Vergewaltigungsfall Lohfink wird zu Politikum

13. Juni 2016, 17:38
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Die Reality-TV-Darstellerin behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Doch das Gericht glaubt ihr nicht. Frauenministerin Schwesig solidarisiert sich mit ihr

"Zack, die Bohne." Das ist der Spruch, mit dem Gina-Lisa Lohfink in Deutschland eine gewisse Bekanntheit erreicht hat. Man kennt die 29-Jährige aus diversen TV-Formaten ("Germany's Next Topmodel", "Die Alm", "Big Brother"). Der Kabinettstisch im Berliner Kanzleramt ist eher nicht der Ort, an dem man bisher über Gina-Lisa plauderte – oder zumindest nicht offiziell. Doch das könnte sich nun ändern. Denn was der jungen Frau gerade passiert, entsetzt nicht nur viele Geschlechtsgenossinnen, sondern auch die deutsche Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD).

Im Sommer 2012 wurde in Deutschland ein Video verbreitet, das Lohfink beim Sex mit zwei Männern zeigt. Sie erklärt, von den beiden mit K.-o.-Tropfen sediert und danach vergewaltigt worden zu sein. Im Video ist zu hören, wie sie mehrmals "Hör auf" und "Nein" sagt. Es kommt in Berlin zum Strafprozess gegen die beiden Männer, doch sie werden freigesprochen.

Bloßes "Nein" reicht nicht

Denn nach derzeitiger Rechtslage müssen sich Frauen erkennbar gegen einen Vergewaltiger wehren. Ein bloßes "Nein" reicht nicht aus. Nur wenn sie geschlagen oder bedroht werden, können sie – nachher – den Mann einer Vergewaltigung bezichtigen. Das sei im Fall von Lohfink nicht zu erkennen gewesen, heißt es.

Nun steht diese selbst vor Gericht, sie soll 24.000 Euro wegen falscher Verdächtigung bezahlen. Und sie wehrt sich dagegen nicht nur juristisch, sondern nutzt ihren Fall, um für die Reform des Sexualstrafrechts zu trommeln. "Ich sehe mich schon als Vorkämpferin. Die Politiker müssen endlich aufwachen."

"Ein 'Hör auf' ist deutlich"

Familienministerin Manuela Schwesig springt ihr zur Seite. "Wir brauchen die Verschärfung des Sexualstrafrechts, damit endlich in Deutschland die sexuelle Selbstbestimmung voraussetzungslos geschützt wird. 'Nein heißt Nein' muss gelten. Ein 'Hör auf' ist deutlich", erklärt sie. Auch Katja Dörner, die grüne Fraktionsvizechefin im Bundestag, sagt: "Der Umgang mit Gina-Lisa Lohfink ist erschreckend. Ein Opfer wird zur Täterin gemacht, öffentlich bloßgestellt, es wird ihr nicht geglaubt. Das nimmt anderen Frauen den Mut, eine Vergewaltigung anzuzeigen."

Anders als Österreich hat Deutschland die sogenannte "Istanbul-Konvention" noch nicht unterzeichnet. In dieser heißt es, dass jeder nicht einvernehmliche Sex unter Strafe zu stellen sei. Eine entsprechende Reform des Strafrechts zog sich in Deutschland jahrelang ohne Ergebnis hin. Erst nach der Silvesternacht kam Bewegung in die Causa. Politiker von Union und SPD versicherten nach den hunderten sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln, rasch zu handeln.

Union mit Vorbehalten gegen Gesetzesreform

Doch sie stecken fest. Der Gesetzesentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) sieht zwar vor, dass künftig auch Männer bestraft werden, die Frauen überrumpeln oder ihre Wehrlosigkeit ausnützen. Doch dass auch ein verbales "Nein" der Frau ausreichend sein kann, um den Täter zu bestrafen, wenn es dann doch zu einer Vergewaltigung kommt, ist nicht in seinem Gesetzesentwurf enthalten. Denn gegen das "Nein heißt Nein" gibt es in der Union Vorbehalte. Politiker von CDU/CSU befürchten eine Welle von Falschanzeigen von Frauen gegen Männer.

Gina Lisa-Lohfink bekommt auch im Internet unter dem Hashtag #TeamGinaLisa viel Unterstützung, unter anderem von der Feministin Anne Wizorek. Diese spricht von einem "Armutszeugnis für die Gesellschaft" und kritisiert auch, dass viele Menschen meinen, Lohfink sei selber schuld, weil sie sehr offenherzig auftrete.

Beim nächsten Verhandlungstag am 27. Juni soll es vor dem Gericht eine Solidaritätsdemo geben. Lohfink hat auch Minister Maas eingeladen. (Birgit Baumann aus Berlin, 13.6.2016)

  • Gina-Lisa Lohfink in Begleitung ihrer Anwälte vor dem Amtsgericht Berlin. Sie wehrt sich gegen den Vorwurf der Falschaussage und falschen Verdächtigung. Dafür soll sie 24.000 Euro zahlen.
    foto: apa/dpa/gabbert

    Gina-Lisa Lohfink in Begleitung ihrer Anwälte vor dem Amtsgericht Berlin. Sie wehrt sich gegen den Vorwurf der Falschaussage und falschen Verdächtigung. Dafür soll sie 24.000 Euro zahlen.

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