Sensationeller Thiem biegt Rasenkönig Federer

11. Juni 2016, 15:45
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Österreicher wehrt zwei Matchbälle ab und spielt in Stuttgart um seinen vierten Titel 2016 – Finale gegen Kohlschreiber

Stuttgart – Dominic Thiem hat am Samstag seiner großartigen Entwicklung einen neuen Meilenstein hinzugefügt: Der 22-jährige Niederösterreicher bezwang am Samstag im Halbfinale beim MercedesCup in Stuttgart sensationell auch "Rasenkönig" Roger Federer. Nach Abwehr von zwei Matchbällen besiegte Thiem den Weltranglisten-Dritten mit 3:6,7:6(7),6:4. Am Sonntag kämpft Thiem bereits um seinen vierten Saison-Titel.

Wer hätte das gedacht? Nur eine Woche nach dem bereits sensationellen Lauf bis ins Halbfinale der French Open hat Thiem, der mit einer 2:6-Rasenbilanz in seiner Karriere nach Stuttgart gereist war, den siebenfachen Wimbledonsieger Federer bezwungen – auf Gras. Er ist damit einer der wenigen auf der Tour, der mit 2:1-Siegen sogar eine positive Bilanz gegen den Rekord-Grand-Slam-Sieger aufweist. Alle drei Matches gegen Federer fanden in diesem Jahr statt, nach dem 1:6,4:6 im Halbfinale auf Hardcourt in Brisbane, freute sich Thiem im Rom-Achtelfinale über einen 7:6(2),6:4-Erfolg auf Sand.

Finale gegen Kohlschreiber

Im Endspiel am Sonntag (13.30 Uhr/live Eurosport) kämpft er um seinen bereits vierten Titel allein in diesem Jahr nach Buenos Aires, Acapulco und Nizza. Sein Gegner ist der Deutsche Philipp Kohlschreiber (GER-7), der den Argentinier Juan Martin del Potro 6:3,6:4 bezwingen konnte.

Es ist das dritte Duell Thiems mit Kohlschreiber, beide bisherigen gingen an den 32-jährigen Wahl-Kitzbüheler. Eben in Kitzbühel hatte der derzeitige Weltranglisten-26. im vergangenen Sonntag im Halbfinale 6:0,7:6(6) gesiegt, Anfang Mai im München-Finale unterlag Thiem ebenfalls auf Sand 6:7(6),6:4,6:7(4). "Ich habe sehr druckvoll agiert", sagte Kohlschreiber, nachdem er seinen dritten Matchball verwertet hatte.

Thiem war selbst fast am meisten überrascht über diesen Triumph und sprach von einem der besten Tennis-Tage seines Lebens. "Es fühlt sich natürlich unwirklich an, dass ich da wirklich als Sieger rausgegangen bin. Ich habe eigentlich gar nicht gewusst, dass ich auf Rasen so gut Tennis spielen kann", sagte Thiem. Wahrscheinlich habe es auch ein bisschen damit zu tun, dass er ohne Erwartungen ins Match reingegangen war.

Spitzenpartie mit Pausen

Das Halbfinale war, abgesehen von zwei Regenunterbrechungen, vor allem in den Sätzen zwei und drei hochdramatisch und über weite Strecken auch hochklassig verlaufen. Thiem musste gleich im ersten Satz erkennen, dass Federer unbarmherzig seine Chancen nutzt. Seine erste Breakchance zum 3:1 verwertete der Schweizer, der in der Folge in Satz eins unantastbar war. Thiem ließ sich aber nicht rausbringen und nutzte auch eine gewisse Schwächephase Federers perfekt zu einer völlig unerwarteten 5:0-Führung im zweiten Satz.

Der zweite Durchgang verlief äußerst dramatisch. "Ich habe ein bisserl einen schweren Arm bekommen beim Ausservieren im zweiten Satz", gestand Thiem. Federer schaffte die zwei Rebreaks und glich zum 5:5 aus. Obwohl Thiem da doch auch etwas patzte, steigerte er sich in der Folge wieder. Im Tiebreak hatte Federer allerdings bei 6:5 und 7:6 zwei Matchbälle, vor allem den zweiten wehrte Thiem mit einer sensationellen Rückhand ab. Er selbst nutzte den ersten Satzball zum 9:7.

Gleich danach kam es zur ersten Regenunterbrechung. Thiem gestand danach: "Im Tiebreak war natürlich eine Riesenportion Glück dabei, die bei Siegen über solch große Spieler auch dazugehört."

"Glücklichster Moment im Jahr"

Im dritten Durchgang vermied Thiem trotz eines sehr aggressiv agierenden Federers, der in zwei Aufschlagspielen Thiems vier Breakbälle hatte, einen frühen Serviceverlust. Er selbst schaffte das Break zum 4:3, ehe eine weitere kurze Regenpause folgte. "Das Niveau von mir war wirklich sehr gut, die ganzen Umstände machen das wahrscheinlich zu meinem persönlich glücklichsten Moment in meinem bisherigen Tennis-Jahr."

Thiem spielt am Sonntag um seinen heuer vierten Turniersieg auf dem dritten Belag. "Das ich auf Sand und Hartplatz weit kommen kann, das habe ich von mir selbst auch erwartet, aber auf Gras hätte ich es mir nicht in den kühnsten Träumen erwartet. Schon gar nicht in der ersten Woche nach einem wirklich anstrengenden Paris-Turnier. Das macht das ganze extrem speziell", freute sich Thiem.

Gewinnt er auch noch am Sonntag, dann wartet neben dem Siegerscheck in Höhe von 107.900 Euro auch ein Mercedes SL 500 im Wert von rund 150.000 Euro auf Thiem.

Der Sieg über Federer war für Thiem aber mit Sicherheit von größerer Bedeutung. "In Rom war er nicht fit. Es hat nicht so viel wie jetzt bedeutet – auf seinem besten Belag."

Direktes und indirektes Lob für Thiem

Federer war "ein bisschen enttäuscht", doch das sei klar, wenn man mit Matchbällen verliere. "Es war ein gutes Match von beiden Seiten unter schwierigen Bedingungen. Er hat wirklich tolle Schläge ausgepackt, als es nötig war, und so kam ein ziemlich gutes Match heraus", sagte der Schweizer und das größte Lob für Thiem kam eigentlich indirekt: "Ich habe alles richtig gemacht, die Dinge wären alle gut, wenn ich den einen Punkt gemacht hätte."

Thiem hat übrigens laut ATP eine großartige Bilanz in Entscheidungssätzen: 18:1-Siege. Dies zeugt nicht nur von enormem Kampfgeist und körperlicher Fitness, sondern überzeugt auch in mentaler Hinsicht.

Für Österreichs Tennis-Ass geht es nächste Woche erneut auf Rasen beim ATP-500-Turnier in Halle weiter. Der 22-Jährige ist wieder als Nummer drei gesetzt, muss aber diesmal gegen Joao Sousa gleich zum Auftakt ran. Gegen den Portugiesen führt Thiem im Head-to-Head 5:1, es ist das erste Duell der beiden auf Rasen.

Der Schweizer Roger Federer, im Stuttgart-Halbfinale Thiem am Samstag in drei Sätzen unterlegen, ist beim Klassiker in Halle topgesetzt. Der Japaner Kei Nishikori ist die Nummer zwei. (APA; 11.6.2016)

  • Kann es selbst kaum glauben: Dominic Thiem.
    foto: apa/afp/kienzle

    Kann es selbst kaum glauben: Dominic Thiem.

  • Zwei Matchbälle vergeben: Roger Federer.
    foto: apa/afp/kienzle

    Zwei Matchbälle vergeben: Roger Federer.

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