Die Rückkehr der Braunbären in die Alpen

18. Juni 2016, 17:00
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In einem EU-Projekt arbeiten Forscher aus Kroatien, Slowenien, Italien und Österreich nun zusammen, um Braunbären wieder in den Alpen anzusiedeln

Wien – Mitte des 19. Jahrhunderts war der Braunbär in Österreich ausgestorben. Seitdem hat es wiederholte Wiederansiedlungsversuche gegeben: 1972 ließ sich der "Ötscherbär" in Niederösterreich nieder, der knapp 20 Jahre später mit einer zu diesem Zweck aus Kroatien importierten Bärin drei Junge zeugte. Ein im selben Zeitraum ausgesetztes zweites Bärenpaar sollte das Wiederansiedlungsprojekt weiter vorantreiben. Das klappte eine Zeitlang ganz gut: Geschätzte dreißig Jungtiere dürften im Bundesgebiet geboren worden sein. In den folgenden Jahren jedoch verschwanden die Tiere nach und nach, und seit 2011 gilt der Bestand wieder als erloschen. Allerdings werden immer wieder Bären in Grenzgebieten gesichtet, so zuletzt ein Männchen mit einem auffälligen weißen Schulterfleck in Kärnten.

Dieser Bär stammt aus Slowenien, wo es – wie bei einigen unserer südlichen Nachbarn – eine starke Bärenpopulation gibt: 450 Bären beherbergt Slowenien auf einer Fläche, die nur so groß ist wie das niederösterreichische Wald- oder Weinviertel. In Kroatien leben mehr als 1000 Tiere auf einem nur wenig größeren Areal, im Trentino dürften sich rund 40 Bären dauerhaft aufhalten und in Friaul immerhin fünf.

Monitoring per Kotproben

Während sich die Bären jedoch nicht darum kümmern, durch welches Hoheitsgebiet sie gerade streifen, endet der Naturschutz eines Landes gewöhnlich an seinen Grenzen, was die Überwachung und Erforschung von Tieren mit so großem Streifgebiet wie Bären massiv einschränkt. Vor diesem Hintergrund wurde 2014 das EU-Life-Projekt "DinAlp Bear" ins Leben gerufen: Dabei arbeiten Kroatien, Slowenien, Österreich und Italien unter der Leitung der slowenischen Forstverwaltung zusammen, um die Braunbären zu schützen und ihre Rückkehr in die Alpen zu unterstützen.

Dazu muss man zuerst einmal wissen, wie viele Bären es wo gibt. Das Projektteam, zu dem auch Felix Knauer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie von der Veterinärmedizinischen Universität Wien gehört, bemüht sich daher um ein länderübergreifendes Monitoring, das je nach Bärendichte in verschiedenen Regionen unterschiedlich abläuft: So setzt man in Gebieten mit großen Bärenvorkommen auf Zählungen auf der Basis von Kotproben, die von der örtlichen Jägerschaft gesammelt werden. "In Slowenien wurden bis jetzt mehr als 2000 Proben gesammelt, in Kroatien rund 1200, die jetzt ausgewertet und statistisch erfasst werden", berichtet Knauer. Im Trentino hingegen versuchen die Wissenschafter, über Haare oder Kot jeden Bären individuell genetisch zu erfassen. In den Ostalpen, wo die geringste Bärendichte herrscht, wird jedem Hinweis auf die Anwesenheit eines Bären akribisch nachgegangen.

Zusätzlich wurden und werden aber auch Tiere mit Sendern versehen, um mehr über ihre Wanderbewegungen und die Strecken zu erfahren, die sie dabei zurücklegen. Die Daten daraus sollen helfen, für die Bären wichtige Habitate und Ausbreitungskorridore zu identifizieren und in der Folge zu schützen. Ein massives Problem stellen Autobahnen dar, die das Streifgebiet der Bären durchschneiden: Beim Versuch, sie zu überqueren, werden die Tiere häufig von Fahrzeugen getötet. Gewöhnliche Wildzäune schaffen hier keine Abhilfe, da die Bären sie leicht kletternd überwinden. Mehr Erfolg hat man bis jetzt durch "grüne Brücken" erzielt, also künstliche, an der Oberseite bepflanzte Tunnel, die den Bären ein gefahrloses Queren der Straße ermöglichen – und auch die Autofahrer vor Zusammenstößen mit ihnen bewahren.

Am stärksten hängt die erfolgreiche Rückkehr des Bären jedoch von seiner Akzeptanz durch den Menschen ab, mit dem er in der Kulturlandschaft leicht in Konflikt gerät. Das Projekt sieht daher vor, sogenannte Hotspots festzustellen, an denen Bär und Mensch besonders häufig aneinandergeraten. Normalerweise meiden Bären menschliche Siedlungen, doch Abfallkübel und wilde Deponien, auf denen häufig auch Essensreste oder gar Schlachtabfälle landen, üben eine gewaltige Anziehung auf sie aus.

Bärensichere Abfallkübel

Neben entsprechender Aufklärungsarbeit hat das Projektteam verschiedene Abfallkübel entwickelt, die für Bären "unknackbar" sein sollen. "Die haben wir Zoobären zum Testen überlassen", erzählt Knauer, "die finden das super, weil ihnen oft langweilig ist. Mittlerweile hat sich ein Modell herauskristallisiert, das allen Öffnungsversuchen widerstanden hat, und das wird jetzt auch eingesetzt." Schäden an menschlichem Eigentum, wie Nutztieren oder Bienenstöcken, werden in Österreich nach Begutachtung durch einen Experten entschädigt.

In Slowenien ist der Bestand so hoch, dass die Bären – trotz Schutzstatus – nach einem genau geregelten Abschussplan bejagt werden dürfen oder müssen. Trotzdem verirrt sich nur sehr selten einer nach Österreich – und wenn, dann sind es nur Männchen. Warum erfolgt unter diesen Umständen kein stärkerer Zuzug? "Das ist eine Frage, die wir klären wollen", sagt Knauer. In Slowenien gab es in den 1920ern nur mehr lokale Bärenvorkommen, in den 1990ern waren es rund 400 Exemplare, die sich in der Folge im Dinarischen Gebirge ausbreiteten, nicht aber in den slowenischen Alpen. "Das könnte an illegalen Abschüssen liegen,", meint Knauer, "es kann aber auch sein, dass die Weibchen einfach nicht so weit wandern." Die wissenschaftliche Arbeit dazu hat eben erst angefangen, die Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Bären zurück nach Österreich zu bringen. (Susanne Strnadl, 18.6.2016)

  • Seit 2011 gilt der Bestand an wildlebenden Braunbären in Österreich als erloschen. Auf dem Foto: die Braunbären Vinzenz und Tom im Mai im Bärenwald Arbesbach, Waldviertel.
    foto: apa /vier pfoten / 2016

    Seit 2011 gilt der Bestand an wildlebenden Braunbären in Österreich als erloschen. Auf dem Foto: die Braunbären Vinzenz und Tom im Mai im Bärenwald Arbesbach, Waldviertel.

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