"Brauchen Flexibilität, müssen atmen"

12. Juni 2016, 09:00
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Peter Mitterbauer, Chef von Miba, setzt große Stücke auf Österreich, mahnt aber gleichzeitig Reformen ein

STANDARD: Sie sind nach dem Rückzug Ihres Vaters vor drei Jahre an die Spitze der Miba gerückt. Was hat sich für Sie dadurch verändert?

Mitterbauer: Ich bin seit 2006 im Unternehmen, habe mehrere Stationen durchlaufen, war beim Bau unseres Werks in China (Suzhou; Anm.) dabei und habe zuletzt von Roitham (Bezirk Gmunden) aus den Bereich Reibbeläge mit rund 1000 Mitarbeitern geleitet.

STANDARD: Von Roitham zur Unternehmenszentrale nach Laakirchen sind es ein paar Kilometer ...

Mitterbauer: ... ein kurzer Weg, aber mit deutlich mehr Verantwortung gepflastert – für fast 5500 Mitarbeiter in der ganzen Gruppe.

STANDARD: Wie belastend ist das?

Mitterbauer: Natürlich spürt man das. Es ist aber vor allem die Freude am Gestalten, die mich antreibt. Wir sind zum Glück ein Vorstandsteam, das sich sehr gut ergänzt. Wenn man das Gefühl hat, mehrere Leute ziehen am selben Strang, macht das auch Spaß.

STANDARD: Miba ist an weltweit 22 Standorten in acht Ländern vertreten. Welche Rolle spielt Österreich?

Mitterbauer: 55 Prozent unseres Umsatzes produzieren wir hier, etwa 95 Prozent davon gehen in den Export. Österreich ist noch immer wichtig. Im internationalen Wettbewerb kommt es aber auf die Rahmenbedingungen an.

STANDARD: Und die sind anderswo besser?

Mitterbauer: Ich vergleiche Österreich nicht mit China, weil wir die Philosophie haben, in Asien für Asien, in den USA für die USA und in Europa für Europa zu produzieren. Fakt ist aber, dass es in Europa große Unterschiede gibt.

STANDARD: Zum Beispiel?

Mitterbauer: Liegen die Kosten eines Mitarbeiters in der Produktion mit fünfjähriger Zugehörigkeit in Österreich bei 100, sind es in der Slowakei 30. Diese Diskrepanz auf so kurzer Distanz kann den Entscheidungsprozess beeinflussen, wenn es um strategische Investitionen in der Zukunft geht.

STANDARD: Wenn Sie politische Verantwortung in diesem Land hätten, was würden Sie erstens, zweitens, drittens machen?

Mitterbauer: Ich möchte nicht so sehr ins Politische gehen. Dass aber bei den Lohnnebenkosten akuter Handlungsbedarf besteht und auch bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit, liegt auf der Hand. Wenn VW, BMW oder ein anderer Hersteller sagt, wir brauchen 100, dann 60 und das dritte Mal vielleicht 120 Stück, kann ich sagen, ich gehe mit oder eben nicht. Dazu muss ich aber atmen können.

STANDARD: Die Autoindustrie, die derzeit für knapp 50 Prozent des Miba-Umsatzes steht, befindet sich im Umbruch. Trifft Sie das?

Mitterbauer: Ob der Switch zu Elektromotoren oder anderen Antriebssystemen so kommt, wie viele meinen, wird sich zeigen. Ich bin da eher abwartend. Dennoch haben wir schon vor fünf Jahren begonnen, einen neuen Geschäftszweig aufzubauen – Widerstände und Kühlungssysteme für Hochleistungselektronik. Wir beliefern damit beispielsweise BYD in China, die reine Batteriefahrzeuge herstellen. Dieser Bereich macht etwa zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Da ist noch mehr drin.

STANDARD: Fachkräfte werden künftig wohl noch schwerer zu finden sein als jetzt – schon wegen geburtenschwächerer Jahrgänge. Wie gehen Sie das Thema an?

Mitterbauer: Wir haben verschiedene Programme laufen, suchen extern und bilden Leute auch verstärkt intern aus.

STANDARD: Das haben Sie immer schon getan ...

Mitterbauer: ... aber nun intensivieren wir das. Wir haben 250 Lehrlinge in Ausbildung, davon 80 in der Slowakei. Dort waren wir Pioniere in der Lehrlingsausbildung. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer ist es uns gelungen, die slowakische Regierung von der Sinnhaftigkeit der dualen Ausbildung zu überzeugen.

STANDARD: Zieht das Kreise?

Mitterbauer: In einem nächsten Schritt wollen wir auch in den USA Lehrlinge ausbilden, Ähnliches planen wir in China. Die Erfahrung aus Österreich hat gezeigt, dass mit der Lehrlingsausbildung die Identifizierung mit dem Unternehmen steigt. Ein Drittel der Mitarbeiter, die an unseren österreichischen Standorten in der Produktion tätig sind, hat als Lehrling begonnen.

STANDARD: Gerade in der Produktion kommen große Veränderungen auf Sie zu – Stichwort Industrie 4.0. Wie gehen Sie damit um?

Mitterbauer: Das ist eine der großen Herausforderungen – zu definieren, was wir überhaupt brauchen in Zukunft. Heute haben wir viele Metallurgen, Ingenieure und Technologen bei uns. Künftig benötigen wir zusätzlich Softwaretechniker, Mechatroniker, Mathematiker, Physiker, sprich Leute, die Daten interpretieren können.

STANDARD: Welchen Unterschied macht es für Miba, nicht mehr börsennotiert zu sein?

Mitterbauer: Die einzelnen Divisionen arbeiten genauso wie früher. Wo es uns hilft, ist im Finanzbereich, die Quartalsveröffentlichungen fallen weg. Somit können wir uns auf mittel- bis langfristige Sachen fokussieren, ohne vierteljährlich Rechenschaft geben zu müssen. Der Börsengang vor 30 Jahren hat uns geholfen, moderne Strukturen und Entscheidungsprozesse ins Unternehmen zu bringen. Das war gut. Daran halten wir fest.

STANDARD: Aufregung gab es zuletzt wegen der Neueinstufung von Mitarbeitern in den Gewerbe-KV. Warum machen Sie das?

Mitterbauer: Es geht um die Vormaterialfertigung, die wir von der Gleitlagerproduktion in Laakirchen nach Aurachkirchen verlagert haben – eine Entflechtung, wie sie international üblich ist. Davon betroffen sind 75 der 2400 Mitarbeiter in Österreich. Die Wirtschaftskammer hat bei der Neueinstufung assistiert und gesagt, das sei Gewerbe-KV. Die Mitarbeiter haben einen neuen Vertrag, bekommen aber denselben Lohn, den sie auch im Industrie-KV hatten. Die Gewerkschaft hat Einspruch erhoben. Ob berechtigt oder nicht, muss nun eine Instanz entscheiden, die dem Wirtschaftsministerium zugeordnet ist.

STANDARD: Und die Mitarbeiter, die neu eingestellt werden, verdienen weniger?

Mitterbauer: Ich sehe das pragmatisch. Wir müssen sowieso marktkonform bezahlen, sonst gehen sie woanders hin.

Peter Mitterbauer (40) ist seit Juli 2013 Vorstandsvorsitzender der Miba AG. Das auf Reibbeläge, Gleitlager und Sinterformteile für die Autoindustrie spezialisierte Familienunternehmen mit Sitz in Laakirchen, Oberösterreich, hat zuletzt mit 5400 Mitarbeitern knapp 720 Millionen Euro umgesetzt und einen Gewinn (Ebit) von 82,9 Millionen Euro erwirtschaftet. Mitterbauer ist verheiratet und hat zwei Kinder (INTERVIEW: Günther Strobl, 12.6.2016)

  • Sucht verstärkt Softwaretechniker, Mechatroniker, Mathematiker: Miba-Chef Peter Mitterbauer
    foto: apa / georg hochmuth

    Sucht verstärkt Softwaretechniker, Mechatroniker, Mathematiker: Miba-Chef Peter Mitterbauer

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