Ausschluss auf Bewährung für Russland

14. Juni 2016, 13:07
964 Postings

Die Uefa hat die rote Karte für Russland schon in der Hand, doch auch die letzte Ermahnung vor dem angedrohten EM-Ausschluss lässt die Provokateure kalt. Der russische Teamchef macht sich keine Sorgen

Paris – "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Eher im Gegenteil. Bravo, Jungs. Macht weiter so!" Der Tweet von Igor Lebedew hat die Europäische Fußball-Union – wenn überhaupt – nur marginal beeinflusst. Der russische Fußballverband (RFS), dem der Sohn des Rechtsextremisten Wladimir Schirinowski als Vorstandsmitglied angehört, muss wegen der Ausschreitungen russischer Hooligans am vergangenen Sonntag im Stade Velodrome zu Marseille 150.000 Euro Strafe zahlen. Dazu wird dem russischen Team der Ausschluss aus der EM mehr als nur angedroht. Wird in einem der Stadien, in denen die Russen bei der EM noch spielen werden, wieder geprügelt, kann die Sbornaja abreisen.

"Wir sind sicher, dass wir nicht rausgeworfen werden. Unsere Fans werden keinen Grund für einen Ausschluss liefern", sagte Teamchef Leonid Sluzki. Artjom Dschjuba appellierte an die Fans, "sich darauf zu konzentrieren, uns zu unterstützen, wir wollen nicht disqualifiziert werden". Zugleich fügte sich der Stürmer von Zenit St. Petersburg wunderbar in die Front der Verharmloser: "Es sind nicht nur Russen schuld." Zeitgleich schwebt einer der britischen Fans, die am vergangenen Samstag bei den schweren Krawallen in Marseille verletzt wurden, in Lebensgefahr.

Englische Mädchen

Am Dienstag verzeichnete die französische Polizei zumindest einen Teilerfolg. Die Behörden griffen nahe Marseille eine kleinere Gruppe von Russen auf, die sich offenbar auf den Weg nach Lille machen wollten, wo Russland heute gegen die Slowakei spielt. Einige der Aufgegriffenen, die als "Risiko" für die öffentliche Sicherheit identifiziert wurden, wurden sofort ausgewiesen.

Alle Hooligans wird die Polizei kaum erwischen können, sie sind offenbar perfekt organisiert und kampferfahren. "Auf eine solche Chance habe ich zehn Jahre gewartet. 120 Russen haben 2.000 Engländer in die Flucht geschlagen, und die ganze Welt hat es gesehen", sagte ein russischer Hooligan, der unerkannt bleiben wollte, der französischen Nachrichtenagentur AFP in einem Interview in Moskau: "Wir sind hingegangen und haben gezeigt, dass die Engländer Mädchen sind."

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verurteilte die Ausschreitungen als "absolut inakzeptabel". Russland richtet 2018 die WM aus – Staatschef Waldimir Putin kann die Krise in Frankreich deshalb nicht gelegen kommen.

Seine EM-Delegation scheint das nicht zu kümmern. Nach Informationen des "Guardian" reist der Rechtsaktivist Alexander Schprygin, Gründer einer Vereinigung radikaler Anhänger und in der Vergangenheit unter anderem mit dem Hitlergruß aufgefallen, mit einer offiziellen Akkreditierung durch Frankreich. Er ist Lebedews Assistent.

Und für diesen sind nicht die russischen Hooligans schuld an dem, was in Marseille und anderen französischen Städten geschehen ist, sondern die Unfähigkeit der Veranstalter. Lebedew kritisierte "die Politiker und Funktionäre, die unsere Fans verurteilen".

Manchen Funktionärskollegen scheint die Argumentation Lebedews nichts auszumachen. Der Deutsche Wolfgang Niersbach hat sich als Exekutivmitglied trotz der deutlichen Uefa-Warnung gegen einen EM-Ausschluss der RFS ausgesprochen. "Wie sollen Verbände verhindern, wenn ihre Hooligans, die meist noch nicht einmal eine Karte fürs Stadion haben, in der Stadt randalieren", frug Niersbach in einem Interview mit der "Sport-Bild". (sid, lü, 14.6.2016)

  • Dunkelgelbe Karte für die russischen Fans.
    foto: reuters/herland

    Dunkelgelbe Karte für die russischen Fans.

Share if you care.