Boris Johnson: Der Hofnarr im Brexit-Lager

Porträt12. Juni 2016, 09:00
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Der ehemalige Londoner Bürgermeister will britischer Premier werden. Dafür ist dem populären konservativen Politiker jedes Mittel recht. Er wandelte sich in Windeseile zum EU-Gegner

Durch Großbritannien rollt seit Wochen ein ganz besonderes Vehikel. Der knallrot gestrichene Reisebus dient der Brexit-Lobbygruppe "Vote Leave" als Plattform für Auftritte prominenter EU-Feinde.

Und weil Briten im Allgemeinen und die Medien im Besonderen martialische Ausdrücke und Alliterationen lieben, ist stets vom "Battle Bus" (Schlachtenbus) die Rede. Hinzu kommt ein drittes B – es bezeichnet den wichtigsten Reisenden: "Boris Battle Bus", das Gefährt des Londoner Ex-Bürgermeisters und konservativen Unterhausabgeordneten Boris Johnson, den alle Welt vertraulich beim Vornamen nennt.

Neulich habe er auch einmal ein Stück mitfahren dürfen, berichtet an einem kühlen Juniabend Douglas Carswell, einziger Unterhausabgeordneter der nationalpopulistischen Ukip, seinen Zuhörern. Da geht ein Raunen durch die vollbesetzten Reihen des Pearson Centre in Beeston, einem Vorort von Nottingham.

Die zuletzt ein wenig angespannte Stimmung wird merklich gelassener, weil die Zuhörer einem erfreulichen Gedanken nachhängen: Ein bisschen Zeit mit Boris verbringen, wer möchte das nicht? Schließlich ist der Mann mit dem blonden Wuschelkopf stets für einen witzigen Spruch gut.

Das gilt viel im Land der Sprachverliebten, deren eiserner Grundsatz darin besteht, man dürfe sich selbst und die Umwelt auf keinen Fall allzu ernst nehmen, denn dafür sorge das Leben schon selbst.

Zweifelhafte Umfragen

Es hat in diesem Abstimmungskampf um Großbritanniens Mitgliedschaft in der EU viele Umfragen von zweifelhaftem Wert gegeben. Eine kursierte schon zu Jahresbeginn und legte den Schluss nahe: Sollte sich der damals noch amtierende Londoner Bürgermeister zum Kampf für den Brexit entscheiden, könne dies den EU-Feinden bis zu zehn zusätzliche Prozent einbringen.

Man mag das für eine waghalsige Übertreibung halten, doch besteht kein Zweifel: Alexander Boris de Pfeffel Johnson – in New York als Sohn eines späteren EU-Ökonomen und einer Künstlerin geboren, Abkömmling der französischen Adelsfamilie de Pfeffel, einer illegitimen Tochter des Prinzen Paul von Württemberg sowie eines 1922 ermordeten türkischen Dichters – ist ein Europäer par excellence.

Dieser englische Politiker, neuerdings nationalistisch argumentierend, besitzt Wirkungsmacht weit über das konservative Lager hinaus. Das Rathaus der toleranten, weltoffenen 8,5-Millionen-Metropole, die eher Labour zuneigt, konnte er 2008 nur mit Unterstützung liberaler Wechselwähler erobern und vier Jahre später verteidigen. Der Mann, schwärmt Stephen Greenhalgh in der Sprache des Marketing, verkörpere "die tollste politische Marke meiner Generation".

Das sagt einer, der im Referendumskampf auf der anderen Seite steht. Naja, findet der konservative Politiker Greenhalgh, da habe Boris die falsche Entscheidung getroffen. Ihn selbst, einen klaren EU-Skeptiker, haben vier Jahre als Londons Vize-Bürgermeister gelehrt, dass es zur Kooperation mit den Verbündeten auf dem Kontinent keine Alternative gibt. Aber Greenhalghs Bewunderung für den Ex-Boss bleibt trotz der Fehlentscheidung "ungeschmälert: Er wird trotzdem Premierminister."

Oder vielleicht gerade deshalb? Unter abgebrühten Beobachtern der Polit-Szene von Westminster gibt es wenig Zweifel: Johnson will dereinst in die Downing Street, den Sitz des Premierministers, einziehen. "Er ist vom Ehrgeiz zerfressen", konstatiert ein intimer Kenner der Konservativen. Dem großen Ziel wird alles untergeordnet.

Pro und Kontra

Johnson hat nicht einmal dementiert, dass er nach dem Brüsseler Deal von Cameron im Februar vorab zwei Kolumnen für den "Daily Telegraph" verfasste: eine für, eine gegen die EU. Der Artikel pro Brüssel verschwand im elektronischen Orkus; veröffentlichen ließ der Politiker das Pamphlet für den Brexit – und der Schluss liegt nahe, dass dies mit Blick auf die Cameron-Nachfolge geschah.

Denn in der konservativen Partei, deren Mitglieder am Ende über den Vorsitzenden entscheiden, haben seit 25 Jahren die EU-feindlichen Stimmen immer stärker überwogen.

Umfragen zufolge werden bis zu zwei Drittel ihrem Parteichef, der sie im vergangenen Jahr zum unverhofften Wahlsieg führte, die Gefolgschaft verweigern.

Votieren die Briten für den Austritt, muss Cameron den Hut nehmen – allen Dementis zum Trotz. Der Chef des Brexit-Camps wäre dann unweigerlich in der Poleposition. Entscheidet das Volk für den Verbleib, wäre jeder andere Politiker geliefert: Die strategische Fehlentscheidung würde ihm zeit seines Lebens nachgetragen.

Fehlbarkeit als Lebensprinzip

Johnson aber hat alle politischen und privaten Kontroversen überlebt und sich als Stehaufmännchen erwiesen. Der Mann glaube, so hat sein Biograph Andrew Gimson beobachtet, "an die Fehlbarkeit des Menschen – besonders des Menschen Boris".

Das scheinen die Briten zu spüren. Bisher haben sie dem knapp 52-Jährigen alles verziehen. Seine zahlreichen Affären und sein uneheliches Kind (neben vier ehelichen) gelten im Großbritannien des 21. Jahrhunderts als Privatsache.

Den Londonern versprach er, er werde während seiner Amtszeit im Rathaus kein weiteres Mandat anstreben – in Wirklichkeit zog er 2015 für den West-Londoner Wahlkreis Uxbridge ins Unterhaus ein und amtierte ein Jahr lang in Doppelfunktion, mit doppelten Bezügen. Ohnehin war er acht Jahre lang höchstens ein Teilzeit-Bürgermeister mit magerer Bilanz. Wen kümmert's? "Boris ist eben Boris", sagen selbst Londoner Linksliberale achselzuckend.

Ob diese Stimmung auch über den 23. Juni hinaus anhält? Oder wird das schwierige Thema Europa, an dem sich britische Politiker seit Jahrzehnten abarbeiten, dem anerkannten Spaßvogel zum Verhängnis? Wie er gegen den Brüsseler Club argumentieren wolle, "darüber hatte Boris nicht nachgedacht", weiß Biograph Gimson.

Als Erstes sprach der frischgebackene EU-Feind von der Abstimmung als Chance für ein "neues Verhältnis" zu Europa. Das konterte Premier Cameron mit dem eisigen Satz: "Ich habe noch nie von jemandem gehört, der die Scheidung einreicht, um sein Eheversprechen zu erneuern."

Bevormundung durch Brüssel

Davon unbeirrt beschwor Johnson in feurigen Reden allerlei Mythen über die Bevormundung durch Brüssel: dass man Teebeutel nicht recyceln dürfe. Dass Kinder unter acht Jahren keine Luftballons aufblasen dürften – alles sehr lustig, alles gelogen.

"Sie machen sich einer Übertreibung schuldig, die in eine Falschdarstellung übergeht", schrieb der knochentrockene Chef des Finanzausschusses im Unterhaus, Andrew Tyrie, dem Parteifreund ins Stammbuch.

Der "Boris Battle Bus" fährt mit dem Slogan durchs Land, die Insel entrichte Brüssel jede Woche 350 Millionen Pfund (446 Millionen Euro) an Beiträgen. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der korrekte Betrag lautet: Die meisten Schätzungen gehen von 110 bis 175 Millionen Pfund.

Fest steht: Der Slogan ist falsch. Johnson und seine Mitstreiter wiederholen ihn dennoch unbeirrt und suggerieren zusätzlich, nach dem Brexit könne man das eingesparte Geld ins nationale Gesundheitssystem NHS stecken.

Diese Milchmädchenrechnung brachte die Ärztin und konservative Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Unterhaus, Sarah Wollaston, so auf die Palme, dass sie einen öffentlichen Sinneswandel vollzog: Sie trete nun für den Verbleib ein. Begründung: die "beschämenden Behauptungen" des Brexit-Lagers.

Harte Gegner in der Partei

Johnsons härteste Kritiker stehen, wie Wollaston, im konservativen Lager. In der "Times" attestierte der frühere Abgeordnete und einflussreiche Kolumnist Matthew Parris dem Parteifreund eine Reihe von Charaktermängeln: "lässige Unehrlichkeit, Grausamkeit, Verrat; das Fehlen jeglicher echten Ambition, mit dem Amt etwas anzufangen, das man erreicht hat".

Ex-Premier John Major (1990 bis 1997) tat Johnson als "Hofnarr" ab; er könne in der Fraktion "nicht auf Loyalität zählen". Was "Vote Leave" erzähle, sei "schmutzig und unehrlich". Und Cameron beschuldigt die EU-Feinde, sie würden "mehr und mehr klingen wie Nigel Farage", also wie der schrille Chef von Ukip. Vielleicht braue sich da etwas zusammen, sinniert Biograph Gimson. Farage gilt als bestes Beispiel für den Politikertypus, der Anhänger wie Gegner gleichermaßen mobilisiert. Befindet sich Johnson auf dem Weg dorthin?

In den Medien hat der gelernte Journalist viele Freunde; und wenn sich doch einmal ein früherer Kollege die Mühe macht, dem Luftikus bohrende, hartnäckige Fragen zu stellen, kommt Johnson schnell ins Schwitzen – wie kürzlich im Interview mit BBC-Veteran Andrew Marr. Plötzlich gehen ihm die Pointen aus, die er sonst mit Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelt.

Das geht häufig schief, manchmal ist das Resultat sehr lustig oder sogar klug, und auf jeden Fall ist es immer unterhaltsam. Das Problem dabei ist nur: Johnson verharrt in der immer gleichen Pose. Er lädt die Zuhörer ein, mit ihm nach der schönsten Formulierung zu suchen. Substanz? Problemlösungen? Fakten? Etwas für Langweiler.

Nicht zu Ende denken

Dem Mann fehle schon seit der Jugend "der Wille, die Dinge wirklich durchzudenken", glaubt sein Biograph und kramt eine Anekdote aus der Schulzeit hervor: Am Elite-Internat von Eton habe ein Altphilologe das Potenzial des Stipendiaten erkannt und gefördert. Wenn sein 16-jähriger Schützling hart arbeite, könne aus ihm eine echte Koryphäe werden, lautete die Ermutigung des Lehrers.

Tatsächlich studierte Johnson in Oxford die alten Sprachen, und bis heute würzt er seine Reden gern mit gelehrten Zitaten aus dem Lateinischen oder Griechischen. "Aber die Arbeit, die nötig gewesen wäre, um ein erstklassiger Experte zu werden, zu der hatte er keine Lust", weiß Gimson. "Sein ganzes Leben lang hat er sich darauf vorbereitet, unvorbereitet zu sein." (Sebastian Borger aus London, 12.6.2016)

  • Selbst beim Cricketspielen in Chester-le-Street, Nordengland, für den guten Zweck (seine eigene Brexit-Kampagne) sieht man: Boris Johnson, legendärer Ex-Bürgermeister von London, will in jeder Lebenslage gewinnen – und das mit viel Einsatz.
    foto: reuters / phil noble

    Selbst beim Cricketspielen in Chester-le-Street, Nordengland, für den guten Zweck (seine eigene Brexit-Kampagne) sieht man: Boris Johnson, legendärer Ex-Bürgermeister von London, will in jeder Lebenslage gewinnen – und das mit viel Einsatz.

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