Ein Hauch von Violetta

13. Juni 2016, 16:56
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Peter Konwitschny inszeniert Bach-Kantaten in Trier

Komponiert hatte Bach seine vielen Kantaten für die Messe, Peter Konwitschny hat sie 2009 als Minidramen entdeckt, damals war er Chefregisseur in Leipzig, der Stadt seiner Jugendjahre. Nun hat er dieses Format weiterentwickelt. Falsche Welt, dir trau ich nicht heißt sein neuer Bach-Abend, der im Theater Trier vorgestellt wurde. Zunächst sieht man einer junge Frau beim Aufwachen am Morgen zu. Bachs Musik aus dem Radiowecker, Bachs Koloraturen, geträllert unter der Dusche, Bach beim Anprobieren von Kleidern.

Die Frau (Christel Elisabeth Smith) wirkt voll spöttischer Distanz: "Falsche Welt, ich habe dich durchschaut. Mir kann niemand etwas vormachen." Doch im zweiten Teil, Mein Herze schwimmt im Blut (nun Christiane Boesinger), ist sie eine Prostituierte, die Kunden abfertigt. Unwillkürlich denkt man an Opernstoffe wie La Traviata, eine Frau also wie Violetta, die "vom Wege Abgekommene". Wenn diese Frau schließlich singt, "Wie freudig ist mein Herz, da Gott versöhnet ist", versucht sie mit Tabletten ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Das Orchester hat an der Theatralik großen Anteil. Dirigent Michael Hofstetter greift hin und wieder sogar mit Worten ins Geschehen ein.

Vergnüglich der letzte Teil, ein Abendessen im Altersheim: Auf ihren Rollatoren macht sich ein Seniorenquartett wichtig und es seinen Betreuern schwer, sie überbieten einander in Koloraturen. "Man muss der Kirche diese Kantaten entreißen, weil sie so dramatisch brisant sind", so Konwitschny.

Ähnliches macht mit dem Neuen Testament auch Herbert Fritsch. Als Gastspiel der Berliner Volksbühne zeigte er bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Apokalypse, auch das ein spätes Nachholen von Jugendabenteuern – Fritsch hätte nämlich Pfarrer werden sollen.

Die Theatralisierung des Neuen Testaments mag im Gegensatz zu anderen Fritsch-Abenden etwas eintönig wirken, doch zeigt sie die clowneske Theaterturbulenz von Fritsch in reiner, dadurch auch etwas verstörender Ausprägung. Die Provokation ist seine absolute Textreue, ungekürzt und philologisch wortgetreu nach der Luther-Bibel von 1545 wird der Text durchgezogen, Fritschs Theater verweigert jede Psychologisierung und aktualisierende Interpretation. Das Geheimnis der Bilder bleibt in den grellen Farben seines abstrakten Bühnenraums.

Wolfram Koch durcheilt in goldenem Anzug den Text vom Herrn, welcher der Anfang und das Ende ist. Er erzählt von Füßen, wie im Ofen glühendes Erz, von zweischneidigen Schwertern im Mund, von Höllen und Engeln. Manchmal erinnert er mit seinem Augenaufflackern an den Mimen Bernhard Minetti. Seine sportliche Leistung zwischen Liegestütz und Laufen wird von zwei Diakonen assistiert: Die Souffleuse (großartig Elisabeth Zumpe), in einer Art Schuluniform um ihn auf der Bühne tänzelnd, flüstert den gesamten Text vor, während Ingo Günther traurig herumschleichend an einem Laptop leise apokalyptische Klänge andeutet.

Einmal lässt sich der Apokalyptiker angurten, um in den Schnürboden aufzufahren und dann schließlich im Harlekinkostüm dem Recklinghäuser Publikum das Ende zu künden. (Bernhard Doppler, 13.6.2016)

  • Inszenierte Bach-Kantaten: Wege suchen, vom Weg abkommen.
    foto: vincenzo laera

    Inszenierte Bach-Kantaten: Wege suchen, vom Weg abkommen.


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