Rechnungshof: Ein Hearing ist kein Präzisionsinstrument

Kommentar der anderen13. Juni 2016, 17:19
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Es ist ein Trugschluss, dass eine Anhörung den jeweils besten Kandidaten für ein Amt ermittelt. Es gibt viel zu viele Bewerbungslöwen, die Kompetenzdefizite überblenden

Zu Beginn eine Einladung zu einem kleinen gedanklichen Experiment: Man stelle sich für einen Moment einen nur in Insiderkreisen bekannten ehemaligen Universitätsassistenten am Institut für Öffentliches Recht mit guten Kenntnissen der Kärntner Landesverwaltung namens Jörg Haider vor. Jede Wette, dass er aufgrund seines Auftretens, seiner verbalen Intelligenz und seiner Fähigkeit, sich auf seine Zuhörer einstellen zu können, auch bei einem Hearing für das zuletzt ausgeschriebene Amt des Rechnungshofpräsidenten alle Mitbewerberinnen und Mitbewerber aus dem Feld geschlagen hätte.

Vom Bundeskanzler abwärts trauert nun ganz Österreich der von Reinhold Lopatka zunichtegemachten Chance nach, den angeblich besten aus der Kandidatinnen- und Kandidatenriege zu bestellen. Vielleicht wäre Gerhard Steger wirklich der bessere Kandidat gewesen. Wir werden es nie erfahren. Sicher ist allerdings, dass der, der sich bei dieser Einschätzung auf das Ergebnis des Hearings beruft, dieses Instrument deutlich überschätzt.

Ein Hearing ist weder ein Maßband noch eine Stoppuhr. Bei einer Spitzenposition zwar gut geeignet, den Kreis der Kandidaten auf die brauchbaren zu reduzieren. Mehr aber nicht. Ähnlich einem Intelligenztest bei einem jungen Bewerber. Bei einem IQ unter 100 ist größte Vorsicht angesagt, aber nur ein Scharlatan kann die Voraussage wagen, dass ein Kandadat mit einem IQ von 120 einmal erfolgreicher sein wird als einer mit einem IQ von 115.

Warum messen Politik und Medien dem Instrument des Hearings, das vor allem über die kommunikative Begabung von Kandidaten Auskunft gibt, eine so überragende Bedeutung bei? Weil beider Geschäft die Kommunikation ist. In der Politik entscheidet natürlich das Ausmaß des Besitzes der Eigenschaften, die den ehemaligen Kärntner Landeshauptmann ausgezeichnet haben, über Erfolg oder Misserfolg. Das ist auch völlig einleuchtend, weil es dabei nicht so sehr um Kompetenz, sondern um Kompetenzvermutung geht. Politiker müssen sich sozusagen täglich einem Hearing stellen. Mit den Medien und damit dem Wähler als Juror. (Ich habe seinerzeit Barack Obama für einen glänzenden Präsidentschaftskandidaten gehalten, weil ich von seiner überragenden Kommunikationsfähigkeit auf eine zumindest sehr gute Führungs- und Durchsetzungsfähigkeit geschlossen habe. Was für ein Trugschluss. Obama hinterlässt eine derart gespaltene und hoffnungslose Nation, dass uns ein Donald Trump als Nachfolger droht.)

Natürlich muss sich ein RH-Chef präsentieren können. Franz Fiedler hat durch seine kraftvolles und gleichzeitig sprödes mediales Auftreten, das gerade für einen RH-Präsidenten perfekt gewesen ist, Maßstäbe gesetzt. Und Josef Moser steht ihm um gar nicht viel nach. Aber diese Fähigkeit, die Anliegen des Rechnungshofs öffentlich zu vertreten, ist bestenfalls die halbe Miete.

Ein RH-Präsident ist kein Politiker, er ist aber auch kein Top-Manager. Er muss keine neuen Geschäftsfelder erschließen, er trifft keine Investitionsentscheidungen, und er kann sein Managementteam nicht austauschen. Neben seiner Aufgabe, den Rechnungshof nach außen zu vertreten, hat er eine einzige Schlüsselaufgabe: Er muss ein Motivationskünstler sein.

Speichellecker und Jasager

Ich bin kein Intimkenner des Rechnungshofs, aber vieles deutet darauf hin, dass das Frustrationspotenzial in dieser Behörde besonders groß ist. Bei den geprüften Dienststellen sind ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht gerade willkommen, und dass viele der Vorschläge einfach schubladisiert werden, trägt auch nicht gerade zu einer leistungsfördernden Stimmung bei. Zu dieser Kunst zählt es auch, Speichellecker und Jasager von wirklichen Könnern unterscheiden zu können.

Diese Eigenschaften kann man auch über das beste Hearing nicht herausfinden. Natürlich wird jeder Bewerber sagen, dass ihm die Motivation der Mitarbeiter ein besonderes Anliegen ist. Eine solche Aussage beweist allerdings nur, dass er oder sie einen IQ von über 100 hat. Über das tatsächliche Motivationstalent sagt es nichts. Da hilft nur eines: intensive Gespräche mit ehemaligen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern.

Ich habe in meinem Zivilberuf eine Unzahl von Kandidateninterviews geführt und viele Hearings moderiert. Dabei sind mir immer wieder "Bewerbungslöwen" unter-gekommen. Personen mit einem großartigen Talent, sich selbst und ihre Story zu präsentieren, und mit einem überragenden Instinkt ausgestattet, genau die Antworten zu geben, die der Fragesteller hören möchte. Wenn man dann den tatsächlichen Werdegang dieser Personen verfolgt, merkt man aber, dass zwischen der Begabung, sich zu verkaufen, und der Nachrede, die sie in früheren Unternehmen haben, Welten liegen.

Übrigens hat im Vorfeld des Hearings das Qualifikationsmerkmal "Frau" eine entscheidende Rolle gespielt. Die Politik hat es ins Anforderungsprofil hineingeschrieben, und ich kann mich an kein Medium erinnern, das diesem Postulat mit dem an sich nicht unklugen Hinweis, dass man das Ergebnis des Hearings nicht präjudizieren sollte, widersprochen hätte. Ich verstehe daher die kollektive Entrüstung nicht, dass es jetzt kein Mann geworden ist. (Bernhard Görg, 13.6.2016)

Bernhard Görg (Jahrgang 1942) war ÖVP-Chef, Stadtrat und Vizebürgermeister in Wien. Vor seiner politischen Tätigkeit war er in mehreren Positionen für den Bereich Human Resources bei IBM Österreich und Europa verantwortlich.

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