Wir-Gefühl in der Deppenbewegung

11. Juni 2016, 09:00
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Aluhutträger, die die Dummheit als Monstranz vor sich hertragen? Der gute alte Meinungsbildungsprozess mit Nachdenkphasen ist in Gefahr

Früher war es so: Wenn jemand sich bei einer Sache unsicher war beziehungsweise etwas nicht gewusst hat, dann hat er dazu auch nichts gesagt. Er hat sich erst kundig gemacht.

Daraufhin folgte entweder eine gewisse Meinungsbildung (das muss grundsätzlich nichts Schlechtes sein) – oder es entstand ein Gefühl, das wir jetzt einmal verknappt zwischen "Geht mich nichts an" und "Mir Topfen" ansiedeln wollen. Jedenfalls wurde der Senf dazu nicht schon auf den Teller gedrückt, bevor die Wurst nicht auf diesem lag.

Heutzutage ist das anders geworden. Man muss nicht mehr nachdenken, bevor man etwas schreibt. Man muss auch kein Blatt Papier suchen, in sich gehen, darauf etwas schreiben, es in ein Kuvert stecken und eine Stunde durch die Stadt hatschen, bis man eine noch nicht stillgelegte Postfiliale findet. Dort hat man früher den Brief frankieren lassen und schließlich den Schalterbeamten dazu ermuntert, ihn möglichst noch ihn diesem Kalenderjahr dem Adressaten zukommen zu lassen.

Heute geht man auf Facebook, regt sich auf, macht ein Bäuerchen und drückt auf "Senden".

Sigmund Freud sagte, dass der Verlust der Scham das Obszöne befördere. Die Innviertler Oma nannte das: die Dummheit als Monstranz vor sich hertragen. Heute ist jeder stolz, ein Depp zu sein. Alle anderen sind es ja auch! Mir sind mir, ein uraltes menschliches Gefühl.

Möchten wir nicht alle Teil einer Deppenbewegung sein? Die Wutbürger mit Aluhut sagen, etwas geht im Land nicht mit rechten Dingen zu. Eine postet bei Strache: "Da wird so viel verduscht." Wasser marsch! (schach, 11.6.2016)

  • "Die Dummheit als Monstranz vor sich hertragen" – heute ist jeder stolz, ein Depp zu sein.
    foto: ap / felix kaestle

    "Die Dummheit als Monstranz vor sich hertragen" – heute ist jeder stolz, ein Depp zu sein.

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