Starke Weltmeister müssen lange zittern

12. Juni 2016, 23:17
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Deutschland startet mit einem vollen Erfolg in die Gruppe C, hat aber unter der Ukraine sehr zu leiden. Shkodran Mustafi recht früh und Bastian Schweinsteiger sehr spät treffen für die Truppe von Joachim Löw

Lille – Ganz ohne Randale im Vorfeld kam auch die Auftaktpartie des Weltmeisters in Lille nicht aus. Deutsche Hooligans hatten ukrainische Fans im Zentrum der nordfranzösischen Stadt attackiert, bis zum Anpfiff im Stade Pierre-Mauroy hatte sich die Situation beruhigt – nach spätem, dann aber ziemlich beherztem Zugriff der Sicherheitskräfte.

Beherzt, natürlich gewaltfrei, wollten es auch die ukrainischen Fußballer angehen. Das Resultat war die bisher beste Hälfte des Turniers. Schon nach vier Minuten zielte Sevillas Star Jewgeni Konopljanka ins Herz der Deutschen, doch Goalie und Kapitän Manuel Neuer zeigte eine Glanzparade gegen den Schuss aus rund 16 Metern. In dieser Situation war die gesamte deutsche Abwehr, inklusive der Verlegenheitslösungen Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi, indisponiert. Darüber hinaus wirkten die Ukrainer zunächst in der Offensive munterer als die Weltmeister.

Ausgerechnet Mustafi von Valencia, zunächst von Bundestrainer Joachim Löw aussortiert, dann aber nach der Verletzung von Marco Reus nachnominiert, gelang nach einem fragwürdigen Freistoß von Toni Kroos ein wunderbarer Kopfball und also im elften Länderspiel der erste Treffer (19.). Sami Khedira hätte die Führung dann ausbauen können (29.), scheiterte nach Vorlage von Kroos aber an Torhüter Andrej Pjatow. Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings auch Neuer schon ein weiteres Mal seine Klasse unter Beweis stellen müssen – bei einem Schuss von Jewgeni Chatscheridi riss er garade noch die Faust hoch und lenkte den Ball über die Latte (27.).

Noch eine Spur artistischer war die Rettungstat von Jérôme Boateng, der zehn Minuten später sein eigenes Eigentor verhinderte. Im Rückwärtsfallen schlug der Abwehrchef den Ball vor der Torlinie weg. Spätestens da war klar, dass mit diesen Ukrainern, denen zudem ein Treffer wegen Abseits von Referee Mark Clattenburg zurecht aberkannt wurde, nicht zu spaßen war.

Das spielerische Übergewicht der Deutschen zeitigte nach Seitenwechsel relativ wenige große Gelegenheiten. Ein Schuss von Khedira wurde ebenso zu Pjatows Beute (61.) wie Versuche des eher schwachen Mario Götze (75.) und von Thomas Müller (76.). Den Eindruck der Gefährlichkeiten legten die Ukrainer nie ab, allerdings wurden die Gegenstöße seltener. Nachdem auch Mesut Özil Pjatow nicht bezwingen konnte (87.), sorgte ein Missverständnis der deutschen Matchwinner für Schüttelfrost beim Weltmeister.

Mustafi probierte sich mit einer Rückgabe per Kopf, Neuer rettete aber äußerst rustikal gegen den eingewechselten Jewhen Selesnjow. Schiedsrichter Clattenburg, ohnehin sehr großzügig, drückte zumindest ein Auge zu. Coach Löw brachte noch seinen etatmäßigen Kapitän Bastian Schweinsteiger zur Beruhigung der Situation auf das Feld. Und ausgerechnet der lange verletzt gewesene Routinier von Manchester United schloss den Sack – mit seinem 24. Tor im 116. Länderspiel. Alles Bemühen der Ukrainer war mit dem Auftritt des 31-Jährigen vergebens gewesen. (lü, 12.6.2016)

EM-Gruppe C, 1. Runde, Sonntag

Deutschland – Ukraine 2:0 (1:0)
Lille, Stade Pierre Mauroy, SR Martin Atkinson (ENG)

Tore:
1:0 (19.) Mustafi
2:0 (90.+2) Schweinsteiger

Deutschland: Neuer – Höwedes, Boateng, Mustafi, Hector – Khedira, Kroos – Müller, Özil, Draxler (78. Schürrle) – Götze (90. Schweinsteiger)

Ukraine: Pjatow – Fedezki, Chatscheridi, Rakizki, Schewtschuk – Sidortschuk, Stepanenko – Jarmolenko, Kowalenko (74. Sintschenko), Konopljanka – Sosulja (66. Selesnew)

Gelbe Karte: Konopljanka

Stimmen

Joachim Löw (Deutschland-Teamchef): "In der ersten Halbzeit war ich nicht in diesem Maße zufrieden, wie ich es in der zweiten Halbzeit war. Das war gut, dass wir den Konter auch konsequent zu Ende gespielt haben. Wir mussten ja schon ein paar heikle Situationen überstehen. Eigentlich war nicht geplant, dass Schweinsteiger so weit vorne auftaucht, er sollte ja für Ruhe sorgen. Natürlich ist er wichtig mit seiner Persönlichkeit in solchen Momenten, dann ist ein Bastian Schweinsteiger Gold wert. In der ersten Halbzeit haben wir viele Bälle verloren, wir waren eine zweigeteilte Mannschaft. In der zweiten Halbzeit haben wir die Bälle besser gehalten, die Räume besser aufgeteilt, die Ukraine kam dann auch zu keiner klaren Torchance mehr. Was wir noch verbessern müssen, ist, dass wir auch zum Abschluss kommen, also noch zielstrebiger. Mustafi hat seine Sache gut gemacht."

Manuel Neuer (Deutschland-Tormann und Kapitän): "Wir freuen uns für uns alle, aber guter Joker Basti! Ich denke, dass Mustafi ein Superspiel gemacht hat. Wir sind froh, dass wir so einen tollen Mann in der Innenverteidigung haben. Ich denke, dass wir es ordentlich gemacht haben, wir haben ein bisschen viele Standards gegen uns gehabt. Das darf uns nicht passieren. Ich denke, dass wir spielerisch noch Potenzial nach oben haben. Wir haben noch nicht alles gezeigt. Wir werden uns noch steigern müssen im Turnier und hoffentlich schon gegen Polen."

Shkodran Mustafi (Deutschland-Torschütze): "Mich freut es natürlich, ein Tor zu machen. Für uns war es wichtig, mit einem Sieg in das Turnier zu starten. Zu null, das ist ein doppelter Erfolg und für das weitere Turnier ganz wichtig. Es war ein offenes Spiel. Es gab Situationen, in denen wir offen waren, ein typisch englisches Spiel, das wir eigentlich nicht wollten."

Bastian Schweinsteiger (Deutschland-Torschütze): "Meine Verletzung war ausgeheilt, ich fühle mich sehr gut. Nach dem Sprint nach vorne war ich ein bisschen außer Atem. Die Läufe nach vorne sind genau meine Qualitäten. Unglaublich, dass es so etwas gibt, das kann man sich nur wünschen. Ich habe jetzt fünf Minuten gespielt, ich bin noch nicht so weit, dass ich 90 oder 120 Minuten spielen kann. Mir geht es eigentlich richtig gut. Ich hoffe, dass ich jetzt ein bisschen mehr spielen kann."

  • Märchenhafter Abend für Bastian Schweinsteiger: lange verletzt, spät eingewechselt, noch später getroffen.
    foto: afp/bureau

    Märchenhafter Abend für Bastian Schweinsteiger: lange verletzt, spät eingewechselt, noch später getroffen.

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