Vom Pinkeln und Anfechten

11. Juni 2016, 12:00
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Zu loben ist neben "Österreich" der Knipser der Szene – falls es sich nicht um ein riskantes Selfie gehandelt hat

Wo Strache ist, ist Aufregung nicht fern, wie dieser Tage zu bemerken war, und "Österreich" wieder einmal als einzige Zeitung berichten konnte. Aufregung um Straches Pinkel-Foto hieß es da Mittwoch in unmittelbarer Nähe zur Mitteilung: Strache vor Wahl-Anfechtung. Einen Zusammenhang zwischen den beiden Aktivitäten des FPÖ-Obmannes herzustellen, unterließ das Blatt, vermutlich weil man die Leser nicht intellektuell überfordern wollte. So war isoliert zu lesen: Üblicherweise ist FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache dafür bekannt, immer für Fan-Bilder zur Verfügung zu stehen. Doch aktuell geht ein Foto von ihm, das ihn gut gelaunt mit zwei Anhängern beim Wasserlassen in einem Pissoir zeigt, durch die Sozialen Medien.

Nie dürfte der Ausdruck Soziale Medien mit mehr Berechtigung verwendet worden sein als in diesem Fall, kann man sich doch in freiheitlichen Führungskreisen etwas Sozialeres als Wasserlassen mit zwei Anhängern, und noch dazu in einem Pissoir, nur schwer vorstellen. Dabei nicht anders als gut gelaunt zu sein, versteht sich von selbst, wird man doch nicht jeden Tag solch profunder ideologischer Entäußerungen eines Parteichefs teilhaftig. Anhänger anderer Parteien schon gar nicht.

Zu loben ist hier neben "Österreich" der Knipser der Szene – falls es sich nicht um ein riskantes Selfie gehandelt hat –, der ihre historische Bedeutung als Aufwärmübung für die Wahlanfechtung am nächsten Tag in sein Handy bannte. Auch bei ihm dürfte es sich um einen Anhänger handeln, wusste das Blatt doch zu vermelden: Vonseiten der FPÖ findet man das Bild "nicht okay", will aber keine rechtlichen Schritte einleiten. So milde ist man vonseiten der FPÖ nicht immer, wie die dem solidarischen Wasserlassen folgenden rechtlichen Schritte gegen das Wahlergebnis zeigten.

Das neben der Meldung von Straches gut gelaunter Erleichterung dargebotene Foto des Tages war insofern eine kleine Enttäuschung, als es nicht H. C. Strache mit zwei Anhängern in einem Pissoir zeigte, sondern Werner Faymann ohne erkennbare Anzeichen guter Laune. Ex-Kanzler. Werner Faymann kann nach seinem Abschied als Bundeskanzler wieder mehr Freizeit genießen. Ein Leser erwischte den Ex-Politiker beim Shoppen mit Ehefrau Martina in einem Einkaufszentrum im Süden Wiens.

Der Unterschied zwischen Wasserlassen mit Anhängern in einem Pissoir und Shoppen mit Ehefrau in einem Einkaufszentrum erzählt eindringlich von den Launen eines Schicksals, die den einen auf ein Amt hoffen lassen, das der andere fluchtartig verlassen hat, um jene Hoffnung zu stören. Und es bleibt das Verdienst von "Österreich", das dunkle Walten des Geschicks, wo immer es ein Leser erwischt, so eindringlich darzustellen, wie dies einer "Krone" nie gelingen würde.

Doch es kann der Beste nicht in Frieden wasserlassen, wenn das Wasser, das dort andere lassen, ungehört verplätschert. Hilflos, weil zu spät, konnte Michael Jeannée nur noch
die Petschiertheit Norbert Hofers beklagen, weil Strache nicht wollte, was unser berühmter Leserbriefschreiber-King Franz Weinpolter in der leidigen Causa "Wahlanfechtung" empfahl: "Daher mein Rat, lieber Herr Strache, geben S’ a Ruh in dieser Sache!"

Mit geradezu brutaler Offenheit führt Jeannée Strache als den Stifter von Hofers trauriger Zukunft vor. Erstens: Mit an abso -lute Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spielt’s keine Wiederholung der Bundespräsidentenwahl 2016. Und zweitens: Sie ganz allein werden als "Petschierter", als begossener Pudel, übrigbleiben. Tenor: Der Hofer war’s aus Pinkafeld!

So begeistert, wie sich auch der Hofer aus Pinkafeld "exorbitant hohe Chancen" einer Wahlanfechtung ausrechnet, ist der Vorwurf an Strache ein wenig ungerecht, aber vielleicht bloß, weil dem berühmten Leserbriefschreiber-King der "Krone" nur ein Reim auf Strache, aber keiner auf Hofer eingefallen ist. Denn eines ist so klar wie Straches Motive trübe sind, so Jeannée:
Der ganze Ärger, das kopfschüttelnde Unverständnis und die berechtigte Empörung über diesen "Schachzug" ohne jede Aussicht auf Erfolg wird über Ihnen, dem unterlegenen Kandidaten, zusammenschlagen.

Na, so schlimm wird es schon nicht werden. Weiß doch der politische Kolumnist der "Krone": FPÖ-Sympathisanten können mit "ihrem" H. C. zufrieden sein. Und der berühmte Leserbriefschreiber-King brütet schon über einem Reim zu Hofer. (Günter Traxler, 11.6.2016)

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    foto: fid
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