Menschlicher Einfluss auf das Ökosystem reicht Jahrtausende zurück

12. Juni 2016, 13:00
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Studie sieht den Menschen seit jeher als Konstrukteur des Ökosystems – ein "ursprünglicher Zustand" lasse sich nicht mehr wiederherstellen

Jena – Der Beginn der Industrialisierung, die Zündung der ersten Atombombe – oder doch schon die weitestgehende Ausrottung der eiszeitlichen Megafauna? Wann das Anthropozän, also das vom Menschen geprägte Erdzeitalter begonnen hat, wird unter Wissenschaftern weiterhin höchst unterschiedlich bewertet. Eine neue Studie, von der das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte berichtet, tendiert eindeutig zu einem frühen Beginn. Ihr Befund: Vom Menschen unberührte Landschaften gebe es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – schon seit Tausenden von Jahren nirgendwo mehr auf der Erde.

Das Team unter der Leitung der Max-Planck-Forscherin Nicole Boivin hält es für eine Fehleinschätzung, dass Gesellschaften vor der industriellen Revolution die Umwelt oder die Vielfalt der Arten nur wenig beeinflusst hätten. Viele der heute am häufigsten vorkommenden Pflanzen- und Tierarten wurden von unseren Vorfahren begünstigt, umgekehrt führten Jagd und veränderte Landnutzung bereits vor Tausenden von Jahren zum Aussterben vieler Arten. Wir seien also seit jeher Konstrukteure des Ökosystems gewesen.

Vier Phasen

Die Studie nennt vier Hauptphasen des menschlichen Einflusses, als erste davon die globale Ausbreitung unserer Spezies: Bis vor 12.000 Jahren hatte der Mensch auch die entlegensten Winkel Eurasiens, Australiens, Nord- und Südamerikas erreicht. Diese weitreichende Besiedlung des Planeten ist mit dem Aussterben zahlreicher Arten verbunden. So verschwanden im Zeitraum zwischen 50.000 und 10.000 Jahren vor heute rund zwei Drittel der damals lebenden Großtierarten. Dieses vielleicht bedeutsamste Artensterben hatte laut der Studie dramatische Auswirkungen auf die Struktur der Ökosysteme, die Verfügbarkeit von Nährstoffen und die Samenverbreitung.

Die zweite Phase, das weltweite Aufkommen von Landwirtschaft und Viehzucht, begann vor gut 12.000 Jahren und erzeugte neuen evolutionären Druck auf Pflanzen und Tiere. Vom Nahen Osten aus breiteten sich innerhalb weniger Jahrtausende Rinder, Schafe und Ziegen nach Europa, Afrika und Südasien aus, von Ostasien aus traten Hühner ihren globalen Siegeszug an. Heute ist die Zahl der weltweit lebenden Hühner dreimal so groß wie die der Menschen. Als Folge dieser langfristigen Prozesse und im Gegensatz zur Menge der domestizierten Tiere wird die Zahl wildlebender Wirbeltiere in der Studie als "verschwindend klein" bezeichnet.

"Transportierte Landschaften"

Als dritte Phase nennt das Forschungsteam die Besiedlung von Inseln durch den Menschen. Die damit einhergehende Umsiedlung von Arten sei so weitreichend gewesen, dass die Archäologen von "transportierten Landschaften" sprechen. Mit den Menschen kamen Feuer und Rodung sowie neue Arten auf die Inseln und damit auch die Bedrohung der ursprünglichen Tierarten durch eingeschleppte Fressfeinde.

Als letzte Phase beschreibt die Studie die Auswirkungen des zunehmenden Handels seit Beginn der Bronzezeit. Verbunden damit war eine Periode intensiver Landwirtschaft als Reaktion auf die wachsende Bevölkerungszahl und die aufkommenden Märkte überall in der Alten Welt. Im Nahen Osten wurden laubabwerfende Bäume durch immergrüne Steineichen ersetzt, der einheimische Wald wurde mit der Einführung von Kulturpflanzen wie Oliven, Trauben und Feigen in Kulturland umgewandelt.

Vermeintlich ursprüngliche Arten

Etwa 80 bis 85 Prozent der kultivierbaren Fläche wurden vor 3.000 Jahren im Nahen Osten landwirtschaftlich genutzt, besagt eine Untersuchung, die in der vorliegenden Studie zitiert wird. Das Forschungsteam verweist zudem darauf, dass Pflanzenarten in alten französischen Wäldern, die als ursprünglich gelten, große Ähnlichkeiten mit den Arten aufweisen, die einst in römischen Siedlungsgebieten gewachsen sind.

Die Studie verweist zudem auf eine aktuelle Schätzung, wonach während der Römerzeit mindestens 50 neue Nahrungspflanzen – vor allem Früchte, Kräuter und Gemüse – in Großbritannien eingeführt wurden. Die Studie stützt sich dabei auf aktuelle Datensätze von historischer DNA und RNA, stabilen Isotopen und Mikrofossilien sowie auf neue statistische Methoden und Berechnungsverfahren.

Die Folgerungen

Das Forschungsteam kommt zum Schluss, dass wir angesichts all der Belege für langfristige anthropogene Veränderungen eher pragmatische Lösungen für den Naturschutz suchen sollten, statt das unerreichbare Ideal "natürlicher Bedingungen" anzustreben. "Wenn wir genauer wissen wollen, wie wir am besten unsere Umwelt schützen und Arten erhalten können, müssen wir unsere Perspektive ändern. Vielleicht sollten wir mehr darüber nachdenken, wie wir saubere Luft und frisches Wasser für künftige Generationen sichern können, als darüber, wie wir die Erde in einen ursprünglichen Zustand zurückführen können. Dafür haben die Menschen einfach zu lange das Ökosystem geprägt", so Boivin. (red, 12. 4. 6. 2016)

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