwei CDs oder drei LPs gingen, bleibt genug an Hinterlassenschaft.

foto: mute / cyrille choupas
Michael Gira veröffentlicht mit der Band Swans am Freitag das Album "The Glowing Man". Es wird das letzte Swans-Album in der dieser personellen Besetzung sein.

The Glowing Man dauert wieder gut zwei Stunden, das Titelstück allein fast 29 Minuten. Wobei es keine Prüfung darstellt. Zwar nimmt es sich natürlich Zeit, sich aufzubauen, doch es entlädt sich irgendwann in eine relativ konventionell rockende Nummer, wie sie im Fach des Postrock öfter einmal zu finden ist. Aber was ist konventionell bei den Swans? Nicht viel.

Gegründet hat Gira die Swans 1982. Zu brutalen, langsamen Gitarrenriffs und Schlagzeugattacken, die an einen Galeerentrommler kurz vor dem Verdursten erinnerten, deklamierte Gira Texte über Gewalt, Albträume, mehr Gewalt und Sex. Blues, nur ohne Melodie, nannte er diese frühen Arbeiten später, eine klare Verniedlichung.

Später öffnete sich Gira einem düsteren Folk, ohne der schweren Inhalte zu entsagen, ohne seinen irren Blick zugunsten irgendeiner Form von Milde von seinen Themen abzuwenden. Das Comebackalbum 2010 fusionierte schließlich den frühen Lärm mit dem Gothic-Folk des Spätwerks. Daraus entstand auf den folgenden Alben ein ausufernder Irrsinn, den die Band unter Giras Führung in mäandernde, sich alle Zeit der Welt nehmende Lieder goss. Lieder, die wie Lava den Berg hinabkriechen, alles verbrennend, da und dort erstarren, hier ein Feuer entfachen oder drüben nach dem Sturz ins Meer erkalten.

Vergewaltigungsvorwurf

Bevor Gira das neue Album veröffentlichte, sah er sich mit einem ruinösen Vorwurf konfrontiert. Die Musikerin Larkin Grimm warf ihm vor, sie 2008 vergewaltigt zu haben. Gira leugnete, sagte eine Australientour ab und gab schließlich eine nicht vollzogene Romanze mit Larkin zu, nicht jedoch die Vergewaltigung, die für Grimm stattgefunden hat. Begleitet wurde die Sache von heftigen Lagerkämpfen. Die einen zitierten Giras Songtexte und Bücher als Schuldbeweise, die anderen diskreditierten die an bipolarer Störung leidende Grimm auf Höhe der untersten Schubladen: die asozialen Medien in Full Force. Gerichtsanhängig ist nichts, ein Nachgeschmack blieb da wie dort.

swans

Seine Arbeit, sagt Gira, sei die Suche nach Liebe als Erlösung und einzigem Sinnstifter des Daseins. Dieses Ziel habe er mit The Glowing Man wieder anvisiert. Der Weg ans (unerreichbare) Ziel ist anstrengend und sonisch herausfordernd wie eh und je. Doch die Swans halten immer wieder einmal inne und genießen die Aussicht, die sich düster bis prächtig zeigt. Denn so sehr diese Musik ihre Hörer fordert, sie belohnt sie mit einer Schönheit, die die Swans aus all dem Lärm schälen wie eine Zwiebel.

Die frühen Sonic Youth klingen dabei durch, kürzere Gstanzln wie When Will I Return erinnern mit dem Gesang seiner Frau Jennifer Gira nach PJ Harvey. Doch es sind die 15- und 20-Minüter, die diese Band stemmt, die die Magie dieses Albums prägen. Manche der Songs nennt Gira Gebete. Entsprechend manisch klingen sie, entsprechend skeptisch bleibt man, wenn dieser Getriebene das letzte Lied Finally Peace nennt. (Karl Fluch, 15.6.2016)

Swans live: 22.10 Wien, Arena; 23. 10. Graz, Orpheum Extra

Links

Swans (Jarboe)

Young God Records

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