In Afrika werden Wissenschafter als Fremde betrachtet

15. Juni 2016, 17:46
45 Postings

Afrikanische Expertin kritisiert Europa-Zentrismus in der Arbeit von Science-Centern

Graz – Wie werden Science-Center zukünftig aussehen, werden sie vielleicht vermehrt Ausstellungen im virtuellen Raum gestalten? Sollten diese Stätten der spielerischen Wissenschaftsvermittlung vielleicht auch mehr noch als bisher Klimawandel und Migration zum Thema machen, um mehr Aufklärung über große gesellschaftliche Herausforderungen der Gegenwart zu bieten?

Fragen wie diese wurden vergangene Woche bei der Jahrestagung des Europäischen Netzwerks der Science-Center und Museen, Ecsite, in Graz leidenschaftlich diskutiert. Die Vereinigung wurde 1989 gegründet und hält jährlich in einer anderen europäischen Stadt eine große Konferenz zum Gedankenaustausch über Trends in der Gestaltung wissenschaftlicher Ausstellungen ab.

Bei der diesjährigen Veranstaltung kam ein kritischer Zwischenruf von der Südafrikanerin Elizabeth Rasekoala, Präsidentin des Netzwerks Gong, der afrikanischen Vereinigung für Popularisation of Science & Technology, and Science Communication. Ehe man sich über diese Fragen Gedanken mache, müsse man grundsätzliche Zugänge in der Wissenschaftsvermittlung der Science-Center diskutieren, sagte sie. Rasekoala zum STANDARD: "Alle Science-Center weltweit vermitteln derzeit die gleiche Wissenschaft, Wissenschaft, die wichtig und spannend ist, aber ausschließlich aus Europa und den USA kommt." Das sei elitär und an den einheimischen Menschen vor Ort vorbeigedacht. Diese würden die Wissenschafter daher als Fremde betrachten.

In ihrer Heimat habe kein Besucher das Gefühl, dass es um Wissen und Erkenntnisse von Forschern des afrikanischen Kontinents gehe. Selbst die afrikanischen Wissenschafter, die hier präsentiert werden, seien "europazentriert". Deshalb seien auch nur fünf Prozent der Besucher schwarz.

Wissenschaft in Science-Centern müsse vom Volk kommen "und ihm auch gehören". In der Vergangenheit sei das in Afrika nur bei der ersten Mondlandung 1969 gelungen – also mit einem Thema, das nicht aus Afrika kam. "Alle hatten den Eindruck, selbst auf dem Mond zu sein. Es war ihnen nicht wichtig, dass das ein weißer Mann war. Sie sagten: Heute flieg ich zum Mond." Eine dank Fernsehübertragungen weltweite Begeisterung, die auch den letzten Winkel von Dörfern ergriffen habe, sagt Rasekoala.

Die Betreiber der Science-Center seien gefragt, mit mehr Selbstbewusstsein an die Gestaltung der Ausstellungen heranzugehen. Rasekoala gibt ein Beispiel von einem indischen Zentrum, das sie einmal besucht habe. Obwohl das Land einen großen Fundus an altem, über Generationen weitergegebenem Wissen habe, zum Beispiel in der Medizin, sei der Zentrumsleiter sehr stolz gewesen, eine 1:1-Kopie eines US-amerikanischen Centers zu leiten. (Peter Illetschko, 15.6.2016)

  • Elizabeth Rasekoala kritisiert die Science-Center.
    foto: maja tos

    Elizabeth Rasekoala kritisiert die Science-Center.

Share if you care.