Alt sein: Zwischen Selbstbestimmung und Überwachung

16. Juni 2016, 09:00
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Assistenzsysteme sollen das Leben älterer Menschen und ihrer Pflegenden erleichtern, ohne die Selbstbestimmung einzuschränken. Dabei stellen sich ethische Fragen

Die meisten Menschen wollen auch im Alter noch in ihren eigenen vier Wänden sein. "Daheim zu wohnen anstatt in einem Pflegeheim, ist auch kostengünstiger", sagt Carolin Kollewe vom Institut für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. In Zeiten digitaler Vernetzung arbeitet auch die Pflegebranche an Technologien, die das Leben alter Menschen unterstützen.

Bereits auf dem Markt sind etwa private Hausnotrufsysteme, die mit einem Knopf am Handgelenk bedient werden können oder Systeme, die mittels Sensoren auf alltäglichen Gegenständen, etwa der Besteckschublade, den Rollläden oder der Haustüre, das Verhalten älterer Menschen überwachen und analysieren.

Während Systeme, die über einen Notrufknopf am Handgelenk bedient werden, vor allem in akuten Fällen schnelle Hilfe herbeiholen, beobachten und analysieren Systeme mit Sensoren das Verhalten älterer Menschen über einen längeren Zeitraum. Sie informieren den "Kümmerer", wie Kollewe Angehörige und Pflegedienste nennt, auf Basis der gesammelten Daten über den aktuellen Zustand. Das System unterbreitet Handlungsvorschläge oder übernimmt selbst Entscheidungen.

Präventive Überwachung

Sensoren im Wohnbereich – etwa an häufig benutzen Gegenständen wie der Mikrowelle oder Steckdosen – erkennen Bewegungen und analysieren so das typische Verhalten einer Person. Die Daten werden an einen Server übertragen und der "Kümmerer" erhält per E-Mail eine Nachricht, die darüber informiert, wie sich das Verhalten der zu betreuenden Person entwickelt hat. "Diese Systeme wirken vor allem präventiv, Angehörige oder Pflegedienste können dadurch beispielsweise erkennen, ob eine Person Anzeichen von Demenz entwickelt", erklärt Kollewe.

Kollewe hat die Akzeptanz dieser Technologien untersucht und ältere Menschen vor, während und nachdem diese so genannte AAL-Systeme (Ambient Assisted Living oder Altersgerechte Assistenzsysteme) verwendet hatten, befragt. "Sehr häufig wurde von den Befragten dabei das Thema Selbstbestimmung angesprochen", sagt Kollewe. Auch in der Werbung für diese Technologien spiele das Thema eine wichtige Rolle. Die Auswirkungen von AAL-Systemen auf die Selbstständigkeit nahmen die Befragten dabei ganz unterschiedlich wahr.

"Sozioökonomisch gut situierte Ältere, die aktiv, fit und gesund leben, wollen unabhängig von ihren Kindern sein und ihnen nicht zur Last fallen", sagt Kollewe. Autonomie sei auch für alte Menschen wichtig geworden. "Man sollte selbst für sich sorgen können", zitiert Kollewe eine der befragten Frauen. Für diese Gruppe der Befragten sei ein solches System eine Hilfe, um sich selbst und die Kinder zu entlasten. Diese Frauen fühlte sich auch vom System nicht "überwacht". Gerade bei solchen Personen sei aber auch Vorsicht angebracht, sagt Kollewe: "Diese Systeme können auch dazu führen, dass Menschen sich ganz unabhängig fühlen und sozial isolieren. In manchen Situation sollte man aber auch um Hilfe bitten."

Angriff auf die Privatheit

Eine andere Gruppe der Befragten hingegen, lehnte es vollständig ab, die AAL-Systeme zu verwenden. "Diese Personen sahen die Installation als Angriff auf ihre Privatheit, außerdem als Kontrolle ihrer Kinder oder des sozialen Dienstleisters", erzählt Kollewe. Manche Frauen sahen auch ihre Kompetenzen als Hausfrauen bzw. Führerinnen eines Haushalts infrage gestellt. Viele aus dieser Gruppe haben den Knopf am Handgelenk nie verwendet. Auch die Systeme zur Überwachung des Haushalts wurden von einzelnen Personen nicht verwendet, weil sie das Gefühl hatten "ausspioniert" zu werden.

Kollewe betont, dass AAL-Systeme ethische Fragen aufwerfen. "Ich habe von einem Fall gehört, bei dem eine demente Frau vergessen hatte, dass Sensoren installiert wurden und ihr Alltag damit beobachtet wurde." Die Überkontrollierung älterer Menschen sei in unserer Gesellschaft ein Problem, sagt Kollewe. Diverse Pflegdienste würden schon seit Jahren auf dieses Problemfeld hinweisen. Auch das "Vienna NGO Committee on Ageing" fordert mehr Selbstbestimmung für ältere Menschen. Vorsitzende Gertraud Dayé glaubt, dass die Autonomie häufig leidet, "weil ältere Menschen viel für ihre Angehörigen tun und nichts für sich selbst." Zudem kritisiert sie, dass teure AAL-System für sozial Schwache nicht zugänglich sind.

Dass auch an den Systemen selbst und ihrer Anpassungsfähigkeit an individuelle Bedürfnisse noch gearbeitet werden muss, zeigt folgendes Beispiel, von dem Kollewe erzählt: "Viele Systeme sehen vor, dass eine bestimmte Ruhezeit, also der Zeitraum in dem eine Person sich im Haus nicht bewegt, nicht überschritten werden darf." Das habe dazu geführt, dass eine ältere Frau, die in heißen Sommermonaten gerne lange geschlafen hat, immer wieder von der Notrufzentrale per Telefon aus dem Bett geklingelt wurde. Um dem vorzubeugen, trickst sie das System mittlerweile aus: "Die Dame steht morgens kurz auf, zieht die Rollläden hoch und legt sich danach wieder hin", erzählt Kollewe. (Bernadette Redl, 16.6.2016)

  • So oder so ähnlich sehen Werbeanzeigen für AAL-Systeme aus. Der Gedanke dahinter: Älteren Menschen soll vermittelt werden, dass sie trotz Assistenzsystemen oder gerade deshalb, selbstbestimmt und aktiv leben können.
    foto: reuters

    So oder so ähnlich sehen Werbeanzeigen für AAL-Systeme aus. Der Gedanke dahinter: Älteren Menschen soll vermittelt werden, dass sie trotz Assistenzsystemen oder gerade deshalb, selbstbestimmt und aktiv leben können.

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