Mehr Fußballweisheit als die ganze Fifa

11. Juni 2016, 09:00
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"Netzers Pässe atmeten den Geist der Utopie": Das Verhältnis von Intellektuellen zum Fußball ist nicht unkompliziert – aber fruchtbar

Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki verfügte kategorisch, Literatur und Sport seien "feindliche Brüder" und könnten nicht zusammenkommen. Konrad Paul Liessmann sprach von der "Literaturunfähigkeit des runden Leders", sein Kollege Karl Christian Planck von Haus aus Naturphilosoph, schimpfte gar über die "Fußlümmelei" – aber das war 1898.

Aus der Sicht mancher Intellektueller war der Sport mit dem runden Leder wie eine Art Plage über die Menschheit hereingebrochen. Noch Franz Kafka dachte 1923 laut nach: "Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt auf ..." Aber auch solch stille Hoffnung wurde schnell zunichte. Denn schon lange haben wir es nicht mehr nur noch mit der schönsten Nebensache der Welt zu tun.

Massenphänomen

Längst ist der Fußball ein Massenphänomen geworden, bei dem der vermeintliche Gegensatz zur Geisteskultur aufgehoben ist. So konnte der italienische Trainer Giovanni Trapattoni die Jagd nach dem Tor schlicht zur Geisteswissenschaft erheben: "Fußball ist Philosophie. Wenn der Gegner den Ball hat, muss man fragen, warum." Und der deutsch-amerikanische Publizist und Literaturwissenschafter Hans Ulrich Gumbrecht entdeckte beim Fußball einen "Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen", auf den sich jetzt die Geistes- und Sozialwissenschafter konzentrierten.

Gumbrecht: "Im Team verwirklicht sich eine flexible Modalität erfolgsorientierter Sozialbeziehungen, für die wir keinen alltagssprachlichen Begriff haben, sondern eben nur die Anschauung des Sports." Eben. Den "Geist in den Füßen" hatte auch schon der Dichter Alfred Polgar bei den Fußballern ausgemacht.

Moral dank Theater und Fußball

Der große Rhetor Walter Jens, ein externer Kenner des Fußballs, widmete der legendären Hamburger Fußballmannschaft des TV Eimsbüttel aus den Dreißigerjahren, als Jens jung war, eine Liebeserklärung, aus der seine lebenslange Faszination für diesen Sport sprach: "Wenn ich den letzten Goethevers vergessen habe, werde ich den Eimsbütteler Sturm noch aufzählen können." Der damalige deutsche NOK-Präsident Willi Daume bescheinigte dem Gelehrten, "mehr Fußballweisheit als die ganze Fifa" zu haben, was heutzutage kaum noch jemand bezweifeln würde.

Schriftsteller vor allem aus Europa und den lateinamerikanischen Ländern haben sich immer wieder mit dem Thema Fußball beschäftigt. Albert Camus, der in seiner Jugend als Torwart bei Racing Universitaire d'Alger spielte, bekannte: "Alles, was ich über die Moral des Menschen weiß, verdanke ich dem Theater und dem Fußball." Und der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, dessen Bruder Márton in der ungarischen Nationalmannschaft spielte: "Wenn ich nicht gelesen habe, spielte ich Fußball."

Fußballaltäre

Die "elf Freunde" können sich also über einen Mangel an Sympathie seitens der Intellektuellen nicht beklagen. Lang ist die Liste derer, die den einst verfemten Proletensport zur Ehre der Fußballaltäre erhoben haben: Nick Hornby mit Fever Pitch über das Treiben eines Arsenal-London-Fans, F. C. Delius und sein Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde - und natürlich Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Oder Thomas Brussig mit Leben bis Männer, Ror Wolf mit Der Ball ist rund und Ludwig Harig mit seinem Fußball-Sonett Die Eckbälle von Wankdorf.

Diese Fußball-Literatur begnügt sich freilich nicht mit der Darstellung des Spiels. Selten kommt es vor, dass der eine oder andere Spieler oder Spielzug beschrieben wird ("Netzer kommt aus der Tiefe des Raums"). Karl-Heinz Bohrer bemühte gar in seiner Begeisterung den Philosophen Ernst Bloch: "Netzers Pässe atmeten den 'Geist der Utopie'." Vielen Intellektuellen war beim Thema Fußball solcherart Koketterie nicht vollends fremd.

Ohne Luft schlaff

Günter Grass dichtete 1956 in Nächtliches Stadion: "Einsam stand der Dichter im Tor. Doch der Schiedsrichter pfiff 'Abseits'." Sein Kollege Heinrich Böll fand die Spiele des 1. FC Köln "immer spannend, gute Unterhaltung." Ins Schwärmerische geriet Literaturprofessor Gumbrecht über die Spielweise von Mesut Özil: "Sein Minimalismus ist eine Variante jenes Grundprinzips, auf das immer schon (bewusst oder unbewusst) anspielte, wer seit der europäischen Renaissance das Wort 'Eleganz' gebraucht hat."

Oder die Eloge des französischen Schriftstellers Jean-Philippe Toussaint an seinen Landsmann Zinédine Zidane nach dessen Platzverweis wegen seines Kopfstoßes im Finale der WM in Berlin 2006. La Mélancholie de Zidane. Geradezu als Experte gerierte sich Peter Handke: "Der Fußball hat eine Seele. Sie ist schlaff und leblos, wenn keine Luft in ihr ist."

Und überhaupt scheinen sich die Kopfmenschen in unseren Tagen mit dem einst so verpönten Fußball versöhnt zu haben. Sogar Sartre kam da in seiner Kritik der dialektischen Vernunft zu überraschenden Einsichten: "Beim Fußball kompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft." So ist es. (Wolf Scheller, 11.6.2016)

Wolf Scheller ist Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk.

  • Kein Gegner weit und breit:  Peter Handke stürmt aus der Tiefe des Raumes richtung Tor.
    foto: isolde ohlbaum

    Kein Gegner weit und breit: Peter Handke stürmt aus der Tiefe des Raumes richtung Tor.

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