Erfolgsgeschichten ermutigen Kinder zur Flucht

15. Juni 2016, 05:30
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Ägypten hat den höchsten Anteil an unbegleiteten Minderjährigen, ihr Ziel ist fast immer Italien

Waren es Anfang des Jahres noch "bis zu eine Million" Flüchtlinge, die laut den Vereinten Nationen nach Griechenland kommen sollen, wurde die Zahl diese Woche nach unten revidiert. Das Flüchtlingshochkommissariat UNHCR spricht jetzt von 248.000 Menschen, die heuer über diese Route ankommen werden. Gründe sollen die geschlossene Balkanroute und der Türkei-EU-Deal sein.

Trotzdem werden Flüchtlinge weiterhin den gefährlichen Weg nach Europa versuchen. So auch acht Schüler aus Kafr al-Arab, einem kleinen Dorf im Nildelta, die sich im April auf den Weg nach Alexandria gemacht haben. Ihr Ziel: Italien. Von ihren Absichten haben ihre Angehörigen erst durch einen "Simsar" – einen Mittelsmann – erfahren. Er klopfte bei den Familien an und sicherte sich die Unterschrift unter eine Schuld von 30.000 ägyptischen Pfund (rund 3.000 Euro). "Wir haben alle eingewilligt, nachdem uns eine sichere Überfahrt über das Mittelmeer und Arbeitsmöglichkeiten im Ausland zugesichert worden waren", erklärte einer der Väter einer lokalen Zeitung.

Der Fall von Kafr al-Arab passt ins Muster, das die Internationale Organisation für Migration (IOM) kürzlich in einer Fallstudie festgehalten hat. Der Anteil von allein reisenden Kindern aus Ägypten ist in den vergangenen Jahren alarmierend gestiegen. Im Vorjahr waren es bereits 1.711 von 2.650 Migranten, also 66 Prozent. Und der Trend geht weiter. Allein im April sind 638 ägyptische Kinder in Italien gestrandet. Im August waren auf einem einzigen Boot, dessen Passagiere südlich von Kreta gerettet wurden, 132 ägyptische Jugendliche aufgegriffen worden.

Kinder haben Chancen

Die Fluchtgründe sind bei den Jugendlichen nicht andere als bei den Erwachsenen: wirtschaftliche Not und kaum Zugang zu Bildung. Ägypter haben in Europa aber kaum Chancen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Für unbegleitete Jugendliche gibt es bessere Aussichten, insbesondere in Italien, dem beliebtesten Ziel in Europa für ägyptische Migranten. Dort gibt es inzwischen eine etablierte ägyptische Community. Die Teenager werden nicht zurückgeschickt und können eine Schule besuchen. Bis sie 16 sind und zehn Schuljahre absolviert haben, dürfen sie nicht arbeiten. Als Erwachsene können sie eine Aufenthaltsbewilligung zum Studium oder zum Arbeiten beantragen.

Die geografische Lage Ägyptens macht das Nilland zu einer Drehscheibe des Menschenschmuggels, insbesondere für Menschen aus Ländern südlich der Sahara. Ein guter Nährboden für das Schmuggelgeschäft ist die Krise in der Fischerei an den ägyptischen Küsten. Zehntausende haben in den vergangenen Jahren ihren Job verloren. Viele haben auf Menschenschmuggel umgesattelt und sind mit ihren Holzbooten Teil dieses Netzwerkes geworden. Kinder aus diesen Regionen sind besonders anfällig. Sie können Schiffe reparieren und navigieren und werden für diese Dienste oft mit einer freien Überfahrt geködert. Auf der gefährlichen Reise sind Kinder besonders gefährdet.

Durch Gleichaltrige beeinflusst

In einzelnen Dörfern, etwa in Tatoun in der Oase Fayoum, ist durch Erfolgsgeschichten geradezu ein Sog entstanden. Eine Milano-Straße mit neuen großen Häusern zeugt von erfolgreichen Beispielen und davon, wie sich der Lebensstandard der Familie zu Hause verbessern kann. Auch die IOM hat festgestellt, dass zwei Drittel der jugendlichen Emigranten durch gleichaltrige Bekannte beeinflusst waren, die es nach Europa geschafft hatten. Nach der Ankunft gaben 80 Prozent an, sie würden die Mittelmeerpassage nicht wiederholen, und 93 Prozent sagten, sie würden den Kindern in ihrem Dorf empfehlen, legale Wege zu suchen. Aber sie selbst wären trotzdem gegangen, auch wenn ein Freund ihnen abgeraten hätte. Gegen die Wirkung von Erfolgsgeschichten verpuffen alle Warnungen. (Astrid Frefel aus Kairo, 15.6.2016)

  • Auch in Ägypten selbst haben Flüchtlingskinder die Chance, eine öffentliche Schule zu besuchen. Doch die meisten wollen weiter nach Europa. Meistens nach Italien.
    foto: ap photo/nariman el-mofty

    Auch in Ägypten selbst haben Flüchtlingskinder die Chance, eine öffentliche Schule zu besuchen. Doch die meisten wollen weiter nach Europa. Meistens nach Italien.

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