1964: Spaniens Sieg auf Francos Order

Video12. Juni 2016, 16:18
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Das Finale in Madrid gegen Titelverteidiger Sowjetunion war von ideologischen Gegensätzen überlagert. Spaniens Erfolg sollte der letzte für 44 Jahre sein und war doch schnell vergessen

Diesmal hielt Francisco Franco still. Hatte Spaniens Generalissimus vier Jahre zuvor ein Antreten seiner Selección gegen den Erzfeind Sowjetunion im Viertelfinale noch untersagt, stand einem Kräftemessen beim zweiten "Europacup bewerb für Fußballnationalmannschaften" nichts mehr im Weg. Schließlich fand die Endrunde diesmal in der Heimat statt, schließlich handelte es sich um das Endspiel.

1960 waren durch das Eingreifen des faschistischen Diktators Größen wie Alfredo di Stefano, Francisco Gento, Ladislao Kubala oder José Emilio Santamaría um ihre Chance auf einen Titel betrogen worden. Angeblich waren die Spieler erst zwei Stunden vor der geplanten Abreise nach Moskau von der Entscheidung des Obersten in Kenntnis gesetzt worden. Die Beweggründe bleiben bis heute unklar. War es allein die Aversion gegen den ideologischen Antipoden? Oder doch auch dunkle Fantasien von der Schmach des Desasters? Durchaus möglich, schließlich hatten die überragenden Sowjets in ihrem letzten Vorbereitungsspiel die Polen mit 7:1 zerlegt.

Wie dem auch sei, am 21. Juni 1964 wurde also angepfiffen – auch wenn politische Rivalitäten den Sport nach wie vor überlagerten. Beide Mann schaften standen unter gehörigem Druck. Die sowjetischen Spieler wurden in den Kreml, ins Propagandaministerium zitiert, wo sie noch einmal unzweideutig auf die Relevanz der Begegnung hingewiesen wurden. Der spanische Mittelfeldspieler Jesús María Pereda wiederum behauptet, Franco habe ihm persönlich die Order erteilt, einen Sieg zu erkämpfen. Und zwar nicht irgendeinen, deutlich sollte er ausfallen.

Letztlich wurde aber auch der 2:1-Erfolg gegen den Titelverteidiger gerne genommen, den ein Kopfballtreffer von Marcelino Martínez in der 84. Minute sicherstellte.Es war der Triumph einer neu formierten Mannschaft ohne die ganz großen Namen. Die Ausnahme zog die Fäden im Mittelfeld: Luis Suárez. 1964 und 1965 Europacup-Sieger mit Internazionale Mailand, war er das routinierte Element des iberischen Kollektivs und hatte bei beiden Toren seine Beine im Spiel.

aleks chistogan
Spanien gegen die Sowjetunion, das war auch ein politisches Match.

Das Finale lieferte Superlative. Was die Zuschauerzahl im Estadio Santiago Bernabéu betrifft, gehen die Angaben auseinander, es könnten bis zu 120.000 gewesen sein. Nie zuvor hatten in Spanien je so viele Menschen einem Ländermatch beigewohnt. Auch die Prämie für die Sieger erreichte ungekannte Höhen: 100.000 Peseten wurden an jeden Spieler ausgeschüttet, das entsprach in etwa dem Gegenwert von 43.000 Schilling.

Österreich? Weit vom Geld entfernt. Man scheiterte unter Teamchef Karl Decker nach einem Freilos im Achtelfinale der Vorrunde an Irland – 0:0 in Wien, 2:3 in Dublin. (Michael Robausch, 12.6.2016)

  • Luis Suárez Miramontes, 1964 Spaniens Star.
    foto: wikipedia

    Luis Suárez Miramontes, 1964 Spaniens Star.

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