Keine Konkurrenz zu Polzer & Co: "Wir sind die Augen der Blinden"

12. Juni 2016, 09:00
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Für tausende Blinde und Sehbehinderte ist Johannes Karner mit seinen Kollegen das Tor zur Fußball-EM

Wien – Wenn Oliver Polzer in Frankreichs EM-Stadien Live -Atmosphäre inhaliert, nimmt Johannes Karner in einem kargen Studio auf dem Wiener Küniglberg Platz, um das Gleiche wie der ORF-Kollege zu tun: Fußballspiele kommentieren. Nur anders. Karner ist Teil eines Teams, das im ORF Blinden und Sehbehinderten die Spiele der Europameisterschaft vor Augen führt. Im Unterschied zu Polzer & Co wird Karner keine Schnurren aus dem Leben der Nationalspieler erzählen, sondern erklären, was sich abspielt: "Wir sind die Augen der Blinden."

Packt Arnautovic einen Trick aus, kann Karner nicht einfach von einer Finte sprechen, sondern muss seine Verrenkungen genau beschreiben: "Wir brauchen das Vokabular, um diese Situationen schildern zu können." Ist ein Spiel schlecht, sollen das Zuhörer durch den neutralen Kommentar erkennen: "Unsere persönliche Wertung darf dabei nicht vor kommen, die Blinden wollen sich selbst ihre Meinung bilden."

Zwei Kommentatoren pro Spiel

Karner ist einer von sechs Mitarbeitern der Produktionsfirma Audio2, die für den ORF die Audiodeskription bei der Fußball-EM machen. Pro Spiel berichten zwei Kommentatoren. Das Maximum sind zwei Spiele pro Tag: Mehr würde in Sachen Konzentration nicht gehen.

"Wir sind keine Konkurrenz zum Hauptkanal, weil wir einen völlig anderen Kommentar produzieren", sagt Karner. Im Gegensatz zu den Kollegen dort muss er sich weder an Quoten messen lassen noch wüste Beschimpfungen ertragen. Ganz ohne Kritik läuft es dennoch nicht ab. Etwa wenn Zuseher erbost anrufen und sich beschweren, dass der Kommentator zu viel rede: "Dann haben sie meist den falschen Kanal erwischt", sagt er und schmunzelt dabei. Grundsätzlich sei Kritik aber wichtig. Blinde Stammhörer sind das Korrektiv.

Mehrere Sportarten

Neben Fußball kommentiert Karner mit seinen insgesamt 19 Audio2-Kollegen noch viele andere Sportarten für den ORF und öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland. Etwa Skifahren, Formel 1 oder Skispringen. Dazu kommen noch Dokus, Filme und Live-Events wie Dancing Stars, Song Contest oder am Samstag die Militärparade Trooping the Colour.

Der schlimmste Moment für Karner war bis jetzt der Sturz von Hans Grugger 2011 bei der Abfahrt in Kitzbühel. "Es war schrecklich, das zu schildern." Während der Kollege im Hauptkanal schweigen konnte, als Grugger bewusstlos im Schnee lag, musste Karner reden. Wie? "Man darf nicht die Nerven wegschmeißen und muss versuchen, das Geschehen möglichst neutral zu erklären." Ja nicht dramatisieren, heißt die Devise.

ORF führender Sender

Österreich sei nicht nur Europameister, sondern sogar Weltmeister, sagt Michael Kastelic, Geschäftsführer von Audio2, und meint damit den Stellenwert von Barrierefreiheit. 1054: So viele Programmstunden mit akustischer Bildbeschreibung lieferte der ORF im Jahr 2015. Das sind rund drei Stunden pro Tag. "Sie haben ein Recht auf gute Qualität." Schließlich zahlen auch Blinde GIS-Gebühren.

Ist die Europameisterschaft vorbei, wartet mit den Olympischen Spielen in Brasilien bereits das nächste Großereignis. Audio2 kommentiert die Bewerbe für den ORF und die deutschen Sender ARD und ZDF. "Eine große Herausforderung", sagt Kastelic, die penibel vorbereitet werden müsse.

Nicht jeder ist firm mit den Regeln beim Bogenschießen oder Trampolinturnen. 33 Experten schulen die Mitarbeiter, denn ein probates Mittel für Kommentatoren käme bei Blinden nicht so gut an: schweigen, wenn man keine Ahnung vom Regelwerk hat. Neben dem ORF arbeitet Audio2 etwa noch für die Fußball-Bundesliga und den ÖFB. Spiele in Österreich werden normalerweise direkt im Stadion kommentiert.

Eine Herzensangelegenheit für Kastelic ist das Projekt Theater4all, bei dem Kommentatoren die Bildbeschreibung von Theatervorstellungen übernehmen. Partner sind Burgtheater, Volkstheater, die Josefstadt und das Schauspielhaus.

Sprecher in der Poleposition

Seine Mitarbeiter müssen extrovertiert sein, erklärt Kastelic. Bevorzugt werden ausgebildete Sprecher. Prädestiniert ist da einer wie Karner. Der 28-Jährige hat Musical studiert, ist ausgebildeter Fußballtrainer und wollte "schon immer Sportkommentator" werden. Mit seiner Arbeit ist er glücklich: "Ich kann meinen Traum leben und die Begeisterung für den Sport an Blinde und Sehbehinderte weitergeben." (Oliver Mark, 12.6.2016)

  • Über 300 Fußballspiele hat Johannes Karner bereits für Blinde kommentiert – viele direkt im Stadion.
    foto: audio2

    Über 300 Fußballspiele hat Johannes Karner bereits für Blinde kommentiert – viele direkt im Stadion.

  • Weltmeister Österreich: Audio2-Chef Kastelic.
    foto: audio2

    Weltmeister Österreich: Audio2-Chef Kastelic.

  • Für den ORF und die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender kommentiert Audio2 die Olympischen Spiele in Brasilien.
    foto: audio2

    Für den ORF und die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender kommentiert Audio2 die Olympischen Spiele in Brasilien.

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