"What People Do For Money": Stink und Stunk bei der Manifesta

13. Juni 2016, 07:00
1 Posting

Ihr Titel ließ eine politische Biennale erwarten. Die Manifesta 11 in Zürich ist aber sehr unverbindlich geraten. Das Thema Lohnarbeit behandelt man dennoch – aber unfreiwillig

Wenn einmal im Jahr die Mitglieder der Leinenweberzunft im "Zunfthaus zur Waag" zum festlichen Bankett zusammenkommen, tafeln im Zunftsaal nur die Männer. Die Ehefrauen der Zünfter sitzen in einem anderen Geschoß, verrät der Waag-Wirt. Und auch die Weiberleut' im Service dürfen dann nur zum Bringen der Speisen hinein. Exklusiv und männerbündlerisch, das sind die Zürcher Zünfte bis heute.

"Du darfst da nicht rein": Das elitäre Prinzip Zunft, das noch immer die fleißige, traditionsbewusste Stadt bestimmt, führt jetzt ausgerechnet eine neue vor. Für die 100 Tage der Manifesta hat die 27. Zürcher Zunft das Cabaret Voltaire gekapert, hat aus dem nur wenige Meter von den alten Zunfthäusern an der Limmat entfernten Dada-Geburtsort das "Zunfthaus Voltaire" gemacht. Einer von jenen im Toga-artigen Umhang zu werden ist allerdings schwer: Zunftwillige müssen mit ihrer Performance – und zwar gemeinsam mit einem Künstler – überzeugen. Sehr subtil wird hier am konservativen Traditionslack der Stadt gekratzt.

foto: livio baumgartner
Für die Zeit der Manifesta erhält das Zunfthaus Voltaire (eigentlich Cabaret Voltaire) – in Anlehnung an die Architektur der alten, ehrwürdigen Zunfthäuser – einen Erker.

Das kann man nicht von vielen anderen Projekten der am Samstag gestarteten Manifesta 11 behaupten. Seit 1996 ergründete die Nomadin unter den Biennalen die Veränderungen in einem nach dem Kalten Krieg erweiterten Europa, blickte zu alten und neuen Grenzorten und Randlagen – auch wirtschaftlicher Natur. Zuletzt stand aber immer öfter der Vorwurf im Raum, die Manifesta sei ein kräftiges Tourismuspferdchen. Nun blickt man also eher auf eine Insel: auf Zürich, für deren Stellung als Banken- und Finanzstandort die Neutralität der Schweiz förderlich war und die aber lieber Kulturmetropole wäre.

"Augenblicke der Selbstreflexion" wolle man schaffen, aber gelingt das? Der Titel von Künstlerkurator Christian Jankowski, What People Do For Money, klingt zwar politisch – etwa nach Geld, das korrumpierbar machen kann. Und knapp eine Woche nach dem Schweizer Volksentscheid über das bedingungslose Grundeinkommen klingt das insbesondere auch nach Nachdenklichem zum Zustand der Lohnarbeit.

Sehr besonnen und sensibel hat man sich dabei im Vorfeld jedoch nicht gezeigt: Unbezahlte Arbeit von Freiwilligen und Praktikanten sorgte für heftiges Rumoren hinter den Kulissen und heizte – unfreiwillig – die Debatte an. Mit "Chancen" und "Kontakten" warb Jankowski etwa an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) für großteils salärfreie Mitarbeit. Wer sich dennoch auf den Deal einließ fast für lau zu arbeiten, sah sich mit gekürzten Honoraren und miesen Arbeitsbedingungen konfrontiert, erzählen Studierende dem STANDARD. Der Unmut wuchs.

Arbeit oder Service

Ein Hohn dann letztlich die Reaktion von Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen vor der Presse: "The volunteers are not working, they are doing services." Die wütende Antwort blieb nicht aus. Zur Eröffnung ließ eine Gruppe von Studierenden und Kunstschaffenden 50-Franken-Noten auf die Festgäste herabregnen – mit dem Konterfei von Jankowski und einem neuen Manifesta-Logo: Moneyfesta.

foto: camilo brau, 2016
Eine im wahren Wortsinn Scheiß-Kollobaration zwischen Künstler und den Bewohnern der Stadt Zürich: Der Kot vom 24. März aus dem städtischen Klärwerk hat Mike Bouchet in minimalistische Kuben transformiert. Dass man sich dem menschlichen Exkrement neugierig nähert, so wie man etwa als Kind die eigenen Spucke beobachtet habe, das schwebt dem Künstler vor.

Die politischen Implikationen hat Jankowski also für den "guten Titel" allzu sehr auf die leichte Schulter genommen. Stunk gab es ja mit Mike Bouchets Projekt genug: 80 Tonnen Klärschlamm, das G'schiss der Zürcher eines schönen Märztages, verwandelte er (gemischt mit Kalk, Zement und Pigment) in eine minimalistische Skulptur aus Fäkalblöcken, die der Küntler als Kollaboration mit der ganzen Stadt versteht. Der sinneraubende Gestank des Kot-Minimalismus machte es aber lange fraglich, ob man sie überhaupt in einem geschlossen Raum ausstellen könnte. Man kann. Allerdings treten empfindliche Nasen bereits den Rückzug an, bevor sie die 160 Quadratmeter große, vom Rest der Ausstellung im Löwenbräu separierte Installation abgeschritten haben.

Kunst trifft Arbeitswelt

Hauptthema der Manifesta ist also weniger der Stellenwert der Arbeit, sondern die Verbindung von Kunst und Arbeitswelten. Im Grunde wollte Kurator Christian Jankowski Begegnungen und Kooperationen von 30 Künstlern mit anderen Berufsgruppen (darunter ein Pastor, ein Metereologe, eine Hundefriseurin, ein Thai-Box-Weltmeister, eine Sexpertin, ein Analytiker und ein Sterne-Koch) stiften und somit auch andere Publikumsschichten erschließen. Eigentlich schlug er vor, es doch einmal ihm nachzutun: Seit der Künstler 1992 im Supermarkt als Jäger mit Pfeil und Bogen auftrat, arbeitete er mit TV-Wahrsagerinnen, Teleshopping-Moderatoren oder initiierte den Rollentausch im Museumsbetrieb.

Vom Rollentausch oder von Kunst, die weh tun kann, ist man bei der Manifesta ganz weit weg. Nur wenige Teilnehmer tauchten auf Augenhöhe in die Welt des anderen ein: Wirkliche "Joint Ventures" zwischen Künstlern und Berufsausübenden – den "Hosts" oder "Gastgebern" – sind rar. Als enthusiastisches Duo treten etwa Jon Kessler und Uhrmacher Adriano Toninelli auf, die eine kinetische Kuckucksflugskulptur bauten, oder Evgeny Antufiev und Pastor Martin Rüsch, die gemeinsam zum Thema Vergänglichkeit sinnierten und von einem befruchtenden Dialog sprechen.

Das gesellschaftspolitische Potenzial solcher Begegnungen bleibt weitgehend unausgeschöpft und die Kooperationen meist auf simulierende Impulse beschränkt. Die Kunst behält die Oberhand. Oft bleiben die Hosts eher Handwerker, die dem Künstler etwas bauen oder sich über die Schulter schauen lassen. Oder die Kunst ist lediglich ein Couch Surfer, so wie in einer Praxis für ästhetische Zahnmedizin: Torbjørn Rødland präsentiert dort seine inszenierten Fotografien von Zahnängsten, wie etwa in Mehlspeisen versteckte Beißerchen. An der Praxistür warnt man vorsichtshalber: Achtung Kunst!

foto: anne katrin feßler
Franz Erhard Walters "Halbierte Westen" (2016) im Hotel Park-Hyatt.

Aus der Komfortzone herausbewegt hat sich auch Franz Erhard Walther nicht: Der seit jeher mit Stoffen Arbeitende, suchte sich einen Textilentwickler, der Walthers extravagante Kleidungsobjete lediglich für den Gebrauch vom Personal des Hotel Park-Hyatt an Rezeption, Bar oder Lounge praktikabel machte.

Ausgerechnet Kultliterat Michel Houellebecq ließ sich vom Chefarzt einer Privatklinik vom eigentlichen Vorhaben abbringen: Der etwas verlebte Schriftsteller wollte sich auf Herz und Nieren durchchecken lassen und die Diagnosen samt Rechnungen präsentieren, der Mediziner plädierte hingegen für eine ästhetische Aufarbeitung von Ultraschall, EKG & Co.

foto: charles congost
Charles Congost bei den Dreharbeiten zu "Simply the Best" (2016)

Gänzlich verzichten muss der Besucher auf politischere Reflexionen von Arbeit nicht: Charles Congost hat etwa mit den Helden der Zürcher Feuerwache kooperiert, die das Umfeld für seinen fiktionalen Dokufilm bilden. Ein herausragender Film, der wunderbar über die Wertigkeit von Arbeit und Freizeit in den Industrieländern sinniert.

Präsentiert werden die "Joint Ventures" in Satelliten, oft den Arbeitsorten der Hosts, also in der ganzen Stadt, wo sie – wie etwa in einem Krankenhaus Personal und Patienten – manchmal ratlos zurücklassen. Dass die Satelliten Teil des öffentlichen Raums sind, für die andere Kriterien gelten, als für einen musealen White Cube, wurde wohl auch eher vernachlässigt.

foto: anne katrin feßler
Santiago Sierra verbarrikadierte das Helmhaus in Zürich: "Protected Building" (2016)

Als Kurzbesucher der Stadt ist es schwierig, sich diese vielen Manifesta-Außenstellen zu erlaufen oder mit der Tram zu erfahren – ein Satellit befindet sich sogar in Winterthur. Ableger und Variationen der Neuproduktionen findet man jedoch auch im Umfeld einer historischen, guten, aber vielleicht ein bisschen ausufernd geratenen Ausstellung zum Themenkomplex Arbeit im Löwenbräu-Areal (Migros Kunstmuseum und Kunsthalle) und im Helmhaus. Letzteres hat Santiago Sierra mit ironischem Verweis auf die Neutralität der Schweiz für den Kriegs- und Krisenfall in Kooperation mit einer Sicherheitsfirma mit Holzplatten und Sandsäcken verbarrikadiert. Eine schöne Idee, die in ihrer Umsetzung allerdings wenig abschreckend wirkt – flugs hat man die Barrieren passiert – und die auch visuell wenig begeistert.

foto: anne katrin feßler
Santiago Sierras "Protected Building" am Helmhaus (2016)

Und dann ist da noch das 150 Tonnen schwere Floss, das vor der Uferpromenade an Zürichs Bellevue schwimmt – ein imposantes Wahrzeichen der Manifesta 11: Es ist der Pavillon of Reflection, der als Manifesta-Kino (gezeigt werden Filme von Schülern zu den Kolloborationen von Kunst- und Arbeitswelt), Schwimmbad und Bar dient. Ein perfekter Ort zum Abhängen nach dem What People Do For Money, also für die Momente nach dem Geldverdienen. Mit der gut verbrachten Zeit nach der Arbeit kennt sich die Manifesta 11 besser aus. (Anne Katrin Feßler aus Zürich, 13.6.2016)

foto: wolfgang traeger
350 Kubikmeter Holz, an dem der Borkenkäfer geknabbert hat, wurden für den "Pavillon of Reflection" verbaut: ein multifunktionales Highlight der Manifesta am Bellevue-Ufer.

Manifesta 11, bis 18. September

Die Reise erfolgte auf Einladung von Schweiz Tourismus und Swiss.

Share if you care.