Leben im Forschungswürfel

18. Juni 2016, 17:15
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Ein Wohnprojekt in Salzburg untersucht, wie sich energieeffizientes Bauen auswirkt – und wie Bewohner reagieren

Salzburg – 30 Wohnungen in drei Gebäuden werden ab Herbst kommenden Jahres in der Salzburger Gemeinde Kuchl errichtet. Die gemeinnützige Wohnbaugesellschaft "die Salzburg" wird sie als Miet- oder Eigentumswohnungen verkaufen. Klingt nach einem alltäglichen Projekt, doch im Kern ist dieser Wohnbau doch etwas anders: Bei den Bernhofergründen soll nämlich untersucht werden, wie sich die sogenannte Betonkernaktivierung auswirkt. Die FH Salzburg begleitet zunächst Planung und Bau der Wohnanlage und will dann die Bewohner der Anlage im Auge behalten, um die Auswirkungen in der Praxis analysieren zu können.

Bei der Betonkernaktivierung werden große Flächen – also etwa Decken und Wände aus Beton – zum Erwärmen und Kühlen von Gebäuden genutzt. Dazu werden in diesen Bauteilen Rohrsysteme verlegt, und zwar zwischen den sogenannten Bewehrungen aus Stahl, die zur Verstärkung in den Beton eingebaut werden.

Behagliches Raumklima

Das Wasser, das durch diese Rohre fließt, kann dann je nach Temperatur zur Erwärmung oder Kühlung der großen Flächen genutzt werden. Die Betonkernaktivierung eignet sich vor allem zur Nutzung alternativer Energie, denn es lässt sich mit vergleichsweise geringem Energieeinsatz eine große Wirkung erzielen. So kann beispielsweise die Kombination aus Fotovoltaik und Wärmepumpen gut eingesetzt werden.

Ein weiterer Vorteil dieser Wärmeversorgung ist ein behagliches Raumklima, das unter anderem durch die warmen Wände erzeugt wird – eine Art Kachelofeneffekt. Ein Nachteil ist allerdings die Trägheit des Systems: Auf rasche Wetterwechsel kann nur langsam reagiert werden, die Steuerungsmöglichkeiten sind im Vergleich zu Radiatoren geringer. Im Prinzip handelt es sich um eine Art verbesserte Fußbodenheizung, nur dass große Flächen als Speichermasse dienen und die Energieeffizienz dadurch ungleich höher ist.

Tobias Weiss, Fachbereichsleiter für Nachhaltiges Bauen, ist an der FH Salzburg für das Forschungsprojekt verantwortlich. "Bisher kam die Betonkernaktivierung vorwiegend bei gewerblichen Immobilien oder in Einfamilienhäusern zum Einsatz, nun soll erstmals der Einsatz im mehrgeschoßigen Wohnbau untersucht werden." Technisch wird die Umsetzung kein Problem sein, weil es eben ausreichend Erfahrung gibt. "Der Knackpunkt wird aber sein, wie die Bewohner reagieren und wie es insgesamt in bewohnten Häusern verwendet werden kann", erläutert Weiss.

Unterschiedliche Ansprüche

Die Bewohner der Wohnhausanlage sollen also Aussagen darüber liefern, wie sie mit dem Heizsystem zurechtkommen. In welcher Form das genau erfolgen wird – beispielsweise über regelmäßige Befragungen -, steht noch nicht fest. "Es wird interessant sein, wie sich die Unterschiede in den Komfortansprüchen auswirken", meint Weiss. In der Wohnhausanlage in Kuchl wird es insgesamt drei unterschiedliche Gebäude geben, wovon nur eines als Holzbau mit besagter Betonkernaktivierung errichtet wird – der "Forschungswürfel", wie Weiss das Haus nennt. Das soll dann genaue Vergleiche mit den beiden anderen Gebäuden ermöglichen, die auf herkömmliche Art errichtet (Holz und Massivbau) und beheizt werden. "Es wird dann ein Monitoring geben, wobei die Daten in Echtzeit übertragen werden, was eine rasche Reaktion ermöglicht."

Wenn sich also die Temperaturen nicht in jenem Bereich befinden, der angestrebt ist – die Flächen sollten rund drei Grad wärmer sein als die gewünschte Raumtemperatur -, kann das reguliert werden. Derzeit wird in thermischen Simulationen durchgespielt, wie die Gebäudetechnik aussehen soll. Bei der Auswertung der praktischen Erfahrung sollen dann jedenfalls nicht nur die Umweltbilanz und die Energiekosten eine Rolle spielen, sondern auch die Erfahrungen der Bewohner.

Die Messungen werden übrigens Studierende des Lehrgangs Smart Building an der FH Salzburg übernehmen, die damit einen guten Einblick in Forschung und Praxis bekommen sollen. (rp, 18.6.2016)

  • Einer von drei Forschungsbauten, die in Kuchl in Salzburg entstehen.
    foto: genossenschaft "salzburg" reg. gen.m.b.h.

    Einer von drei Forschungsbauten, die in Kuchl in Salzburg entstehen.

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