"Die Anpassung": Schwermütige Kochshow

14. Juni 2016, 15:54
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Das aus Teheran zu den Wiener Festwochen eingeladene Stück basiert auf dokumentarischem Material

Wien – Drei Frauen an drei Kochstellen. Vor ihnen am Boden drei schwarze Gräber: für enttäuschte Lieben, tote Geliebte, aber auch für sie selbst. Hinter ihnen ein die gesamte Bühnenbreite einnehmendes Regal mit Zutaten: Mehl, Zucker, Eier usw. Die drei werden kochen, bis es leergeräumt ist und währenddessen erzählen. In ihren Geschichten füllen sie die Gräber.

Die Anpassung heißt das aus Teheran zu den Festwochen ins Museumsquartier eingeladene, auf dokumentarischem Material basierende Stück der Autorin Mahin Sadri. Einsetzend 1979, in ihrem Geburtsjahr und dem Jahr der Islamischen Revolution, ziehen sich Lebensrückblicke bis ins Heute. Im Zentrum stehen soziale Widerstände: solche, die zu groß sind, und solche, die von den Frauen überwunden werden.

Mahnaz etwa hat ihren Mann im Irakkrieg verloren und muss den Sohn allein durchbringen. Shahla wird für ihre Liebe zu einem verheirateten Mann zur Märtyrerin. Leylâ ist wider alle Vorurteile eine Bergsteigpionierin. Im Verlauf ergeben sich sachte Berührungspunkte zwischen ihnen, doch eigentlich kämpfen sie auf je einsamem Posten.

Wie Regisseurin Afsâneh Mâhian den kaum je unterbrochenen Textstrom inszeniert, besticht durch Reduziertheit und Präzision. Manchmal werden Kochgeräusche zu dramatischen Akzenten. Meist aber geschehen die szenischen Verrichtungen im Hintergrund. Wie ferngesteuert putzt die eine Gemüse, bäckt die andere eine Torte, klaubt die Dritte über den Boden ausgeschüttete Walnüsse zurück in ihre Schüssel. Eindrücklicherweise passt der selbstverständliche Umgang mit den häuslichen Aufgaben ebenso zur Sozialisierung der Frauen in den schwarzen Kleidern und Kopftüchern, wie er in Konflikt mit der Leidenschaft und dem Schmerz in ihren Stimmen steht.

Die zubereiteten Speisen werfen sie am Ende weg: Zum einen gibt es keinen mehr, um zu teilen, zum anderen haben sie sich über die ihnen zugedachten Rollen erhoben. Es ist eine Leistung der auf Farsi monologisierenden Darstellerinnen, zu strahlen, obwohl sie dazu zwingen, eindreiviertel Stunden Übertitel mitzulesen. Sie haben Witz, sind anmutig. Großer Beifall dafür. (Michael Wurmitzer, 14.6.2016)

Bis 16. 6.

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Wiener Festwochen

  • Eine Widerspenstige im Stück "Die Anpassung": Bârân Kosari.
    foto: rézâ ghâziâni

    Eine Widerspenstige im Stück "Die Anpassung": Bârân Kosari.

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