Wir sind Helden: Von der Schwierigkeit, ein österreichischer Autor zu sein

Glosse13. Juni 2016, 08:00
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Über die blaue Rose der Josefstadt, Todor und Bogumil, doch gewidmet allen Schreibenden Österreichs

Sie gehört der letzten Generation von Akademikern an, für die der Begriff Karriereplan ein Unwort ist, eine Absage an das Gute, Wahre und Schöne um seiner selbst Willen, etwas, das nur opportunistische Ignoranten haben, weil sie Geist, Witz und Klugheit nicht haben.

Die blaue Rose der Josefstadt

Und all das – Geist, Witz, Klugheit, wahre Liebe zum guten Buch und hinreißende Schönheit – hat (und ist) meine gute, alte Freundin, die Wiener Kulturjournalistin und Gelegenheitsautorin Sandra.

Sie versteckt ihre blasse Schönheit vor der Sonne und liest William Burroughs, der unter ihre Haut kriecht wie Heroin. An diesen verlorenen Nachmittagen im Sommer sitzt Sandra unter einem Baldachin in Tanger, zu Tisch beim Mittagessen mit Burroughs. Und ist glücklich. Bis der Abend nach Wien kommt. Dann geht sie in die Nacht, geladen mit Magie, Romantik und Begierde, die immer weniger wird, je länger die Nacht ist und je mehr geistlose Aufreißer versuchen, dummen Schweiß über ihre Makellosigkeit zu verspritzen.

Sandra schließt ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft ab, als sie 27 Jahre alt ist. Einfach weil sie tatsächlich alle Bücher selbst liest, die man dazu lesen muss. Und noch eine ganze Menge andere Bücher, die man nicht lesen muss, um Frau Magister zu werden. Am Ende des Studiums umfasst die ganz private Bibliothek in Sandras kleiner Wohnung über zweitausend Bände.

Sie wird Kulturjournalistin in einem Onlinemagazin, weil sonst niemand da ist, der den Job machen will. Oder kann. Als noch niemand weiß, wer Dimitré Dinev ist, erzählt sie mir in höchster Aufregung, dass sie ein Interview mit ihm führen wird, und ich freue mich für sie. Obwohl ich weiß, dass Sandra selbst mit Marcel Reich-Ranicki ein Interview auf Augenhöhe führen könnte, wäre Ranicki nicht damit beschäftigt, im Himmel dem Herrgott persönlich für sein letztes Buch die Leviten zu lesen. Und wahrscheinlich hätte er ihr anschließend einen Job als seine Assistentin angeboten. Doch dieses Lob von mir wird Sandra – sollte sie diesen Text lesen – mit Sicherheit zurückweisen und leise sagen: "Neben dem Ranicki bin ich nur eine Seitenumblättererin."

In ihren Texten rechnet sie – nicht verbittert, sondern witzig-trocken – mit der Geistlosigkeit, dem Schweiß und der Ellbogentechnik der "Angesagten" Wiens ab und lässt Burroughs in ihren Unterleib hinab, dorthin, wo jeder Traum schamlos ist. Nach der Lektüre ihrer letzten, noch unveröffentlichten Erzählung mit dem simplen Titel "Ines, Schlampe", steigen meine Freundin und ich ins Bett und haben schmutzigen Wutsex. Wofür wir Sandra, gleich anschließend und noch verschwitzt, mit einer SMS danken.

Dieser Tage betreibt Sandra als Kulturfüchsin einen Blog und dreht eine Doku über einen durchschnittlich erfolglosen Autor aus Wien.

Das bin ich, Bogumil Balkansky.

Warum ich Todor Ovtcharov liebe

Ich müsste noch hinzufügen: obwohl ich manchmal etwas Irrsinniges in seinen Augen zu sehen glaube.

Doch ich liebe Todor, weil er nur mit diesem rosa Schwimmreifen in die Adria steigt, den der Wind an seinem ersten Tag in Sutivan zu ihm trägt. Weil er alles (in Ziffern: ALLES) über die Marx Brothers weiß, jede Punchline aus jedem ihrer Filme zitieren kann – und weil Todor wahrscheinlich der sechste Marx-Bruder ist. Weil er weiß, was gutes Essen – und was nur ein Döner aus Wien ist, was gute Musik und was nur Lärm ist. Und weil seine Leber mit mir bis zum Grauen des Morgens saufen kann. Und weil er nicht so viel kifft wie ich, sodass mehr für mich bleibt. Für Todor gebe ich meinen lukrativen Nebenjob als Waschmaschinen-Dealer auf, worüber du hier lesen kannst: "Der Waschmaschinen-Tango".

Aber am meisten liebe ich Todor, weil ich sonst niemanden kenne, der so hartnäckig versucht, ein Autor zu sein – wie Sandra und wir beide. Neben seiner Sendung im FM4-Radio und seiner Kolumne in einer Migrantenzeitschrift, deren Namen wir nicht aussprechen, überlebt Todor nur durch abenteuerliche Nebenjobs in zwielichtigen Hotels, als Dompteur für elektrische Bären, Löwen und Elefanten oder als Rampenheber auf dem Parkplatz der Trabrennbahn. Und schreibt darüber.

Die unterhaltsameren Nebenjobs haben wir manchmal gemeinsam. Einmal moderieren wir den Auftritt diverser Bands im Gasometer. Darunter sind Wanda und der Nino aus Wien. Für die Moderation schreibt uns Kulturfüchsin Sandra eine Reihe schmutziger Gedichte, die ich im Outfit und der Barttracht eines Zuhälters aus den 70er-Jahren (vulgo: Pornobalken) dem verdatterten Publikum zum Besten gebe. Oft lesen Todor und ich zusammen unsere Kurzgeschichten in diversen Kellerlokalen, die der Literatur und dem Saufen verpflichtet sind. Oder dem Kiffen. Oder allen dreien.

Und für die digitale Ewigkeit sind unsere Stimmen auf einem Hörbuch gespeichert, das im Herbst erscheint. Leider will niemand unseren "Desintegrations-Rap" vertonen und auf DVD brennen, weil wir darin so ziemlich alle beleidigen, die nicht genug Selbstironie haben, um damit ein Stamperl halb zu füllen. Im Liliputformat. Unser neuestes Projekt ist deswegen ein Drehbuch, das wir für einen jungen österreichischen Regisseur schreiben, den unsere Texte tatsächlich interessieren.

Mal sehen ...

Ritt in den Sonnenuntergang

Wir schreiben über uns, über euch. Für uns und für euch. Wir schreiben nicht für Geld. Zumindest nicht für viel mehr als einen Nasenrammel an Geld.

Wir schreiben, weil und wenn wir traurig sind. Oder wütend. Oder glücklich. Oder unter Polizeischutz.

Wir schreiben, auch wenn niemand liest.

Macht, was ihr wollt.

Es ist uns egal. Wir sind Helden ... (Bogumil Balkansky, 13.6.2016)

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Mehr zu Sandra: kulturfuechsin.at

Todor Ovtcharov: "Die Leiden des jungen Todor", Verlag Redelsteiner-Dahiméne.

Bogumil Balkansky: "Auf Neuseeland sind Briten die Tschuschen", Verlag Redelsteiner-Dahiméne, und "Asphalt-Hyänen", Selbstverlag, exklusiv in der Buchhandlung Frick Meidling und via bogumil.balkansky@gmx.at per Nachnahme. Hassmails bitte weiterhin auch ebenda.

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    foto: apa/georg hochmuth

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