Friedrich Kiesler: Das Auge eines Botschafters des 21. Jahrhunderts

14. Juni 2016, 17:35
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Das Schaffen des Utopisten und Universalkünstlers Friedrich Kiesler ist nun in einer Grenzen überschreitenden Retrospektive im Mak zu sehen. "Lebenswelten" ist nicht nur eine Ausstellung, sondern eine Verortung jahrzehntealter Visionen im Heute

Wien – "Nein, das ist kein Ei. Das ist ein endloses Haus mit endlosen Nutzungsmöglichkeiten." Friedrich Kiesler, distinguiert mit Seitenscheitel und Fliege, sitzt vor der Kamera und erklärt mit stoischer Ruhe und rollendem R seine Vision des Endless House. Das biomorphe Ideenkonstrukt aus den späten Fünfzigerjahren, das wie eine überdimensionale Muschel über dem Boden zu schweben scheint, faszinierte nicht nur den Moderator der Sendung Camera Three, sondern ging auch als nie realisierter, aber unverzichtbar wichtiger Beitrag in die internationale Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts ein.

foto: lena deinhardstein
Die Idee eines "endlosen Hauses mit endlosen Nutzungsmöglichkeiten" beschäftigte den Utopisten und Universalkünstler Friedrich Kiesler sein halbes Leben lang. Im Bild ein Modell von 1959.

Dem weitdenkenden Utopisten und Universalkünstler, den Hani Rashid, Vorsitzender der Friedrich-Kiesler-Stiftung, gar als "Botschafter des 21. Jahrhunderts" bezeichnet, widmet das Museum für angewandte Kunst (Mak) nun eine Ausstellung, die die zugleich größte jemals gezeigte Retrospektive ist. Das Endless House, das Kiesler bis zu seinem Tod 1965 beschäftigte, bildet mit Skizzen, Plänen und Modellen unter den knapp 600 Exponaten einen der inhaltlichen Schwerpunkte.

Unter dem Titel Friedrich Kiesler. Lebenswelten sind nicht nur Architektur- und Möbelentwürfe ausgestellt, sondern auch viele Ausstellungsgestaltungen und Bühnenbilder, die vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren in New York entstanden, sowie Projekte an der Schnittstelle zwischen Raum, Kunst, Mode, Musik, Film, Theater und Literatur, die sich nur schwer in einen disziplinären Kanon fassen lassen.

"Und genau das macht Friedrich Kiesler so spannend", sagt Kurator Dieter Bogner. "Erstens war Kiesler ein ganzheitlicher Denker, der an der Grenze zwischen den Künsten gearbeitet hat. Zweitens interessierte er sich nie für das Gesamtkunstwerk als ästhetisches Produkt, sondern betrachtete den Nutzer stets als Mittelpunkt des Beziehungsgefüges. Und drittens verstand er seine Arbeit immer als Wechselbeziehung zwischen Kunst und Wissenschaft." All das, so Bogner, mache Kiesler hochaktuell.

Elastischer Bühnenraum

Kiesler, 1890 in Czernowitz in der heutigen Ukraine geboren, studierte Architektur, Malerei und Kupferstecherei. Nach dem ersten Weltkrieg reist er regelmäßig nach Berlin, wo er seinen ersten dokumentierten Auftrag erhält. Es geht um ein Bühnenbild für Karel Capeks Stück W.U.R. Die Bühnengestaltungen prägen ihn viele Jahre, für das Wiener Konzerthaus etwa, aber auch die Juillard School of Music, das Biltmore Theatre und die Metropolitan Opera in New York. "Die Bühne ist keine Kiste mit einem Vorhang als Deckel, in die Panoramen eingeschachtelt werden", so Kiesler. "Die Bühne ist ein elastischer Raum. Sie ist ein selbstständiger Organismus mit den Gesetzen der Technik unserer Zeit."

Viel Raum hat in der Mak-Ausstellung Kieslers Bruch mit der geradlinigen, rechtwinkeligen Moderne (gipfelnd in einer raumfüllenden Rekonstruktion der 1925 entstandenen Raumstadt), der ihn zur biomorphen Sprache der weichen, unendlichen Linien führte, die von nun an mentale Grundlage für seine Arbeit werden sollte. Oder, wie Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein es ausdrückt: "Kiesler hat viele Themen des 21. Jahrhunderts vorweggenommen: Wohnen, Stadtplanung, neue Technologien, Mensch und Maschine. So gesehen könnten wir viele Antworten der heutigen Zeit finden, indem wir uns mit Kieslers Fragen beschäftigen."

Dass Künstler und Schülerinnen im Rahmen der Schau eingeladen wurden, sich mit Kieslers Erbe zu beschäftigen, stellt nicht nur das Gezeigte in einen zeitgenössischen Kontext, sondern setzt auch jenen transdisziplinären Blick fort, der den Visionär auszeichnete. Mit Monsieur Kiesler I am wearing your Endless House. How does it suit me? reduziert Lili Reynaud-Dewar – ganz im Sinne der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte – die dritte Haut (Architektur) auf die zweite (Kleidung). Und bei Endless Match, einem Lehrlingsprojekt von KulturKontakt Austria, darf man niemals aufhören zu spielen, sonst kommt das Leder am tiefsten Punkt des eiförmigen Fußballtisches zum Stillstand. Man muss am Ball bleiben. Das macht die Ausstellung mit Bravour. (Wojciech Czaja, 14.6.2016)

Bis 2. 10.

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Mak

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