Das Stadt-Land-Gefälle der Kirchgänger

Infografik11. Juni 2016, 10:00
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Die Lange Nacht der Kirchen zieht Jahr für Jahr bis zu 300.000 Menschen an – die Hälfte davon in Wien. Abseits dieses Events sind die regelmäßigen Kirchgänger eher außerhalb der Bundeshauptstadt beheimatet. Warum ist das so?

Wien ist anders. Auch wenn es um die religiöse Landschaft geht. Und besonders, wenn es um die Häufigkeit der Gottesdienstbesuche geht.

Sieben von zehn Wienern mit römisch-katholischem Glaubensbekenntnis sagen, dass sie die Kirche selten oder nie besuchen würden. Das zeigt eine Auswertung von Forschern des Laxenburger Wittgenstein-Zentrums, die sich der Vermessung von Religion und Religiosität in Österreich angenähert haben.

grafik: magdalena rawicka

Menschen mit römisch-katholischem Glaubensbekenntnis außerhalb Wiens besuchen Heilige Messen regelmäßiger.

grafik: magdalena rawicka

Die Ursachen dafür seien – so die Wissenschafter – im Lebensstil der Städter zu suchen:

  • Urbane Zentren sind im Allgemeinen säkularer und haben höhere religiöse Diversität.
  • Das Denken der Stadtbewohner sei rationaler, die Kultur offener und die Ansichten liberaler.
  • Das soziale Umfeld sei mehr von Freundschaften und Beziehungen zu Arbeitskollegen geprägt als von Nachbarn und sozialen Bindungen aus kirchlichen Gemeinschaften.
  • Das Alternativprogramm zum Gottesdienst ist in Städten vielfältiger. Es gibt schlicht mehr Konkurrenz um die Freizeit der Bewohner.
  • Es ist in Städten weiter verbreitet, seinem Glauben anders nachzugehen als mit dem Besuch der Heiligen Messe.

Zusätzlich ist der Anteil von Menschen mit römisch-katholischem Glaubensbekenntnis in Wien im Zeitraum von 1986 bis 2010 stärker rückläufig als in den Bundesländern. Geht es nach den Berechnungen von Wissenschaftern des Vienna Institute of Demography, sah die religiöse Landschaft in Wien 2011 so aus:

Die Forscher haben ihre Zahlen für Wien ausgehend von der Volkszählung 2001 hochgerechnet. Seither wird das Religionsbekenntnis nicht mehr erhoben. Es zeigt sich, dass die zweitgrößte Gruppe in Wien Menschen ohne Religionsbekenntnis sind. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass diese Personen nicht mehr gläubig sind. Jede vierte Person ohne Religionsbekenntnis glaubt an eine Form von Gott oder spiritueller Kraft (2008, österreichweite Daten), ist aber nicht mehr formales Mitglied der katholischen Kirche.

In Wien wird seltener gebetet

Ob eine Person religiös ist (oder nicht), kann nicht an der Regelmäßigkeit der Kirchenbesuche allein festgemacht werden. Als zweite Maßzahl, um sich dem Stadt-Land-Gefälle anzunähern, kann herangezogen werden, ob und wie häufig das Zwiegespräch mit Gott gesucht wird.

Auch hier gibt es Unterschiede zwischen Wien und den Bundesländern. In der Hauptstadt sagt jeder Dritte mit römisch-katholischem Religionsbekenntnis, dass er nie beten würde. Außerhalb von Wien trifft das nur auf jeden Fünften zu.

Säkularisierung österreichweit

Aber in einem Punkt sind sich : Die Kirche verliert sowohl in den Bundesländern als auch in der Hauptstadt an treuen Kirchgängern. Der Trend zur Sekularisierung ist österreichweit zu beobachten. (Gerald Gartner, 11.6.2016)

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