Als die Hakenkreuzfahnen verschwanden

17. Juni 2016, 17:36
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Neue Erkenntnisse über die Umbrüche und Kontinuitäten, die das Ende des NS-Regimes mit sich brachte, wurden am Zeitgeschichtetag 2016 in Graz präsentiert. Auch Flucht und Migration waren Thema

Graz – Es ist eine sonderbare Statue, die vor kurzem auf dem Campus der Grazer Universität aufgestellt wurde: ein zwei Meter hoher Sockel, auf dem nur die behosten Unterschenkel eines offenbar zerstörten Standbildes zu sehen sind. Monument to a destroyed monument heißt die Installation, mit der die Künstlerin Anna Jermolaewa allen Denkmälern ein Denkmal setzt, die infolge geänderter Machtverhältnisse je gestürzt wurden: von den zahllosen Lenin- und Saddam-Statuen bis zum Baaltempel im syrischen Palmyra.

Aber was machen diese speziellen Akte der Wut und Zerstörung mit der eigenen Geschichte? Das paradoxe Objekt verweist auf die abrupten und radikalen Umwertungen vertrauter Ordnungsmuster, deren Deutung sich die zeitgeschichtliche Forschung widmet. Es ist daher von Symbolkraft, dass die Enthüllung dieser lädierten Statue ausgerechnet den "Zeitgeschichtetag 2016" eingeläutet hat. Die internationale Historiker-Konferenz beschäftigte sich vergangene Woche in Graz mit dem Motto "Konstruktive Unruhe".

Für Österreich war das Jahr 1945 eine solche Zeitenwende. Aus den Wohnzimmern verschwanden die Hitler-Bilder, die Hakenkreuzfahnen wurden auf den Dachböden verstaut. Aber was wurde aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten? Immerhin war in den ersten Nachkriegsjahren rund eine halbe Million registrierter NSDAP-Mitglieder vom Wahlrecht ausgeschlossen, wobei sogenannte Minderbelastete bereits bei der Nationalratswahl 1949 schon wieder ihre Stimme abgeben durften.

Vorläufer der FPÖ

In ihrem Vortrag zeichnete die Zeithistorikerin Margit Reiter von der Universität Wien den politischen Formierungsprozess der ehemaligen NSDAP-Mitglieder nach, der zur Gründung des Verbands der Unabhängigen (VdU) führte, aus dem 1956 die FPÖ hervorging. Diese habe sich von Beginn an als deutschnationales Sammelbecken verstanden und mit Anton Reinthaller nicht zufällig eine Galionsfigur der sogenannten Ehemaligen zum ersten Bundesparteiobmann gekürt.

Matthias Falter von der Uni Wien berichtete vom Werben der ÖVP um die Wählerstimmen der ehemaligen Nationalsozialisten – was im Gegensatz zu den Bemühungen der SPÖ um dieses potenzielle Wählersegment wissenschaftlich bisher noch kaum beachtet wurde. Damit habe sich die ÖVP in Konkurrenz zum frisch gegründeten VdU begeben, gleichzeitig aber auch diverse Kooperationsversuche unternommen: etwa beim "Treffen von Oberweis" 1949, über das sogar in der New York Times berichtet wurde.

Trotz aller Bemühungen um die Ehemaligen verloren die beiden Großparteien letztlich viele Wähler an den VdU. Immerhin konnte die ÖVP in der Folge etwa durch die Gründung der deutschnational-konservativen "Jungen Front" doch noch etliche davon in ihre Partei integrieren.

Dass die Beschäftigung mit zeithistorischen Themen meist auch zu brisanten Fragen der Gegenwart führt, zeigten etwa Stefan Benediks Überlegungen zum unterschiedlichen Umgang mit verschiedenen Opfergruppen in den aktuellen Gedenkkulturen. Der Historiker von der Uni Graz hob hervor, dass Roma als Opfer von NS-Verbrechen oft nur dann zum Teil von praktizierter Erinnerung werden, wenn daraus keine gesellschaftspolitische Verantwortung abgeleitet werden muss.

Daniel Brewing von der Universität Aachen sprach über die Legitimierungsstrategien von NS-Gewalt im besetzten Polen: Deutsche wurden damals systematisch als Opfer polnischer Aggression dargestellt, wodurch sich die Täter als Verteidiger sahen und ein Gefühl von Unschuld aufrechterhalten konnten.

Flüchtlingslager anno 1914

Eine außergewöhnliche Perspektive auf das Flüchtlingsthema brachte die Architektur- und Kulturtheoretikerin Antje Senarclens de Grancy von der TU Graz mit ihrem Beitrag über die Flüchtlingslager im Ersten Weltkrieg ein. Ab Sommer 1914 habe man in Österreich-Ungarn zusätzlichen Wohnraum für hunderttausende Kriegsflüchtlinge benötigt, sodass in kürzester Zeit rund 15 Lager aus dem Boden gestampft wurden.

Während diese von offizieller Seite als herausragende bauliche und organisatorische Leistung gefeiert und von Besuchern als Orte mit modernster Infrastruktur bewundert wurden, kam für die Flüchtlinge der Aufenthalt in diesen Unterkünften eher einer Internierung nahe. Waren doch die k. k. Flüchtlingslager de facto abgeschlossene Systeme, die durch Stacheldrahtzäune von ihrer Umgebung getrennt waren und mit ihren riesigen, ungeteilten und meist überbelegten Räumen keinerlei Rückzugsorte boten. Bezeichnenderweise existieren nur wenige und inszenierte Fotos vom Inneren dieser Lager.

Als Hauptreferentin konnten die Organisatoren die US-Historikerin Atina Grossmann gewinnen, die über die noch immer weitgehend unerforschten Erfahrungen jüdischer NS-Flüchtlinge in der Sowjetunion, im Iran und in Indien berichtete. Dem breiten gesellschaftlichen Interesse an zeithistorischen Fragen trugen die Veranstalter Rechnung, indem sie parallel zum dichten Vortragsprogramm erstmals einen Open Space auch für Nichthistoriker organisierten – mit dem Ziel, dazu beizutragen, den vielen Besuchern den Blick für die jüngere Vergangenheit zu schärfen. (Doris Griesser, 17.6.2016)

  • Um hunderttausende Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs unterzubringen, wurden 1914 im niederösterreichischen Gmünd 15 Lager errichtet.
    foto: stadtarchiv gmünd

    Um hunderttausende Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs unterzubringen, wurden 1914 im niederösterreichischen Gmünd 15 Lager errichtet.

  • Inszenierte Idylle in Flüchtlingslagern.
    foto: stadtarchiv gmünd

    Inszenierte Idylle in Flüchtlingslagern.

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