Ukip-Mandatar: "Die EU sorgt für Stabilität – aber die einer Leiche"

Interview13. Juni 2016, 10:00
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Douglas Carswell über die Brexit-Abstimmung, die Probleme in seiner Partei und Großbritanniens Verhältnis zu Europa

STANDARD: Wie beurteilen Sie den Verlauf der bisherigen Kampagne des EU-Ausstiegslagers?

Carswell: Ich bin optimistisch. Wir können gewinnen.

STANDARD: Die meisten Umfragen sehen Sie höchstens gleichauf mit den Befürwortern eines Verbleibs. Erfahrungsgemäß stimmen die Leute am Ende für den Status quo.

Carswell: Es gibt keinen Status quo. Sie brauchen nur den Fernseher einzuschalten oder die letzten acht Jahre, meinetwegen auch nur die letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen. Egal welchen Maßstab Sie anlegen: Die EU löst unsere Probleme nicht. Der Euro ist instabil, die griechische Schuldenkrise bleibt ungeklärt, obwohl Milliarden für ihre Beseitigung ausgegeben wurden. Die Situation wird sich wiederholen.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Carswell: Ich glaube, dass auf Italien eine ähnlich schlimme Schuldenkrise zukommt. Und diese eingebildete Union kann nicht einmal ihre eigenen Grenzen kontrollieren. Alles Europäische nimmt ein schlechtes Ende. Das kommt davon, wenn man über sehr verschiedene Situationen den immer gleichen Maßstab stülpt.

STANDARD: Auf nationaler Ebene klappt alles besser?

Carswell: Ich argumentiere nicht nationalistisch, sondern patriotisch. Die EU sorge für Stabilität, wird gesagt. Aber es handelt sich um die Stabilität einer Leiche. In Deutschland hieß es kürzlich, ich solle die Deutschen nicht mit den Franzosen alleine lassen. Da kann ich nur sagen: 250.000 Franzosen wollen mit dem Sozialismus in ihrem Land auch nichts zu tun haben. Deshalb leben sie in London.

STANDARD: Was hat Sie zum EU-Feind gemacht?

Carswell: Ich habe für einen Vermögensverwalter gearbeitet, habe Zeit in Brüssel verbracht, bin viel nach Frankfurt und Mailand gereist. Als die EU die Lissaboner Agenda verabschiedete, war ich begeistert. "2010 werden wir der dynamischste Wirtschaftsblock der Welt sein", hieß es. Alles nur Worte, nichts ist passiert. Im Gegenteil: Brüssel hat der Finanzindustrie und anderen Branchen nur Steine in den Weg gelegt.

STANDARD: Aber die City of London ist überwiegend für einen Verbleib.

Carswell: Das ist die Propaganda der multinationalen Investmentbanken. Die halten natürlich an Brüssel fest, das ist schließlich das Paradies der Lobbyisten für die Großindustrie. Aber kleinere Marktteilnehmer haben viele Probleme mit der EU.

STANDARD: Wollen Sie behaupten, die Mehrheit der City plädiere für den Brexit?

Carswell: Das nicht. Aber bei den Vermögensverwaltern und den Versicherungen liegt das Verhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern ungefähr bei 50:50.

STANDARD: In Ihrer früheren Partei, den Konservativen, sagen viele hinter vorgehaltener Hand: Premier David Cameron müsste bei einem Ja für den Brexit zurücktreten.

Carswell: Ich bin bestimmt kein Cameron-Fan. Aber er bekam vor einem Jahr ein klares Mandat von den Wählern. Er hat ein Referendum versprochen und hält sein Versprechen. Ich würde die Äußerungen der Kritiker auf den Hinterbänken der konservativen Parlamentsfraktion mit großer Vorsicht genießen.

STANDARD: Viele Parteifeinde meinen, der Premierminister führe eine "unehrliche" Kampagne.

Carswell: Na ja, ich habe auch so meine Beschwerden. Die Führungsfrage der Konservativen Partei interessiert mich weniger. Wie Sie wissen, habe ich Fragen an die Führung meiner eigenen Partei.

STANDARD: Sie gelten als völlig zerstritten mit Ihrem Parteichef Nigel Farage.

Carswell: Sprechen wir von Europa. Wir wollen uns in Frieden trennen. Großbritannien will lieber ein guter Nachbar sein als ein ewig maulender Untermieter.

STANDARD: Wie würde es nach dem Brexit weitergehen?

Carswell: Man setzt sich an den Tisch und bespricht in Ruhe, was notwendig ist. Am Handel muss sich nicht viel ändern, da kann der Status quo weitergelten.

STANDARD: Glauben Sie allen Ernstes, die EU würde gegenüber London so tun, als sei nichts gewesen?

Carswell: Natürlich werden die Politiker beleidigt sein, schließlich haben sie ihr persönliches Prestige in ein gescheitertes Projekt investiert. Das hört niemand gern. Aber wir sind ein wichtiger Markt. Die deutsche Autoindustrie wird nicht zulassen, dass die Politik ihr den Zugang zu diesem Markt erschwert. Wissen Sie, was die EU-Macher wirklich fürchten? Dass Großbritannien aufblüht. Und genau das wird passieren. (Sebastian Borger aus Nottingham, 13.6.2016)

Douglas Carswell (45) war Tory-Hinterbänkler, ehe er 2014 seinen Unterhaussitz aufgab und für die rechtspopulistische Ukip wiedergewählt wurde. Bei der Wahl im vergangenen Jahr holte er das einzige Ukip-Mandat.

  • Ukip-Chef Nigel Farage (links) und der Abgeordnete  Douglas Carswell im Londoner Stadtbezirk City of Westminster.
    foto: foto: imago

    Ukip-Chef Nigel Farage (links) und der Abgeordnete Douglas Carswell im Londoner Stadtbezirk City of Westminster.

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