"En avant, marche!": Der dem Tod einen Marsch bläst

12. Juni 2016, 16:35
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Das Stück von Alain Platel, Frank Van Laecke und Steven Prengels in St. Pölten

St. Pölten – Ein Mann am Ende seiner besten Jahre wird aus Luigi Pirandellos Dialog Der Mann mit der Blume im Mund von 1923 entführt. Durch die Tür in einer rostfarbenen Wand stolpert er auf eine Bühne von heute. Er wird sterben. Und zwar noch im Verlauf des Stücks En avant, marche! von Alain Platel, Frank Van Laecke und Steven Prengels, mit dem das Festspielhaus St. Pölten am Freitag seine Saison abrundete.

Das Finale bedeutet hier Vorspiel: einmal, weil En avant, marche! in Kooperation mit dem Festival Impulstanz gezeigt wurde, das Mitte Juli in Wien beginnt. Und zweitens, weil der nahende Tod im Stück den Überlebenswillen des Protagonisten aufrauschen lässt.

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Er tritt mit zwei Becken in den Händen auf, trägt eine schwarze Uniformhose, ein schlecht sitzendes Hemd und im Mund ein Krebsgeschwür. Dazu gehört Wagner, den der Mann vom Ghettoblaster abspielt: das Vorspiel zum ersten Aufzug des Lohengrin. Auf dem Höhepunkt dieser Auratisierung des Grals steht der Kranke stramm und lässt die Becken knallen.

Diese Hauptfigur spielt und tanzt hingebungsvoll der Schauspieler Wim Opbrouck vom NTGent Stadstheater, mit dem Alain Platels Gruppe Les Ballets C de la B kooperiert. Für die musikalische Struktur zeichnet Steven Prengels verantwortlich. Ein weiterer Partner für die Aufführung im Festspielhaus war die Stadtkapelle Tulln, die die Rolle des zum Stück gehörenden, jeweils lokalen Blasmusikorchesters erfüllte. Und zwar formvollendet. Zum Glück.

Lob auf das Verbindende

Denn das Orchester ist nicht weniger als eine Allegorie auf die Gemeinschaft und wird hier weniger ironisch gesehen als die tapfere St.-Petri-Blasmusik in Vea Kaisers Austro-Country-Satire Blasmusikpop. Doch während Kaiser ihre Kapelle den Song Ein Kompliment der Sportfreunde Stiller spielen lässt, ging die Tullner Stadtkapelle Mahler an, Schubert, Bach und Verdi. Kaisers Kapellmeister Patscherkofel wäre vielleicht gerührt gewesen von Platels Lob auf das Verbindende und Würdige an der kommunalen Kapelle, die dem sich gegen sein Verlöschen aufbäumenden Todeskandidaten das Requiem spielt.

Dessen Auflehnung ist ein Auf und Ab zwischen Zusammenbruch und Ekstase, Weinerlichkeit und Stolz, Panikattacken und Loslassen. Er hat seine – im Stück fiktive – Funktion des Posaunisten im Orchester nach 40 Jahren aufgeben müssen, aber: "Meine Stimme ist noch da!" Dennoch, mit der Pirandello-Figur gesagt: "La morte è passata." Der Tod ist vorbeigekommen, hat ihm eine Blume in den Mund gesteckt und ist wieder verschwunden: "Zurück nach Venedig." Das Publikum lacht. Ansonsten ist es zum Teil verstört von dieser Mischung aus Farce und Tragödie, deren Künstlichkeiten die Traumgespinste des aus den Fugen geratenen Kulturmenschen unterstreichen.

Auf allen Ebenen gelungen

Ein Pop schäumt doch noch hoch, wenn zwei Gardetänzerinnen und ein junger Posaunist ihre Körper loslassen und den Mann an der Schwelle zum Tod in eine Hochstimmung bringen. Sobald, nach Schuberts auf dem Mundstück einer Posaune gespieltem Leiermann, die Schwelle überschritten ist, brechen die final versammelten Tänzer und das Orchester Gustav Holsts Jupiter Hymn ab: Der Tod hat ein Tableau vivant gezaubert. Ein perfekter Moment am Schluss eines beeindruckenden Stücks.

Im Gegensatz zu der Vorgängerkooperation Gardenia von Alain Platel und Frank Van Laecke ist deren aktuelle gemeinsame Arbeit nun auf allen Ebenen gelungen. Am Donnerstag ist En avant, marche! in London mit der The Heroes Band und Anfang Juli bei den Berliner Festspielen zu sehen. (Helmut Ploebst, 12.6.2016)

  • Wim Opbrouck (li.) entdeckt am Ende seiner Jahre das Leben neu. Auf seinem Schoß: Chris Thys.
    foto: phile deprez

    Wim Opbrouck (li.) entdeckt am Ende seiner Jahre das Leben neu. Auf seinem Schoß: Chris Thys.

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