Daniel Nivel – der Ehrengast, der aus dem Koma kam

11. Juni 2016, 10:17
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Bei der WM 1998 prügelten deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel ins Koma. Sie brachten "endloses Leid" über die Familie, sagt seine Frau Lorette. Nivel kann kaum mehr sprechen, am Sonntag will er einer Einladung des DFB folgen

Lens – Daniel Nivel hat keine Erinnerungen an diesen heißen Sommertag in Lens. An diese zwei Minuten, die sein Leben zerstörten. Der ehemalige Gendarm weiß nicht mehr, wie er mit zwei Kollegen die ruhige Rue Romuald Pruvost bewachte, wie er in seiner Uniform schwitzte und mit einem kleinen Buben Fußball spielte. Wie irgendwann eine Gruppe deutscher Hooligans die schmale Gasse stürmte. Wie schließlich Schläge und Tritte auf seinen Körper und Kopf einprasselten.

Der 21. Juni 1998 ist ein weißer Fleck in der Erinnerung des Franzosen, doch er wird Daniel Nivel für immer begleiten. An diesem Tag vor 18 Jahren brachten deutsche Gewalttäter "endloses Leid" über seine Familie, sagt seine Ehefrau Lorette. Groll gegen das Nachbarland hat Nivel dennoch nie gehegt. Am Sonntag will er der Einladung des Deutschen Fußball-Bundes folgen und beim EM-Spiel gegen die Ukraine (21 Uhr) auf der Tribüne sitzen.

Schuldgefühle, aber keine Schuld

"Die Deutschen", sagt Lorette Nivel, hätten sich stets verantwortlich gefühlt, "aber sie konnten ja nichts dafür. Die Täter kamen einfach aus ihrem Land." Die Einladung nach Lille ist nicht viel mehr als eine Geste, doch schon seit 1998 unterstützt der DFB die Familie – vor allem mit der Daniel-Nivel-Stiftung.

foto: reuters

Es soll kein öffentlicher Auftritt werden, der Besuch wird ohnehin anstrengend sein für den schwerbehinderten Franzosen. Nivel ist heute 61 Jahre alt, seit dem Angriff ist er auf dem rechten Auge blind, kann nicht mehr riechen und nicht mehr schmecken. Auch das Sprechen fällt ihm schwer. Man habe ihm das Wichtigste im Leben für immer genommen, sagt seine Frau dazu: "Die Fähigkeit zu kommunizieren."

Bedrückende Fernsehaufnahmen

Was all das für die Familie bedeutet, das durfte einmal ein Kamerateam einfangen, zweieinhalb Jahre nach der Tat entstanden bedrückende Bilder. Nivel sitzt im heimischen Wohnzimmer, der Vater zweier Kinder sucht unter größter Anstrengung nach einfachsten Begriffen, die ihm auf Bilderkarten präsentiert werden. Manchmal scheitert er. Es sind Szenen, die einem Beobachter das Herz zerreißen können.

Damals, am Morgen des 21. Juni 1998, erzählt Lorette Nivel in einer NDR-Doku, habe sie Daniel wie immer verabschiedet. Die Worte "Pass auf dich auf" rutschten ihr eher automatisch über die Lippen. Doch es lag schon etwas in der Luft, lange vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Jugoslawien. Hunderte Hooligans waren in das 30.000-Einwohner-Städtchen Lens gekommen.

Mit Gewalt zur Gewalt

Wie genau die Krawalle begonnen hatten, davon gab es im Laufe der Zeit unterschiedliche Versionen. Die Hooligans hätten keine Karten mehr für das Spiel bekommen und hätten sich frustriert ihren Weg zum Stadion bahnen wollen, hieß es einst im Spiegel. Oder es wäre eine Schlägerei mit jugoslawischen Anhängern geplant gewesen. Einer der Beteiligten sagt, die Deutschen hätten gehört, dass englische Fans in der Stadt wären und auf eine Prügelei warten würden. So oder so: Straßensperren der Polizei sollten ein Aufeinandertreffen der Chaoten verhindern, die französischen Behörden wollten keine Schlacht.

"Die hauen wir platt"

Die deutschen Hooligans harrten in der Innenstadt aus. Die Sonne brannte, der Alkoholpegel stieg, der Frust wuchs, bald flogen vor den Straßencafés Tische und Stühle. Immer wieder versuchten einige, in die abgesperrten Bereiche einzudringen. Irgendwann passierte eine Gruppe die Rue Romuald Pruvost. "Da sind nur drei, da kommen wir durch", rief ein Aggressor: "Die hauen wir platt."

foto: ap

Plötzlich hatten sie einen Vertreter der verhassten Polizei in ihrer Gewalt, und all die Wut entlud sich mit unvorstellbarer Brutalität. Nivel sollte büßen. Mit einem Gewehraufsatz aus Stahl und einem Reklameschild schlugen die Täter auf ihn ein, bis Blut über den Bordstein lief.

Schuldspruch nach Anlaufschwierigkeiten

Der Prozess stand lange Zeit auf der Kippe. Der Belastungszeuge, der vor der Polizei im Juli 1998 die entscheidende Aussage machte, wollte anonym bleiben, vor Gericht unmöglich. Die Polizei kannte seine Identität, blieb dem Dienstgeheimnis aber treu. So stockte der Prozess, Richter Rudolf Esders befürchtete bereits Freisprüche aus Mangel an Beweisen und begann selbst zu ermitteln.

Auf gut Glück lud er drei potenzielle Zeugen vor. Einer davon war ein Volltreffer: Burkhard Mathenia war Mitarbeiter eines Schalke-04-Fanprojekts, aus dieser Szene kamen die Angreifer. Er identifizierte den Haupttäter auf Bildaufnahmen "zu 98,5 Prozent" und musste in ein Zeugenschutzprogramm. Genug für die Schuldsprüche, die Angreifer erhielten inzwischen abgebüßte Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren. (sid, red, 11.6.2016)

  • Daniel Nivel war auch bei der WM 2006 Ehrengast des DFB.
    foto: apa

    Daniel Nivel war auch bei der WM 2006 Ehrengast des DFB.

  • Ein Foto der Attacke im Juni 1998.
    foto: ap

    Ein Foto der Attacke im Juni 1998.

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