Gäste-Zahnbürste

16. Juni 2016, 15:52
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Gipfel der Gastfreundlichkeit oder der Griesgrämigkeit

foto: istock/kenishirotie

Pro
von Andrea Schurian

Ehrlich jetzt: Was ist grausiger, als das Träumeland mit labrigen Speiseresten zwischen den Zähnen betreten zu müssen? Richtig. Es mit reichlich Pelz auf der Zunge wieder zu verlassen. Und wozu hat man Freunde?

Richtig. Damit sie einen nach trinkfreudigem Sprechdurchfall, Berufskummer, Liebeswirren, Schulstress oder ganz einfach, weil's so nett ist, in ihren Gästebetten auffangen. Und, danke, einen anderntags nicht mit Mundgeruch auf die Menschheit loslassen.

Meine übernachtungsgastfreundlichen Nachwüchse haben deshalb einen soliden Grundstock aus Einwegzahnbürsten angelegt. Seither müffelt morgens höchstens die Laune der jungen Leute, nicht mehr ihre Atemluft.

Sicher, je fortgeschrittener die Semester, umso rückläufiger die Spontanübernachtungs-Frequenz. Eh fad.

Aber dann werden Rede und Gegenrede in der Gedankentiefe der Nacht mitunter doch mit reichlich Flüssignahrung ertränkt. Bedeutet: ab mit den Freunden ins Gästebettchen. Eine Zahnbürste findet sich allemal.

Kontra
von Eric Frey

Als ich in jüngeren Jahren Unterkunft suchte, da war ein Gästezimmer wirklich wichtig. Mit Freunden in aller Welt wusste ich ja nie, wer mal vorbeischauen würde.

Doch dann zogen schreiende Kinder ins Extrazimmer ein, und reiselustige Freunde wurden auch immer weniger. Die Griesgrämigkeit nahm mich in Beschlag, und inzwischen will ich nach 23 Uhr überhaupt keine Fremden mehr in meiner Wohnung sehen.

Seit fast drei Jahrzehnten in festen Händen, verliert auch die Frage "Es ist schon so spät, kann ich vielleicht hier übernachten?" ihren Reiz.

Das schützt mich zwar nicht vor unerbetenen Freunden meiner Kinder, die was weiß ich wo geschlafen haben und sich in der Früh an der Kaffeemaschine tummeln. Aber sie nach ihrer Mundhygiene zu fragen ist ziemlich uncool, wurde mir klargemacht. Jungnomaden sollten ohnehin ihre eigene Ausrüstung dabeihaben.

Ein Gästehandtuch, meinetwegen. Aber alles andere wäre zu viel der Gastfreundschaft. Sonst glauben die noch etwa, sie seien willkommen. (RONDO, 17.6.2016)

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