René Siegl: "Profitieren von Krisen in Nachbarländern"

Interview16. Juni 2016, 09:00
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Die Betriebsansiedlungsagentur Aba beobachtete in der Wirtschaftskrise Zurückhaltung bei Firmenzuzügen Dies ist jetzt vorbei, so Aba-Geschäftsführer René Siegl

STANDARD: Hat die Wirtschaftskrise beim Standortwettbewerb um Firmen etwas geändert?

René Siegl: Es hat infolge der Krise 2009 massive Einbrüche gegeben. Seither gab es aber wieder eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Deshalb sind die Betriebsansiedelungen in Österreich bereits wieder auf Vorkrisenniveau. In der Krise haben wir eine Investitionszurückhaltung gemerkt und dass es kein Vertrauen gibt. Es hat sich aber die Lage verbessert. Es ist ja so, dass die Betriebsansiedelung in Österreich von Krisen in Nachbarländern profitiert. Wenn es Vertrauenskrisen in Italien oder Ungarn gibt, wenden sich italienische oder ungarische Firmen an uns. Und es belebt den eigenen Standort, wenn eine optimistische Stimmung herrscht. Betriebsansiedelung funktioniert, wenn die Betriebe im Zielland besonders zuversichtlich oder besonders pessimistisch sind.

STANDARD: Mit welchen Argumenten wird Industrieansiedelung in Österreich derzeit betrieben?

Siegl: Wir haben viele Ansiedelungen – aber im Normalfall nicht im industriellen Bereich, sondern für Vertrieb, Services, Steuerungsfunktionen. Das hängt damit zusammen, weil Österreich ein teurer Standort ist, besonders bei den Arbeitskosten.

STANDARD: Wie funktioniert das: eine Firma zu finden, die eine Betriebsansiedelung vorhat. Ist das wie eine Suche im Heuhaufen?

Siegl: Wir setzen natürlich einen Rechen ein. Natürlich machen wir Marketing – zum Beispiel über Direct Mail oder E-Mail. Und wir haben ein Netz von Multiplikatoren: Steuerberater, Branchenvertreter, Außenhandelsstellen.

STANDARD: Nun haben in Österreich aber auch die Bundesländer Betriebsansiedelungsagenturen. Kannibalisiert man sich da nicht?

Siegl: Ja es gibt neben der Aba noch neun solcher Gesellschaften. Der ÖGB hat das mal kritisiert. Aber wir versuchen uns nicht auf die Zehen zu treten, sondern arbeitsteilig vorzugehen. Das heißt, vor einem potenziellen Investor treten wir als ein Team auf. Innerhalb Österreichs gibt es dann natürlich einen Standortwettbewerb, den versuchen wir – also die Aba – für den Investor nutzbar zu machen. Weil uns ist es egal, ob jemand zum Beispiel in Oberösterreich oder im Burgenland landet.

STANDARD: In welchen Branchen gibt es für Österreich besondere Chancen für eine Ansiedelung?

Siegl: Unsere wichtigsten Branchen sind die der industrienahen Dienstleistungen, gefolgt vom IKT-Sektor (Informations- und Kommunikatstechnik, Anm.) und dann Life Science, also Medizintechnik, Pharma und Biotech.

STANDARD: Rund um Industrie 4.0 spricht man auch davon, dass es zu einer Reindustrialisierung Europas kommen kann. Dass die Fertigung aus Schwellenländern wieder abgezogen wird und nahe zum Kunden zieht. Merken Sie da etwas? Kommt es zu einer Wiederansiedelungskultur bei der Fertigung?

Siegl: Wenn die Arbeitskosten nicht mehr diese Rolle wie bisher einnehmen, kann dies natürlich Chancen für den Standort Österreich bedeuten. Ich sehe diese Entwicklung aber noch nicht. Und es bleibt, dass wir ein kleiner Markt sind. Die Firmen gehen lieber dorthin, wo Englisch die Muttersprache ist oder sehr gut Englisch gesprochen wird. Allerdings: Wenn es in die Richtung geht, dass kleinere Serien gefertigt werden – bis hin zu Losgröße eins -, dann ist die Größe des Marktes nicht mehr so entscheidend. (Johanna Ruzicka, 16.6.2016)

Zur Person:

René Siegl (56) ist seit 19 Jahren Geschäftsführer der Aba (Austrian Business Agency). Der Betriebswirt und Jurist ist verheiratet und hat zwei fast erwachsene Töchter.

  • Die internationalen Betriebsansiedelungen haben zuletzt wieder angezogen, beobachtet Aba-Geschäftsführer René Siegl.
    foto: robert newald

    Die internationalen Betriebsansiedelungen haben zuletzt wieder angezogen, beobachtet Aba-Geschäftsführer René Siegl.

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