Der Feind bei meinem Fest

Kommentar12. Juni 2016, 18:37
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Die EM-Organisatoren waren auf Terror fixiert und blendeten Hooliganismus aus

Ein Stadionbesuch ist ein Risiko. Zumindest bei der Fußball-EM, zumindest bei Spielen bestimmter Mannschaften, die bestimmte Anhänger haben. Dass es vor der Partie England gegen Russland in Marseille tagelang zu Ausschreitungen gekommen war, überraschte schon insofern nicht, als die großen Turniere seit jeher auch Anhänger anziehen, die ansonsten kaum noch Zutritt finden. In der englischen Premier League geht es seit Jahren fast ausnahmslos gesittet zu, da Kartenpreise, Sicherheitsvorkehrungen und Strafrahmen exorbitant erhöht worden sind.

Bei Welt- oder Europameisterschaften, die nur alle paar Jahre stattfinden, lässt sich auch der gemeine Fan nicht lumpen. Da greift er gern in die Tasche, und wenn er am Ziel ist, greift er zur Flasche. Da sind viele Russen nicht viel anders als viele Engländer. Das wusste auch der europäische Fußballverband (Uefa), der das Match am Samstag von vornherein als Risikopartie eingestuft hatte.

Dass es in der Stadt dennoch zu Randalen mit mehreren Verletzten kam, mag schwer zu verhindern gewesen sein. Neben Engländern und Russen mischten gewaltbereite Franzosen mit. Auch ein Österreicher und ein Deutscher befanden sich unter den Festgenommenen. Die Masse der Hooligans ist heterogen, ihr Handeln oft irrational – gewaltbereite Fans sind kaum auszurechnen. Dennoch meinen Experten, dass das Sicherheitskonzept in Marseille auch außerhalb des Stadions versagt hat. Die französische Polizei muss sich vorwerfen lassen, teils falsch, teils langsam, teils unangemessen hart reagiert zu haben. Da und dort bekamen viele Unbeteiligte etwas ab, als Tränengas in Menschenmassen geschossen wurde.

All das wird von den Geschehnissen im Stadion noch getoppt. Sie fallen nicht oder nicht allein in den Verantwortungsbereich des Staates, sondern vor allem in jenen des Veranstalters und der EM-Organisatoren. Die Uefa, der europäische Verband, musste am Sonntag als Ausrichter zugeben, dass die Trennung der Fans im Stade Vélodrome nicht funktioniert hat. Das ist bei einer EM im Jahr 2016, man kann es nicht anders sagen, unfassbar. Russische Anhänger konnten nach Schlusspfiff praktisch ungehindert einen Stadionblock der Engländer stürmen. Die Bilder erinnerten frappant an die Tragödie mit 39 Toten am 29. Mai 1985 im Brüsseler Heysel-Stadion.

Wie konnten die russischen Anhänger Leuchtraketen und Böller ins Stadion schaffen? Wieso fand die Partie ausgerechnet in Marseille statt, wo schon bei der WM 1998 englische und französische Hooligans aufeinander einprügelten? Wieso wird ein solches Risikospiel um 21 Uhr angepfiffen? Englische Risikopartien beginnen oft um 12 Uhr, was den Fans weniger Zeit zum Trinken lässt.

Die Ausschreitungen im Stadion sind nur damit erklärbar, dass die EM-Organisatoren den Hooligans nicht genügend Aufmerksamkeit widmeten. Angesichts der Angst vor Terrorattentaten wurden andere Bedrohungen weitgehend ausgeblendet. Nun leitete die Uefa ein Disziplinarverfahren gegen Russland ein, das Veranstalter der WM 2018 ist. Bei weiteren Wickeln droht Russland und England gar der EM-Ausschluss. Doch die Teams zu bestrafen darf nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Uefa und EM-Organisatoren müssen mit sich selbst ins Gericht gehen – und zwar schnell. Sie selbst haben 15 der 36 Vorrundenspiele als Risikopartien eingestuft. (Fritz Neumann, 12.6.2016)

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