Stefan Zweig und die Meisterschaft Europas

Kommentar der anderen14. Juni 2016, 17:23
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In der Inszenierung des wichtigsten Sportereignisses wächst Europa nicht zusammen. Im Gegenteil, auf der Vorderbühne des Sports wird die Renationalisierung eindrücklich aufgeführt

Jetzt sind die schönsten Tage des Jahres. Die Menschen flanieren abends durch die Wiener Innenstadt und können das Adjektiv "lau" verwenden. Die Stimmung ist entspannt. Die Tourismussaison geht allmählich auf ihren Höhepunkt zu. Wien gilt als sicher, attraktiv, weltoffen und tolerant. Das ist ein hohes Gut heutzutage. In der Fußgängerzone der einstigen Vielvölkermetropole vermischen sich die Europäer, die das nötige Kleingeld haben, mit Reisenden aus arabischen Ländern, den USA oder Asien.

Überall haben die Wirte Flatscreens montiert, um die Spiele der Fußballeuropameisterschaft zu übertragen. Das ist keine Maßnahme zur Völkerverständigung, sondern soll in erster Linie den Umsatz ankurbeln. Es sind so viele Lokale und Fernsehgeräte und Lautsprecher, die die Innenstadt beschallen, dass man sich dem kaum entziehen kann. Nirgends scheint Europa zurzeit präsenter und greifbarer.

Aber welches Stück wird hier eigentlich dargestellt? Welches Europa inszeniert sich hier so mächtig und unübersehbar im öffentlichen Raum? Ein Europa der gegeneinander rivalisierenden Nationen.

Mit welcher nationalpolitischen Ernsthaftigkeit dabei das "schöne Spiel" aufgeladen wird, dokumentiert sich auf vielen Ebenen. In jenem Staatsakt in der Hofburg etwa: Der Bundeskanzler der Republik verabschiedet mit der Unterstützung diverser Minister das in seine Firmungsanzüge gesteckte Nationalteam samt Betreuerstab in die zu erwartenden Schlachten.

Natürlich wird dabei darauf hingewiesen, dass unsere Burschen immer bedenken sollten, dass das ganze Land wie "ein Mann" hinter ihnen stünde. Als ironische Zugabe gibt es dazu noch das schon etwas abgenutzte Bonmot des britischen Fußballers und Trainers Bill Shankly, der meinte, dass es beim Fußball nicht um Leben und Tod gehe, sondern um weitaus mehr.

Und nicht zuletzt erinnert die gesamte kollektive nationalistische Erregtheit an die Kriegsmetaphorik vergangener Zeiten. Dazu informieren uns Scharen von "embedded" Sportjournalisten in täglichen Pressekonferenzen aus den diversen Newsrooms – analog zu den War-Rooms – in den immer gleichen Phrasen über den jeweils aktuellen psychischen und physischen Zustand der Athletensöldner.

Oder ist es vielleicht doch das multikulturelle Europa? Immer wurde ja auch betont, dass es gerade die multiethnische Zusammensetzung des aktuellen österreichischen Nationalteams sei, mit all seinen Akteuren aus dem ehemaligen Jugoslawien plus dem "Urwiener" David Alaba, die dieses so stark mache? Analogien zum österreichischen Wunderteam der 1930er-Jahre mit dem genialen papierenen Migranten und Jahrhundertspieler Mathias Sindelar sind dabei aufgelegt.

Aber oft ist es das, was nicht sofort sichtbar ist, das entscheidend ist. Im Abseits der penetranten Innenstadt-Flatscreens, in den verborgenen Gewölben des Votivkinos, läuft dieser Tage ein bemerkenswerter Film mit dem Titel Vor der Morgenröte. Er erzählt in ruhigen Szenen die letzten Lebensjahre des Wiener Schriftstellers Stefan Zweig bis zu dessen Freitod im brasilianischen Exil.

Ein Europa ohne Grenzen

Stefan Zweig war am Zerbrechen Europas zerbrochen. In der zweiten Szene des Films sagt er: "Ich glaube an dieses Europa. Ich glaube, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören werden. Ich bezweifle allerdings auch, ob wir das erleben werden."

Es ist das Jahr 1936. (Rudolf Müllner, 14.6.2016)

Rudolf Müllner ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Wien.

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