Das verletzliche Geschlecht

19. Juni 2016, 16:46
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Bei männlichen Föten kommt es öfter zu Frühgeburten oder Komplikationen als bei weiblichen

Linz – Über 1200 Geburten hat Barbara Schildberger als Hebamme an der Linzer Landes-Frauenklinik geleitet. Dabei sind ihr im Lauf der Jahre bemerkenswerte Unterschiede zwischen Geburten von Buben und Mädchen aufgefallen: "Ich hatte den Eindruck, dass es bei männlichen Föten öfter zu Frühgeburten und Komplikationen kommt", sagt Schildberger, die seit 2010 den Bachelorstudiengang Hebamme an der Fachhochschule Gesundheitsberufe Oberösterreich leitet. Nun kann die erfahrene Geburtshelferin ihre Beobachtungen aus der Praxis mit wasserdichten Daten belegen.

In Kooperation mit dem Institut für klinische Epidemiologie der Tirol-Kliniken hat sie das dort verankerte gesamtösterreichische Geburtenregister von 2008 bis 2013 durchforstet und für die Geburtshilfe relevante Parameter wie etwa vorzeitige Wehen, medizinische Interventionen während der Geburt oder den Zustand des Kindes unmittelbar nach der Geburt mit dem Geschlecht der Neugeborenen in Beziehung gesetzt. "Wir hatten für unsere Analyse einen wahren Datenschatz zur Verfügung", sagt Schildberger. "Immerhin wurden für diesen Zeitraum im Register 444.685 stationäre Einlingsgeburten – sowohl Lebend- als auch Totgeburten – inklusive der wichtigsten Geburtsdaten erfasst."

Was also verrieten die Daten über die geschlechtsspezifischen Eigenheiten der Föten und Neugeborenen? Schildberger: "Die statistische Auswertung der registrierten Daten zeigte auf, dass es bei männlichen Föten tatsächlich deutlich häufiger zu Frühgeburten kam."

Mehr männliche Frühchen

So waren zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche 56,3 Prozent der Frühchen männlich, und auch zwischen der 32. und 37. Woche gab es rund zehn Prozent mehr zu früh geborene Buben als Mädchen.

Selbst wenn man von den durch Frühgeburten verursachten Maßnahmen absieht, waren bei männlichen Föten mehr geburtshilfliche Eingriffe erforderlich als bei weiblichen. So wurden Buben häufiger durch operative Eingriffe wie zum Beispiel Kaiserschnitt oder mittels Saugglocke geboren. Die Zahl der um den errechneten Geburtstermin totgeborenen Kinder war dagegen gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt.

Unterschiedlich ist wiederum der Allgemeinzustand von männlichen und weiblichen Neugeborenen: Von einer Sauerstoffunterversorgung des Neugeborenen nach der Geburt sind prozentuell mehr Knaben als Mädchen betroffen. "Der klinische Zustand von Neugeborenen und ihre Anpassungsfähigkeit an das Leben außerhalb der Gebärmutter wird standardmäßig mithilfe eines Punkteschemas, des sogenannten Apgar-Score, beurteilt", sagt Schildberger. Hierbei werden die Atmung, die Hautfarbe, die Reflexantwort auf taktile Stimulation, die Herzfrequenz und der Muskeltonus des Kindes überprüft. Die Datenanalyse zeigte, dass die Apgar-Werte bei männlichen Neugeborenen deutlich schlechter waren als bei weiblichen – und das nicht nur bei den Früh-, sondern auch bei den termingerecht geborenen Kindern.

Folglich mussten auch mehr neugeborene Buben auf eine neonatologische Abteilung verlegt werden. "Obwohl Buben beim Geburtstermin durchschnittlich schwerer sind als Mädchen, weisen psychologische Untersuchungen darauf hin, dass sie in ihrer Entwicklung vier bis sechs Wochen zurückliegen", so die Geburtshelferin. Dabei gehe es etwa um die Fähigkeit des Kindes, die Umwelt wahrzunehmen oder sich beruhigen zu lassen. "Während Mädchen schneller lernen, sich selbst zu beruhigen, brauchen Buben dafür viel länger die Mutter."

Die Ergebnisse der neuen Untersuchung bestätigen die wenigen Studien, die zum Thema der genderspezifischen Geburtshilfe bislang vorliegen. Angesichts der gegenwärtigen Bemühungen um eine personalisierte und genderspezifische Medizin machen die Daten deutlich, dass auch die geburtshilfliche Betreuung auf einer geschlechtssensiblen Basis erfolgen muss. (Doris Griesser, 195.6.2016)

  • Im Bemühen um eine personalisierte Medizin muss auch die  Geburtshilfe geschlechterspezifisch erfolgen, wie neue Daten zeigen.
    foto: apa / dpa / uwe möller

    Im Bemühen um eine personalisierte Medizin muss auch die Geburtshilfe geschlechterspezifisch erfolgen, wie neue Daten zeigen.

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