Österreich 2025: Neue Denkansätze, breite Debatten

Userkommentar13. Juni 2016, 15:41
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Gesellschaftliche Veränderung kann nicht verordnet werden. Wie ein überparteilicher Strategieprozess trotzdem gelingen kann

Es war eine aufregende Zeit in der jüngeren österreichischen Politikgeschichte, die Bundespräsidentenwahl und die Regierungsumbildung samt Kanzlerrücktritt. Hunderte Analysen, Interviews und Reportagen, weit über die Grenzen Österreichs hinweg – sogar am New Yorker Times Square war der Rücktritt von Werner Faymann live mitzuverfolgen.

Den Präsidentenwahlkampf hindurch wurde diskutiert, gestritten, geflegelt, manchmal argumentiert. Parteilinien wurden verteidigt, Parteinähe relativiert, verrostete Politiksysteme angeprangert. Aus dem Schauspiel kann man Folgendes schließen: Die weitverbreitete Politikverdrossenheit kann niemanden mehr überraschen. Nur noch wenige Wähler glauben daran, dass die gewählten Politiker zur Lösung der komplexen Probleme in der Lage seien.

Die Möglichkeiten

Hinzu kommt der Vorwurf, dass es die Regierungspartner nicht einmal richtig versuchen würden, gemeinsam an strukturellen Lösungen zu arbeiten – auch oder gerade weil dabei nicht alle Interessengruppen im gleichen Ausmaß zufriedengestellt werden können. Dass nach so vielen erfolglosen Versuchen und der langen Zeit des politischen Stillstands einem neuen Bundeskanzler kein großer Vertrauensvorschuss eingeräumt wird, ist nicht verwunderlich.

Welche Möglichkeiten hat der neue Bundeskanzler also in einer Situation, in der es mit Sicherheit nicht mehr ausreicht, ein paar Köpfe in der eigenen Partei auszutauschen und sich mit dem Koalitionspartner auf ein paar halbherzige Maßnahmen zu einigen? Welche Wirkung kann man sich in einer von kämpferischer Change-Rhetorik geprägten Stimmungslage von seriösem Auftreten allein und den Hinweisen, jetzt endlich auf strukturierte Weise und gemeinsam die wichtigsten Probleme anzugehen zu wollen, erwarten?

Chancen- statt Gefahrenmanagement

Vielleicht ist aber auch der Zeitpunkt gekommen, einen parteiübergreifenden, strukturierten Zukunftsprozess zu konzipieren und umzusetzen. Christian Kern hat bereits in seiner ersten Pressekonferenz angekündigt, einen langfristigen Plan zur Entwicklung der österreichischen Gesellschaft bis 2025 erarbeiten zu wollen. Einen Plan, der Österreich fit für die Zukunft machen soll, mit einem klaren Fokus auf aktives Chancenmanagement und weg vom ängstlichen Gefahrenmanagement. Aber wie kann das gelingen in einem Land, in dem gerade 50 Prozent eine Partei gewählt haben, die hauptsächlich von den Sorgen und Ängsten der Bevölkerung ihre Stärke generiert?

Um die Entwicklung und die Dynamik der Wirtschaft und das Wohlergehen der Bürger aufrechtzuerhalten, müssen sich Staats- und Regierungschefs immer mehr mit grundlegenden strukturellen Veränderungen befassen. Sie müssen Wege finden, komplexe Sachverhalte zu verstehen und global vernetzte Probleme zu lösen. Das Problem dabei ist, dass die langfristigen Auswirkungen struktureller Verschiebungen und sogenannter Megatrends, wie zum Beispiel der demografische Wandel, geopolitische Entwicklungen, die Einkommensschere, der technologische Fortschritt sowie die Auswirkungen des Klimawandels, so unvorhersehbare und weitgehend unkontrollierbare Systemreaktionen hervorrufen, die immer stärkere Reibungspunkte in unseren Gesellschaften entwickeln werden.

Neue Denkansätze

All dies führte zu einem verstärkten Interesse an neuen Fortschrittsparadigmen jenseits wachstumsliberaler Entwicklungskonzepte. Die Schweiz etwa beschäftigt sich seit einiger Zeit ernsthaft mit der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Auch wenn der Vorschlag in einer Volksabstimmung mit 78 Prozent vorerst abgelehnt wurde, kann man wohl davon ausgehen, dass die Debatte über neue gesellschaftliche Modelle noch lange nicht zu Ende ist. Skandinavien ist bekannt für seine flexiblen Elternteilzeitmodelle. Slowenien ist gerade dabei, eine langfristige Vision und Strategie zu entwickeln, in der wirtschaftliches Wachstum als oberstes Ziel von einer erhöhten Lebensqualität für alle abgelöst wird. Es gibt zahlreiche Beispiele für diese strukturell neuen Denkansätze. Gemeinsam haben diese Ideen, dass sie von einer breiten Debatte getragen und angereichert werden; oftmals sind sie auch keiner Parteiideologie klar zuzuordnen. Das macht diese Denkansätze aus einer Change-Perspektive auch so interessant.

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse können nämlich nicht verordnet werden. Sie müssen vielmehr durch kontinuierlichen Austausch und stetigen Dialog wachsen. Neue Technologien ermöglichen es, weite Teile der Bevölkerung in einen strukturierten Werte- und Zukunftsprozess für Österreich einbinden zu können. Ein gutstrukturierter und begleiteter Prozess kann dabei faktenbasierte Analysen mit intuitiven Meinungen und Sichtweisen zusammenbringen, neue Brücken schlagen und hoffentlich die Österreicher Schritt für Schritt wieder etwas näher zusammenbringen. Frei nach dem neuen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen könnte ein solcher Ansatz tatsächlich dazu beitragen, "das Gemeinsame vor das Trennende" zu stellen.

Aktive Neuausrichtung

Regierungschefs in verschiedensten Ländern haben bereits integrierte und transdisziplinäre Multi-Stakeholder-Ansätze erarbeitet und getestet, um kurzfristiges und ideologiegetriebenes Politikverhalten zu überwinden und eine von weiten Teilen der Gesellschaft getragene strategische Ausrichtung zu entwickeln. Die Übersetzung einer langfristigen Vision in konkrete Maßnahmen erfordert starke Führungsqualitäten. Das Überwinden von Parteigrenzen und Expertensilos, die Koordinierung von verschiedenen nationalen, regionalen und lokalen Akteuren und die Einbindung multipler Interessengruppen sind nur einige der immensen Herausforderungen.

Es mag sich naiv anhören, aber wie heißt es so schön: Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Die derzeit so tief gespaltene österreichische Gesellschaft verdient einen ambitionierten Ansatz, um die zugrunde liegenden Differenzen zu diskutieren und ein besseres gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Sichtweisen zu entwickeln. Denn nur eine aktive Beteiligung kann die Grundlage für eine gemeinsame, breitgetragene Neuausrichtung sein. Die Ankündigung von Bundeskanzler Kern, einen langfristigen Plan für die österreichische Gesellschaft entwickeln zu wollen, ist ein wichtiges Signal, das weitgehend im Lärm der sensationsgierigen Berichterstattung untergegangen ist. Bleibt zu hoffen, dass der ambitionierten Ankündigung tatsächlich auch die harte und mühsame Umsetzung folgt. (Martin Mayer, 13.6.2016)

  • Ein Change-Prozess ist keine "gemähte Wiese". Gesellschaftliche Veränderungsprozesse müssen durch Austausch und Dialog wachsen.
    foto: apa/barbara gindl

    Ein Change-Prozess ist keine "gemähte Wiese". Gesellschaftliche Veränderungsprozesse müssen durch Austausch und Dialog wachsen.

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