Uefa droht Russland und England mit Ausschluss

12. Juni 2016, 16:34
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Ausschreitungen könnten bei Wiederholung Konsequenzen haben – Kritik an Prävention und aggressiver Bereitschaftspolizei

Marseille – Die englischen "Hools" sind ja wirklich keine Waisenknaben. Aber was sie am Samstagabend im Marseiller Stadion Vélodrome erlebten, war kein Alkoholrausch mehr, sondern ein Albtraum. Eine Minute vor Ablauf der regulären Spielzeit, als England noch 1:0 führte, flog eine Rauchbombe von der russischen Tribüne in das englische Publikum. Der Knall war so laut, dass viele Zuschauer zuerst an einen Terroranschlag glaubten. In Wahrheit war es das Fanal für einen harten Kern russischer Anhänger, Gesichtsmützen überzuziehen, die nicht sehr imposante Absperrung zum englischen Sektor zu überwinden und auf die Gegenseite loszugehen.

Vor dem Spiel hatten sich Hooligans aus England, Russland und Frankreich mit der Polizei im alten Hafen von Marseille drei Tage lang heftige Gefechte geliefert. Dass es nur 35 Verletzte – darunter vier schwerverletzte Engländer – gab, ist fast ein Wunder. Einem am Boden liegenden 51-Jährigen wurde von einem wohl russischen Fan mit dem Fuß so oft gegen den Kopf getreten, dass er noch am Sonntag in Lebensgefahr schwebte. Der gefilmte, einen blauen Sommerhut tragende Täter wird gesucht.

Marseille statt Ibiza

Ein Sprecher des französischen Innenministeriums erklärte, dass viele Hooligans von den Polizeibehörden ihres Landes "nicht weitergemeldet" worden seien, was Kontrolle und Fahndung erschwere. Bei den Engländern soll es sich allerdings kaum um registrierte Hooligans handeln. Die meisten sollen nach Marseille gereist sein wie früher nach Ibiza – des Trinkens und der Action wegen.

Die russischen Schläger hingegen stammen gemäß ihren schwarzen Halstüchern meist aus den Fanklubs von Lokomotive Moskau und Zenit St. Petersburg. Sie wirkten gut trainiert und viel organisierter als die meist betrunkenen Engländer. In den Altstadtgassen von Marseille traten sie in kleinen Kommandos auf, droschen mit Eisenstangen und Klappstühlen um sich und verzogen sich blitzschnell wieder.

Der europäische Fußballverband eröffnete am Sonntag ein Verfahren gegen Russland. Am Dienstag will die Disziplinarkommission Maßnahmen verkünden. Sowohl Russland als auch England wird der EM-Ausschluss angedroht, sollte es weitere Ausschreitungen geben.

Der russische Sportminister Witali Mutko räumte ein "schlechtes Benehmen" russischer Fans ein. Im Vorfeld hatte er aber auch Organisationsmängel kritisiert.

Viele Fronten

Kritik gibt es allerdings auch am Sicherheitsdispositiv vor dem Spiel. Der französische Hooligan-Forscher Patrick Mignon meinte, bei der WM in Deutschland 2006 seien die Fans von ihrer Ankunft an den Bahnhöfen an "flankiert" worden – anders als in Marseille. Statt Betreuern sahen sich die Fans schwer ausgerüsteten CRS-Bereitschaftspolizisten gegenüber. Und diese hatten keine Betreuermission. Sie stehen seit Monaten unter Terroralarm – und dazu seit Wochen an diversen Streikfronten im Einsatz. Dabei gehen ebenfalls vermummte Jugendliche ebenfalls mit Eisenstangen und Pflastersteinen auf die CRS los. Schon im Mai hatten diese Beamten bei einer Kundgebung in Paris über gefährliche Einsätze, Dauerstress und Erschöpfung geklagt. Entsprechend aggressiv antworten die CRS-Einheiten auf Gewaltbereitschaft. Innenminister Bernard Cazeneuve bestritt zwar, dass die 1300 Sonderpolizisten überfordert gewesen seien. Er selbst habe die Gefahr von Schlägern "ebenso berücksichtigt wie andere Bedrohungen, insbesondere terroristische".

Offen bleibt, wie die russischen Fans Leuchtraketen und Rauchbomben ins Stadion schmuggeln konnten. Was die Möglichkeit von Ausschreitungen anbelangt, galt für die Partie England – Russland die Gefahrenstufe drei (von vier möglichen). Die Gefährdung durch Terrorbomben wird nicht nach Stadion oder Spiel eingestuft – sie ist überall gleich hoch. (Stefan Brändle aus Paris, 12.6.2016)

  • Russische Hooligans griffen im Stadion englische Anhänger an.
    foto: apa/afp/valery hache

    Russische Hooligans griffen im Stadion englische Anhänger an.

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