"Die Sanders-Revolution war bescheiden"

Interview15. Juni 2016, 07:00
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Der Georgetown-Politologe Hans Noel erklärt, was Bernie Sanders und die Tea Party gemeinsam haben und warum ausgerechnet der erzreligiöse Bundesstaat Utah Hillary Clinton zum Sieg verhelfen könnte

STANDARD: Sind Sie überrascht, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump heißt?

Noel: Vor einem Jahr noch habe ich ausgeschlossen, dass Trump die Nominierung gewinnen kann. Ich war schockiert, dass es so weit gekommen ist. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass die Parteiführung Kandidaten, die sie nicht mag, verhindern kann – und die republikanische Parteiführung kann Trump nicht ausstehen.

STANDARD: Wie zerrissen ist die Republikanische Partei?

Noel: Außerordentlich zerrissen. Sie besteht aus zwei Hauptfraktionen, einer mainstreamigeren, die Jeb Bush als Kandidaten wollte, und den Tea Party-Anhängern, die sich Ted Cruz wünschten. Nun hassen aber die Bush-Anhänger Cruz und die Cruz-Anhänger wiederum Bush, sodass kein Aufeinanderzugehen möglich war. Das hat Platz geschaffen für Trump.

STANDARD: Wie steht die erzkonservative Tea Party Trump gegenüber?

Noel: Parteizugehörigkeiten entwickeln sich heute mehr aus einer sozialen Identität als aus tatsächlichen Überzeugungen heraus. Trump spricht diese konservative Identität an, ohne diese Politik zu vertreten. Dieser Teil der Tea-Party-Anhänger wandert zu Trump. Jene, die sich mit den konservativen Werten identifizieren, nicht.

STANDARD: Stimmen die dann für den libertären Gary Johnson?

Noel: Im sehr religiösen Bundesstaat Utah ist Trump besonders unbeliebt. Dort könnte Johnson genug Stimmen erhalten, die letztlich Trump fehlen und damit Clinton zum Sieg verhelfen könnten.

STANDARD: Sie beschäftigen sich mit Ideologien. Erkennen Sie Ansätze davon in Trumps Ideen?

Noel: Viele Positionen entstehen zufällig: Er probiert sie aus, und wenn sie ziehen, dann bleibt er dabei. Seine Amerika-zuerst-Idee ist eine Art Ideologie. Da ist er noch am ehesten konsistent.

STANDARD: Der prominente Neokonservative Robert Kagan nennt Trump einen Faschisten. Wird der Begriff zu leichtsinnig verwendet?

Noel: Ich halte es für sinnvoller, sich anzusehen, ob er faschistische Elemente in sich trägt. Davon gibt es einige: sein Ethnozentrismus, die Idee des starken Führers.

STANDARD: Bernie Sanders hat sich der letzten Vorwahl gestellt, obwohl Clinton als Kandidatin feststeht. Er sagt, seine Chancen gegen Trump stünden besser. Hat er recht?

Noel: Man muss die geringe Wahlbeteiligung in den Vorwahlen bedenken, hier wählen vor allem jene Leuten, die sich wirklich politisch engagieren. Ich halte die Sanders-Wähler nicht allesamt für eingefleischte Sanders-Wähler, die nicht willig wären, zu Clinton zu wechseln. Und es ist schwer vorstellbar, dass jene, die mit Trump unzufrieden sind, weil er ihnen nicht konservativ genug ist, nun Sanders wählen.

STANDARD: Die Sanders-Revolution war also eher eine kleine?

Noel: Die Sanders-Revolution war bescheiden. Die Demokraten haben sich schon zuvor in eine linkere Richtung bewegt. Den Ton gibt immer noch die Obama-Fraktion an. Und die will Clinton. Die Sanders-Wähler ähneln hier jenen der Tea Party: Sie stimmen im Grunde mit ihrer Partei überein, die sich ja in ihrem Sinne verändert, nur eben nicht schnell genug.

STANDARD: Wer trägt eigentlich die Schuld an der Polarisierung der USA?

Noel: Ehrlich gesagt wissen wir das nicht genau. Es gibt natürlich Faktoren wie soziale Ungleichheit. Aber die Identifikation mit einem politischen Lager war noch nie so hoch wie heute. Gleichdenkende bestätigen sich ständig gegenseitig, mit Wählern anderer Parteien kommen sie nicht einmal ins Gespräch. In Befragungen zeigen sich Amerikaner immer offener für einen Partner, der einer anderen Ethnie oder Religion entstammt. Einen Partner zu haben, der politisch anders tickt, damit haben immer mehr ein Problem. (Anna Giulia Fink, 15.6.2016)

Hans Noel (44), Politologe an der Universität Georgetown in Washington, D.C., forscht zu politischen Parteien, Koalitionen und Ideologien in den USA. Am Montag sprach er im Amerika-Haus in Wien über den US-Wahlkampf.

  • Schon vor dem Wahlkampf von Bernie Sanders hat sich die Demokratische Partei nach links bewegt, sagt Politologe Noel.
    foto: afp photo / jonathan alcorn

    Schon vor dem Wahlkampf von Bernie Sanders hat sich die Demokratische Partei nach links bewegt, sagt Politologe Noel.

  • Politologe Hans Noel bei einem Vortrag in Wien.
    foto: us-botschaft

    Politologe Hans Noel bei einem Vortrag in Wien.

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