Schuhdesigner Stuart Weitzman: "High Heels verleihen Macht"

Interview20. Juni 2016, 12:09
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Warum tragen Politikerinnen mittelhohe Absätze? Und wie gehen Feminismus und High Heels zusammen? Der Schuhdesigner Stuart Weitzman hat die Antworten

STANDARD: High-Heels-Trägerinnen sind selbstbewusst, bodenständige Frauen tragen flache Schuhe. Ist an solchen Klischees was dran?

Stuart Weitzman: Frauen tragen High Heels aus unterschiedlichen Gründen. Die einen wollen ihre fehlende Körpergröße mit hohen Absätzen ausgleichen: High Heels können dabei helfen, wahrgenommen zu werden – und zwar nicht nur von Männern. Frauen schauen sich ja auch gerne an, wie andere Frauen aussehen. Den anderen verleihen High Heels Macht. Der Film Enthüllung mit Demi Moore und Michael Douglas ist dafür ein gutes Beispiel. Moore spielt darin den CEO, Douglas ist ihr als Präsident untergeordnet. In jeder Szene trägt sie einen Elf-Zentimeter-Absatz, weil sie der Boss ist.

STANDARD: Und Frauen, die flache Schuhe tragen?

Weitzman: Ich höre natürlich oft, dass Frauen flache Schuhe tragen, weil sie praktisch sind und damit gleich ins nächste Fitnessstudio gehen können.

STANDARD: Das kann aber nicht der einzige Grund sein, oder?

Weitzman: Frauen, die Flats tragen, sind selbstbewusst und mit sich im Reinen. Nicht nur mit ihrem Aussehen, sondern auch damit, wer sie sind. Audrey Hepburn oder Jacqueline Onassis zum Beispiel trugen immer flache Schuhe.

foto: stuart weitzman
Werbung wird immer noch mit High Heels gemacht, obwohl die Unternehmen meist Flats verkaufen. Hier ein Ausschnitt aus einer aktuellen Werbekampagne für Stuart Weitzman.

STANDARD: Sind flache Schuhe in manchen Situationen unangebracht?

Weitzman: Manchmal verirren sich Ballerinas auf den roten Teppich. Es erstaunt mich immer wieder, wenn eine Schauspielerin ein atemberaubendes, sexy Kleid trägt und mit flachen Schuhen ein Statement setzen möchte. Wenn das Kleid alles zeigt und der Schuh nichts, das passt einfach nicht zusammen. Bei einem konsequent schlichten Look ist das anders. Damit sage ich so viel wie: "Ich schere mich nicht um das ganze Tamtam hier."

STANDARD: Und flache Schuhe auf dem roten Teppich?

Weitzman: Mich hat noch nie eine Schauspielerin nach flachen Absätzen gefragt, manchmal wollen etwas ältere Frauen wie Glenn Close mittelhohe Absätze anziehen, das war's aber auch.

STANDARD: Sie machen Ihr Geld also mit High Heels?

Weitzman: Im Gegenteil, siebzig Prozent der Schuhe, die ich verkaufe, sind flach. Nur in den Magazinen werden meist meine High Heels abgebildet. Das langweilt mich.

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Ein von Stuart Weitzman (@stuartweitzman) gepostetes Foto am

STANDARD: Kristen Stewart hat zuletzt in Cannes auf dem roten Teppich Sneaker getragen. Funktioniert das?

Weitzman: Überhaupt nicht, Sneaker sind leger, machen Spaß, sind aber einfach nicht elegant.

STANDARD: Hatte der Siegeszug der Sneaker in den letzten Jahren eigentlich einen Einfluss auf den Verkauf von High Heels?

Weitzman: Mir hat der Erfolg des Sneakers einmal mehr vor Augen geführt, dass ein Schuh vor allem bequem sein muss. Wenn ich eine coole flache Espadrille machen will, dann muss die in Sachen Komfort mit dem Sneaker mithalten können. Meine Konkurrenten sind Adidas und Nike.

STANDARD: Welche Schuhe können ein Outfit ruinieren?

Weitzman: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, Schuhe zu tragen, in denen man nicht gehen kann. Dann achtet niemand mehr auf irgendetwas anderes als dieses unmögliche Gestolper.

STANDARD: Apropos, welche Absatzhöhe ist denn gesundheitlich vertretbar?

Weitzman: Mit fünfeinhalb Zentimetern und allem darunter kann eigentlich nichts schiefgehen. Alles darüber sollte man nicht täglich und ausschließlich tragen. Wenn sich die Sehnen verkürzen, bekommt man Probleme, flache Schuhe zu tragen. Man sollte die Füße täglich trainieren. (Weitzman macht kreisende Bewegungen mit dem Fuß unter dem Tisch.) High Heels zu tragen ist ein athletischer Akt, man muss in Form sein. Keine Ahnung, wie Kim Kardashion sie tragen kann. Sollte sie auch nicht, wenn ich ehrlich bin.

STANDARD: Herzogin Kate hingegen spielt sogar in Keilabsätzen Volleyball ...

Weitzman: Kates Job ist es, immer nett auszuschauen, sie trägt den Keilabsatz wie andere einen flachen Schuh. Das funktioniert, weil er keine hohe Steigung und vorne auch ein Plateau hat. Außerdem ist ihr Mann William ziemlich groß. Kate ist aber nicht die Einzige, die diesen Plateauabsatz mag. Auch andere Frauen stehen auf Keilabsätze.

STANDARD: Mit Ausnahme der Queen, die hasst bekanntlich diesen Schuh.

Weitzman: Trage niemals einen Keilabsatz! (lacht)

STANDARD: Die Queen sollte froh sein, dass Kate keine Crocs trägt. Was halten Sie denn von denen?

Weitzman: Die Leute lieben sie, weil sie bequem sind. Crocs sind eine tolle Erfindung, ich habe kein Problem mit den Teilen.

STANDARD: Hat der Feminismus das Schuhbusiness in den letzten Jahrzehnten verändert?

Weitzman: Enorm: Heute stellt sich kein Designer mehr hin und macht Vorgaben. Wir machen Vorschläge. Mein Vater hatte nur spitz zulaufende oder karreeförmige Schuhe im Programm. In meiner Kollektion gibt's spitze, runde, ovale, offene, runde Schuhe. Das macht das Geschäft unberechenbarer. Wenn ich 100 Schuhe designe und fünf Bestseller vor Augen habe, kommt es doch anders.

STANDARD: Sie verstehen die Frauen auch nach so vielen Jahren Schuhbusiness noch nicht?

Weitzman: In der Hinsicht leider nein.

STANDARD: Vielleicht können Sie das auch gar nicht. Haben Sie jemals selbst High Heels getragen?

Weitzman: Getestet habe ich sie. Und gleich eingesehen, wie schwierig es ist, hohe Absätze zu tragen. Deshalb gebe ich mir alle Mühe, sie bequem zu machen: Ich lege eine Latexsohle rein, man muss die Zehen bewegen können.

STANDARD: Warum tragen dann Politikerinnen immer mittelhohe Absätze?

Weitzman: Weil sie konservativ sein wollen. Die Schuhe, die Hillary Clinton heute trägt, hätte sie vor fünf Jahren auch schon anziehen können.

STANDARD: Und woran erkenne ich, ob ein Schuh qualitativ hochwertig ist?

Weitzman: Erst einmal gilt: Kaufe nichts Synthetisches. Wenn ein Material nach Leder aussieht, sollte es auch aus Leder bestehen, wenn etwas nach Wildleder aussieht, sollte es echtes Wildleder sein. Wenn ein Bestandteil des Schuhs transparent ist, darf er auch aus Plastik sein.

STANDARD: Müssen Qualitätsschuhe teuer sein?

Weitzman: Was heißt schon teuer? Teuer bedeutet für mich, dass man für ein Produkt mehr zahlt, als es letztlich wert ist. Wenn ich einen Rolls-Royce für 70.000 Euro kaufe, ist das günstig. Ein Lederschuh mit einer Ledersohle, gesteppten Nähten und einem guten Sitz sollte für nicht weniger als 300 bis 400 Euro zu haben sein. Man muss aber keine tausend Euro ausgeben, da bezahlt man für die Publicity, nicht das Produkt.

STANDARD: Inwieweit haben neue Technologien die Schuhindustrie verändert?

Weitzman: Schuhe sind heute stabiler, robuster, so einen dünnen High Heel hätte man früher gar nicht produzieren können. Wenn heute eine Celebrity einen zwölf Zentimeter hohen Schuh haben will, können wir das mithilfe von Titan realisieren.

Style Innovator: @ciara makes a statement at the 2016 #MetGala #inourshoes.

Ein von Stuart Weitzman (@stuartweitzman) gepostetes Foto am

STANDARD: Apropos Celebrities: Viele bekannte Frauen tragen Ihre Schuhe, wie eng ist die Zusammenarbeit?

Weitzman: Ich zeige ihnen erst die Zeichnungen und dann die Styles und gebe immer zwei, drei, vier Auswahlmöglichkeiten.

STANDARD: ... die meisten entscheiden sich dann eh für das Modell "Nudist", Ihren Bestseller ...

foto: stuart weitzman
Gigi Hadid mit dem Bestsellermodell "Nudist".

Weitzman: Der ist ja auch perfekt, da können die Kleider obenrum in letzter Sekunde ausgetauscht werden, ob Rot oder Violett, wurscht. (Anne Feldkamp, RONDO, 20.6.2016)

foto: stuart weitzman
Mit High Heels stattet Stuart Weitzman vor allem Celebrities aus ...
foto: stuart weitzman
... das Geschäft macht er mit flachen Schuhen wie diesen.

Stuart Weitzman kann auf einige Jahrzehnte im Schuhbusiness zurückblicken, mit seinem Unternehmen feierte er unlängst das 30-Jahr-Jubiläum. Weitzman lernte Anfang der 1960er-Jahre das Handwerk in der Schuhfabrik seines Vaters Seymour Weitzman in Massachusetts. 1965 übernahm er gemeinsam mit seinem Bruder das Unternehmen, das seit Mitte der Achtziger unter seinem eigenen Namen Luxusdamenschuhe verkauft. 2015 kaufte das amerikanische Accessoire-Unternehmen Coach den Schuhhersteller auf. Hergestellt werden die Schuhe in Produktionsstätten im spanischen Elda in der Nähe von Alicante, einen Großteil des Jahres verbringt Weitzman selbst dort.

Die Reise nach Elda erfolgte auf Einladung von Stuart Weitzman.

  • Der amerikanische Schuhdesigner Stuart Weitzman kann auf einige Jahrzehnte im Schuhbusiness zurückblicken.
    foto: stuart weitzman

    Der amerikanische Schuhdesigner Stuart Weitzman kann auf einige Jahrzehnte im Schuhbusiness zurückblicken.

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