Titelverteidiger Spanien greift ein

12. Juni 2016, 15:36
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Coach del Bosque hat schon wieder den besten Kader und strebt das Tripple an, Gegner Tschechien ist nach starker Qualifikation aber nicht zu unterschätzen

Toulouse – Spanien strebt in Frankreich den dritten EM-Triumph in Folge an. Doch wie schnell Lorbeeren welken, hat die Selección vor zwei Jahren beim WM-Gruppenaus in Brasilien erlebt. Im ersten Gruppenspiel am Montag (15.00 Uhr, Liveticker auf derStandard.at) gegen Tschechien in Toulouse wird man sehen, was der Titelverteidiger wirklich drauf hat. Und ob die Truppe die Unruhe um Goalie David de Gea weggesteckt hat.

Für Vicente del Bosque ist der Titel "das Ziel, aber keine Verpflichtung". Man sollte sich keine Grenzen setzen, sondern das Maximum anpeilen." Der 65-jährige hochdekorierte Erfolgscoach könnte sich durch das ganz große Portal von der internationalen Bühne verabschieden, auch wenn sein Rücktritt noch nicht offiziell ist.

Dass Spaniens Fußball nach wie vor international den Takt vorgibt, beweisen eindrucksvoll die Vereine. Zugleich wurde durch die Erfolge von Real Madrid, Atletico und dem FC Sevilla aber auch die Vorbereitung erschwert: Erst im abschließenden Testspiel gegen Georgien waren die Profis aus der Hauptstadt dabei – und dann setzte es noch ein 0:1. "Ich verstehe ja, dass man die Dinge diskutiert und kritisiert. Aber am Montag fangen wir mit einem Sieg gegen Tschechien an – und alles wird sich ändern", meinte Innenverteidiger Gerard Pique dazu.

Tormannfrage

Bereits vor dem ersten Spiel musste sich das iberische Lager im Krisenmanagement üben: Torhüter De Gea ist in einen Skandal um einen Porno- und Zuhälterring verwickelt, der 25-Jährige wehrte sich und sprach von "Lüge". Der Fall könnte jetzt seinem Rivalen Iker Casillas zugute kommen. Der Kapitän, Rekordnationalspieler (167 Länderspiele/93 Gegentore) und fünffacher "Welttorhüter des Jahres" hat beim FC Porto eine durchwachsene Saison gespielt und seine beste Zeit wohl hinter sich.

Neben Casillas sind noch vier weitere Profis vom EM-Triumph 2008 in Wien dabei: Andres Iniesta, Sergio Ramos, Gerard Pique und David Silva. "Ich vertraue sehr meinen Altgedienten, die schon lange in der Auswahl spielen und den Neuen, die neue Impulse einbringen", sagte Del Bosque.

Er hat eine einzige Ansammlung von Hochbegabten im Kader, die Mannschaft ist die wertvollste aller 24 Teilnehmer. Der Marktwert der Spanier beläuft sich auf insgesamt 592 Millionen Euro, Sergio Busquets und Koke (beide 60 Millionen) führen die interne Rangliste an.

Zu den Turnier-Debütanten bei Spaniens zehnter EM-Teilnahme zählt auch Alvaro Morata. Und der Stürmer von Juventus Turin zeigt Selbstbewusstsein: "Ich denke, dass Spaniens letzte Spielergeneration Geschichte geschrieben und alles, was ging, gewonnen hat. Aber auch die nächste Generation ist ein Gewinnerteam."

Rosicky und Teamwork

Selbstbewusstsein muss sich der Gegner erst erarbeiten. Allerdings haben die Tschechen eine mehr als solide Qualifikation absolviert und die Gruppe A (unter anderem mit den Niederlanden, der Türkei und Island) an erster Stelle beendet. Die Hoffnungen ruhen in erster Linie auf Tomas Rosicky. Der ist inzwischen 35 Jahre alt und höchst verletzungsanfällig. Ein komplettes Jahr spielte das große tschechische Idol aufgrund unterschiedlicher Blessuren nicht für Arsenal, der Vertrag lief aus. Zweifel an Rosicky gibt es in Tschechien deswegen aber noch lange nicht.

Trainer Pavel Vrba setzt bedingungslos auf seinen Altstar – mangels Alternativen. Trotz seines Alters ist Rosicky immer noch nahezu der einzige, der das tschechische Spiel schnell zu machen vermag. "Es war zu sehen, dass er in der Offensive Vorzüge hat wie kein anderer in unserem Team", sagte der tschechische Nationalcoach zum Ende der EM-Vorbereitung.

Vrba genügten drei Einsätze Rosickys für die Arsenal-Reserve zum Saisonende, um ihn in den Kader zu berufen und beim Nationalteam aufzupäppeln. Dennoch ist Rosicky längst noch nicht in Topform. "In der Defensive hapert es natürlich noch etwas, da muss er noch mehr zeigen", meinte Vrba, fügte jedoch hinzu: "Doch ich bin guter Dinge, dass auch das noch besser wird bei der EM."

Rosicky selbst bleibt mit all seiner Routine vollkommen gelassen. "Ich bin absolut in Ordnung. Ich freue mich riesig auf die EM", sagte der Dribbelkünstler. Die tschechische Legende und Ex-Rapidler Antonin Panenka befand: "Ich hoffe, dass unsere Mannschaft nicht enttäuschen wird und zumindest in die K.o.-Runde einzieht, um die Erwartungen der Fans zu erfüllen." (APA, red, 12.6. 2016)

Mögliche Aufstellungen:

Gruppe D, 1. Runde:
Spanien – Tschechien (15.00 Uhr, Stadium de Toulouse, SR Marciniak/POL)

Spanien: 1 Casillas – 16 Juanfran, 3 Pique, 15 Ramos, 18 Alba – 5 Busquets, 8 Koke – 21 Silva, 10 Fabregas, 6 Iniesta – 7 Morata

Ersatz: 13 De Gea, 23 Rico – 2 Azpilicueta, 4 Bartra, 12 Bellerin, 17 San Jose, 14 Thiago, 19 Soriano, 9 Vazquez, 11 Pedro, 20 Aduriz, 22 Nolito

Tschechien: 1 Cech – 2 Kaderabek, 6 Sivok, 3 Kadlec, 8 Limbersky – 22 Darida, 13 Plasil – 9 Dockal, 10 Rosicky, 19 Krejci – 7 Necid

Ersatz: 16 Vaclik, 23 Koubek – 4 Gebre Selassie, 5 Hubnik, 17 Suchy, 11 Pudil, 14 Kolar, 15 Pavelka, 18 Sural, 20 Skalak, 12 Skoda, 21 Lafata

  • Spanien ist guter Dinge.
    foto: afp/marcou

    Spanien ist guter Dinge.

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