164 Tage, 176 "Mass Shootings" in den USA

Infografik14. Juni 2016, 09:38
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Seit Jahresbeginn wurden 285 Menschen bei Vorfällen mit Waffengewalt getötet. Was als "Mass Shooting" gilt, ist ein Politikum

Mehr als jeden Tag ein Massaker: So ließe sich die Bilanz des Mass Shooting Tracker (MST) für 2016 lesen. 176 Vorfälle mit Waffengewalt in den USA sind darin gelistet. Von den 164 Tagen im Jahr 2016 bis zum Tag nach dem Schusswaffenmassaker in Orlando gab es 70 Tage ohne ein "Mass Shooting." An vielen Tagen ereignen sich allerdings gleich mehrere Schusswaffenmassaker, an manchen bis zu sechs. Insgesamt wurden dabei in diesem Jahr bisher 285 Menschen getötet und 649 verletzt.

Im Feld des jeweiligen Tages wird die Zahl der Opfer aller Vorfälle des Tages addiert. Gibt es ausschließlich verletzte Personen, wird Orange verwendet. Ab einem Todesopfer wird die Farbe Rot verwendet. Wenn es mehr als zehn Opfer pro Tag gibt, färbt sich das Kästchen dunkelrot.

Die jüngste Tragödie ist das Schusswaffenmassaker im Nachtclub Pulse in Orlando, in dem ein 29-Jähriger 49 Menschen erschossen und mehr als 50 verletzt hat. Das Sturmgewehr und die Pistole hatte der Todesschütze wenige Tage vor dem Attentat legal erworben – obwohl der US-Bürger mit afghanischen Wurzeln 2013 vom FBI wegen möglicher Verbindungen zum "Islamischen Staat" verhört wurde.

Tödlichstes Schusswaffenmassaker in der US-Geschichte

"Eine weitere Erinnerung daran, wie einfach es in unserem Land ist, sich Waffen zu kaufen und Menschen in einer Schule, Kirche, einem Kino oder Nachtclub zu erschießen", sagte US-Präsident Barack Obama in einer ersten Stellungnahme nach dem Schusswaffenmassaker.

Debatte über schärfere Waffengesetze nach "Mass Shootings"

Auf "Mass Shootings" in den USA folgt regelmäßig die Debatte über schärfere Waffengesetze. Mit welchem Zahlenmaterial dabei argumentiert wird, ist ein Politikum. Seit 2013 tragen User des Social-News-Aggregators Reddit "Mass Shootings" in den USA in der visualisierten Datenbank zusammen. Ihre Motivation: ein vollständigeres Bild der Waffengewalt in den USA zu bekommen. Die Nutzer zählen Vorfälle als "Mass Shooting", in denen mehr als vier Personen von einem oder mehreren Bewaffneten getötet oder verletzt werden.

Das ist im Vergleich zum FBI eine breite Definition. Dieses nimmt ein "Mass Killing" nur in seine Statistik auf, wenn drei oder mehrere Personen ermordet werden. Der Schütze selbst würde nicht zählen. Der "Mass Shooting Tracker" der Reddit-User zählt Täter mit und sieht auch Vorfälle mit mindestens vier angeschossenen Verletzten als "Mass Shooting." Jedes Gewaltverbrechen, das in die Datenbank aufgenommen wird, ist mit einer Quelle unterlegt. Davon ist auch die Glaubwürdigkeit der Daten abhängig.

Gründer des Trackers sind für schärfere Waffengesetze

Immerhin zählen die meisten Nutzer und Datensammler zu den Befürwortern von schärferen Waffengesetzen. Mit der Transparenz schützen sie sich vor Anschuldigungen, selbst zu voreingenommen zu sein, um das Zahlenmaterial zu aggregieren. Weist jemand auf Fehler und falsche Kategorisierungen hin, so verbessern die Moderatoren den Datensatz.

Warum eine breitere Definition?

Durch die enge Auslegung des FBI werden Vorfälle nicht mitgezählt, die viele Verletzte gefordert haben, aber zu wenige Todesfälle. Beispielsweise wäre insofern das Schusswaffenattentat von Lafayette (Louisiana) im Vorjahr trotz seiner neun Verletzten und zwei Toten und trotz des großen öffentlichen Interesses nach FBI-Maßstäben kein "Mass Shooting" gewesen.

Kein einheitlicher Standard für Statistiken

Neben dem "Mass Shooting Tracker" erfasst auch das "Gun Violence Archive" (GVA) Fälle von Schusswaffengewalt. Demnach gab es in diesem Jahr bisher 133 "Mass Shootings". Der crowdbasierte "Tracker" zählt hingegen 176. Der Unterschied: Eine Gruppe zählt den Schützen mit, die andere nicht. Und: Das "Gun Violence Archive" nimmt nur Vorfälle auf, die sich am gleichen Ort und zu einem Zeitpunkt ereignet haben.

Das Schusswaffenmassaker von Orlando war das tödlichste in der US-Geschichte. Der Schütze hatte seine Waffen legal erworben – wie drei Viertel aller Amokläufer. Zu diesem Schluss kam eine Erhebung des Magazins "Mother Jones" zu den Jahren 1982 bis 2012.

Attentate marginaler Teil der Waffengewalt in den USA

Attentate wie jenes in Orlando zeigen nur einen Ausschnitt der Waffengewalt in den USA. In den offiziellen Statistiken des Center for Disease Control and Prevention zu den Todesursachen der Amerikaner werden 33.599 Tote mit Waffen in Verbindung gebracht. Davon waren ein Drittel Morde (10.945) und zwei Drittel Selbstmorde (21.334). Im selben Jahr zählte der "Mass Shooting Tracker" 354 Tote nach Schusswaffenattentaten. (Gerald Gartner, Markus Hametner, 14.6.2016)

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