England vs. Russland: Eine Luftbrücke und die freie Verbindlichkeit

Infografik12. Juni 2016, 15:41
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Das Aufeinandertreffen der Three Lions und der Sbornaja in der STANDARD-Netzwerkanalyse

Das Strukturbild der Vorrundenpartie England gegen Russland in Marseille lässt sich recht eindeutig interpretieren: England spielte und spielte, während Russland reagierte und reagierte. Auf Seiten der Spielgestalter liegen die Beziehungsschwerpunkte im Zentrum bzw. den daran andockenden Außenspielern. Aus dem insgesamt dichten Passgefüge ragt das Dreieck mit Rose, Rooney und Dier heroisch hervor, samt multiplen Anbindungen Richtung Offensive mit Sterling und Kane. Aber auch auf dem rechten Flügel findet sich ein robustes Dreieck – Walker, Alli und Lallana – mit Willen zur Vertikalität Richtung Solospitze Kane.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Das munter-variantenreiche 4-3-3 lebte nicht zuletzt von der Mischung aus Freiheit und Verbindlichkeit, mit der Rooney seine Rolle als Takt- und Passgeber interpretierte. Seine jungen Mitstreiter suchten und fanden ihn an allen Ecken und Enden des Spielfelds.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Englands Dominanz lässt sich im russischen Netzwerk an zweierlei erkennen: Während das Mittelfeld hauptsächlich mit Arretierungsaufgaben beschäftigt war, gestaltete sich das Spiel nach vorn in Form einer Art Luftbrücke in Richtung Spitze von Akinfejew über Beresuzki und Schtschennikow bis hin zu zu Dsjuba.

Das russische Ballbesitzspiel hingegen ereignete sich schwerpunktmäßig in einem vorsichtig tastenden Quergeschiebe zwischen den beiden Innenverteidigern Beresuzki und Ignaschewitsch. Ganz zarte Impulse für ein konstruktives Spiel nach vorn gingen allenfalls von Schatow und Kokorin aus.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihrer Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

Insgesamt erinnerte die russische Vorstellung eher an den angstgetriebenen Verhinderungsfußball der Ära von Trainer Fabio Capello als an die Aufbruchsstimmung der letzten Qualifikationsspiele.

Die Rechnung ging schlussendlich trotzdem auf: Es reichte eine Standardsituation, um den Russen eine günstige Ausgangsposition für den Weiterverbleib zu sichern. Fragt sich, ob das späte Glück die inneren Knoten gelöst oder das Ergebnis die kollektive Vorsicht nur umso fester gezurrt hat. (Helmut Neundlinger, 12.6.2016)

Die Analytiker

FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 im Einsatz und analysiert für den STANDARD auch exklusiv die Spiele der EM.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

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