Der IS setzt nun auf Einzelkämpfer

Analyse13. Juni 2016, 17:49
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Der "Islamische Staat" ist im Nahen Osten geschwächt. Vor dem Ramadan appellierte er an potenzielle Kämpfer, in ihren Herkunftsländern tätig zu werden

Im Juni 2014 eroberte der "Islamische Staat" (IS) die irakische Millionenstadt Mossul – worauf die USA begannen, ihre internationale Allianz für einen Luftkrieg gegen den IS zuerst im Irak, danach auch für Syrien aufzustellen. Für die lange Anlaufzeit, die die Kampagne brauchte – bis etwa die Ölanlagen, eine der Haupteinkunftsquellen für den IS, ernsthaft bombardiert wurden –, hatten US-Kritiker rasch eine Erklärung zur Hand: Die USA würden darauf setzen, den IS im Nahen Osten zu schwächen, aber nicht zu schlagen. Er sollte dort gebunden bleiben – um nicht den Terror in den Westen zu tragen.

Das sind Spekulationen von gestern. Was US-Präsident Barack Obama mit der Elimination von Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden in seiner ersten Amtszeit gelungen ist, soll zu Ende seiner zweiten wohl der entscheidende Schlag gegen den IS werden.

Die Entscheidung, dem Anti-IS-Kampf Priorität zu geben, wurde allerdings auch durch gewisse Entwicklungen 2015 zumindest gefördert: Als Moskau sein Engagement für das Assad-Regime in Syrien schlagartig erhöhte (das anfangs kaum gegen den IS gerichtet war), wurden auch im Irak vermehrt Stimmen laut, die sich anstelle der US-Assistenz eine russische Intervention wünschten. Außerdem stützte sich die irakische Regierung zum Missvergnügen Washingtons immer mehr auf iranische Hilfe und vom Iran abhängige irakische schiitische Milizen. Das heißt, dass die USA ihr militärisches Engagement erhöhen mussten, um politisches Terrain wettzumachen.

Kampf an mehreren Fronten

Es hat sich gelohnt: Trotz punktueller Erfolge hat die Terrororganisation von Abu Bakr al-Bagdadi, dessen echter Name Ibrahim Jawad al-Badri ist, in Syrien und im Irak – und auch schon wieder in Libyen, ebenfalls ein IS-Zielland – große Teile ihres Territoriums verloren und kämpft an mehreren Fronten.

In Syrien wird sogar schon die IS-"Hauptstadt" Raqqa von zwei Seiten in die Zange genommen: Bemerkenswerterweise stehen auf der einen die US-gestützten, von Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte und auf der anderen Seite die russisch-gestützte Regimearmee Bashar al-Assads. Dass dieser Wettlauf wieder neue Probleme kreieren wird, steht auf einem anderen Blatt. Russland würde seine Angriffe gern mit den US "koordinieren". Das sieht den USA natürlich viel zu sehr wie eine Duldung Assads aus, um infrage zu kommen – wobei man davon ausgehen kann, dass indirekter geheimdienstlicher Austausch über Dritte mit Damaskus vorhanden ist.

Dass der IS dabei ist, die Siegerstraße zu verlassen, hat 2016 auch erstmals zu einem Einbruch der Rekrutierungen geführt: Es hat sich herumgesprochen, dass das Bild der idealen jihadistischen Welt, das in den Propagandavideos gezeigt wird, und die Realität stark auseinanderklaffen. Auch das Geld wird knapp. Und der IS wendet sich auch immer mehr gegen seine eigenen Mitglieder: Die Angst vor Verrat hat sich zur Paranoia ausgewachsen, dutzende IS-Mitglieder in Raqqa, der irakischen IS-"Hauptstadt" Mossul und anderswo wurden in den letzten Monaten wegen Spionage oder Kollaboration mit dem Feind hingerichtet.

Bereits im Vorjahr hat der IS potenzielle Kämpfer aufgefordert, in ihren eigenen Staaten tätig zu werden – etwa in Saudi-Arabien. Ein expliziter Aufruf, den Kampf in die Herkunftsländer zu verlegen, kam vor dem derzeitig laufenden Fastenmonat Ramadan: Jeder noch so kleine Angriff sei wertvoll für das große Ganze. Damit stellt der IS Personen wie dem Attentäter von Orlando quasi einen Mitgliedsausweis aus: Es genügt, eine Tat im Namen des IS zu begehen, um dazugehören.

Übernationales Konzept

Die Horizontalität war auch eine Stärke von Al-Kaida: Es musste keinen Befehl von oben geben. Aber Al-Kaida bestätigte oft erst nach längerer Zeit, dass eine Gruppe, die in ihrem Namen Terrorakte verübte, auch tatsächlich dazugehörte. Der "Islamische Staat" mit seinem übernationalen Konzept scheint sich viel stärker an Individuen zu wenden: Bürger des IS kann man ganz leicht werden, überall. Dahinter steckt natürlich das Wissen, dass Aktionen von Einzelpersonen oder auch ganz kleinen Zellen noch schwerer zu verhindern sind als solche von organisierten Gruppen. Und von den Individuen bringt ein jeder seine eigene Pathologie mit: wie der Orlando-Mörder seinen Hass auf Homosexuelle. (Gudrun Harrer, 13.6.2016)

  • Der Schütze von Orlando hatte sich vor dem Angriff auf den Nachtclub Pulse in einem Anruf bei der Polizei zum IS bekannt.
    foto: reuters/carlo allegri

    Der Schütze von Orlando hatte sich vor dem Angriff auf den Nachtclub Pulse in einem Anruf bei der Polizei zum IS bekannt.

  • Muslime beteten am Sonntag in einer Moschee in Orlando. Nach dem Attentat gibt es erneut feindselige Töne gegen muslimische Gläubige.
    foto: apa / afp / getty images / drew angere

    Muslime beteten am Sonntag in einer Moschee in Orlando. Nach dem Attentat gibt es erneut feindselige Töne gegen muslimische Gläubige.

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