Region Béarn: Putzig am Rande der Pyrenäen

15. Juni 2016, 07:30
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Wer abseits des EM-Rummels in Frankreich eine wenig bekannte, beschauliche Gegend im Südwesten sucht, sollte das Béarn genauer unter die Lupe nehmen. Wein, Wälder und Wandermöglichkeiten ohne Ende gibt es im Vorhof der Pyrenäen zu entdecken

Das Béarn. Die Assoziationen mit dieser Region im Südwesten Frankreichs, die an die Pyrenäen stößt, halten sich in Grenzen. Die Sauce béarnaise vielleicht? "Nichts da, die wurde in Paris erfunden", sagt Guide Philippe Gafner, "und im Übrigen ist 'Region' auch eine völlig verkehrte Bezeichnung!" Das sind die großen französischen Verwaltungseinheiten, und wenn wir jetzt ganz genau sein wollen, ist das Béarn Teil des Départements Pyrénées-Atlantiques, das seinerseits zur Region Aquitanien gehört. Und die Gascogne? "Ist der Name dieser historischen Provinz im Südwesten Frankreichs."

Schön ruhig ist es hier am Rande der Pyrenäen, gute 170 Kilometer südlich von Bordeaux, einem Austragungsort der Fußball-EM. Auch mitten in Pau, der Präfekturstadt des Départements, geht es beschaulich zu. Soeben sind wir am Denkmal von d'Artagnan vorbeigekommen, der unweit von hier, in Lupiac, geboren wurde und eine historisch verbürgte Person ist, ebenso wie seine Musketierskumpanen Athos, Porthos und Aramis. Ganz in der Nähe beginnt der Boulevard des Pyrénées, der sich vom Palais Beaumont, einem Belle-Époque-Bau, bis zum Schloss Pau spannt.

foto: crta/anne julie duarte
Das Palais Beaumont in Pau

"Wir nennen ihn den 'paseo des palois', die Promenade der Einheimischen", sagt Philippe. Dieser palmengesäumte Boulevard ist eine Art "Balkon" auf der Anhöhe der Altstadt, der den Blick auf die Ebene und die in mehreren Wellen zu einer mächtigen Kordillere anschwellenden Pyrenäen öffnet. Die gezackte Gebirgskette mit ihren Gipfeln wie dem markant zweispitzigen Pic du Midi d'Ossau und dem Pic du Midi de Bigorre, beide knapp 2.900 Meter hoch, lässt sich hier auf 160 Kilometer Länge überblicken.

Der gepanzerte Heinrich

Am Ende des Boulevards steht Schloss Pau. In diesem auf das 12. Jahrhundert zurückgehenden und im 19. Jahrhundert erneuerten Bau kam Heinrich IV. im Jahr 1553 zur Welt. Im Museum ist der Schildkrötenpanzer, der dem Kleinkind als Wiege gedient hatte, zu sehen, dazu Gemälde aus Heinrichs Zeit. Eines stellt den Großvater, ebenfalls ein Heinrich, dar, wie er den Neugeborenen freudig in die Höhe hält. Ein weiterer Heinrich, nämlich Mann, schrieb Jahrhunderte später seinen zweibändigen Henri Quatre, der in Deutschland bis heute so verbreitet ist, dass Philippe sagt: "Deutschen Touristen kann ich nichts Neues erzählen."

foto: pau pyrénées tourisme/guilhamasse
Die Stadt Pau

Eine Anekdote, die im Zusammenhang mit Heinrich IV. nie unerwähnt bleibt, ist die: Bei seiner Taufe bekam er die Lippen mit einer Knoblauchzehe und einem Tropfen Jurançon-Wein benetzt. Das sollte seine Abwehr stärken, ihn beredt machen und vielleicht sogar vor dem Teufel schützen – eine Zeremonie, die an den französischen Kronprinzen fortan immer vollzogen wurde.

Spritzig, fruchtig

Knoblauch okay, aber Jurançon? So heißt das wenig bekannte, nur 1.000 Hektar große Weingebiet vor den Toren von Pau. Ein wenig besiedelter, von Wiesen, Wäldern und Weingärten geprägter Landstrich der rollenden Hügel, der an die Südsteiermark erinnert. Aber des Weines wegen, den es in zwei Ausführungen gibt: als "Jurançon sec" sowie als "Jurançon". Wenn man sich erst einmal an das – ganz gegen den Zeitgeschmack stehende – Liebliche des Jurançon gewöhnt hat, findet man ihn ausgezeichnet.

foto: cdt64
Hinter den Weingärten: die Pyrenäen

Die gebürtige Berlinerin Freya Skoda, die gemeinsam mit ihrem Mann Patrice Limousin die Domaine de Cabarrouy aufgebaut hat, erklärt, warum: "Die Weine des Jurançon sind ideal für den Aperitif, aber auch zum Essen: Sie sind spritzig, fruchtig, haben Säure und Süße. Es sind keine Dessertweine in dem Sinne, wie das ein Sauternes ist, da sie keine Edelfäule – bei der nur Süße übrig bleibt – besitzen. Beim Jurançon ist es umgekehrt, sodass die Säure den Zucker überlagert."

Kurativ und sedativ

Doch die hübsche 80.000-Einwohner-Stadt Pau ist nicht nur als Ausgangspunkt für Degustationen im Jurançon gut, sondern seit 200 Jahren selbst begehrtes Ziel: 1809 stellte ein Militärarzt im Gefolge von Wellingtons Armee, die in Pau Station machte, fest, dass das Klima hier ungemein "kurativ und sedativ" sei, und schrieb ein Buch darüber, das in England populär wurde. Die Sommer seien warm, die Winter mild, aber mit Blick auf die schneebedeckten Pyrenäengipfel.

foto: crta/laurent reiz
Die Pyrénées Atlantiques

In den folgenden Jahrzehnten mauserte sich Pau zu einem Tourismusort der Engländer, die ihren Lebensstil hierher verpflanzten: Sie errichteten eine Pferderennbahn und 1856 den ersten Golfplatz auf dem Kontinent, sie spielten Rugby, weshalb es heute ein eigenes Stadion gibt. Wegen des geringen Winds betrieben sie Ballonfahrten und experimentierten mit der Fliegerei. Wilbur Wright gründete in Pau die erste Flugschule der Welt.

Engländer als Erstbesteiger

Hier entstand auch der "pyrénéisme", das Gegenstück zum Alpinismus, und wie schon in den Alpen machten sich die Engländer daran, die Gipfel ringsum zu besteigen. Der Teil der Pyrenäen, der von Pau aus im Blick ist, hat heute den Status eines Nationalparks, dünne Besiedelung, maximale Wandermöglichkeiten und pittoreske Hochgebirgspässe. So etwa der französisch-spanische Grenzübergang Col de Pourtalet, etwa 70 Kilometer südlich von Pau.

Man fährt zunächst durch das heitere Ossau-Tal, das links und rechts hochragt und von netten Ortschaften wie Aydius gesäumt wird. Ab der Kleinstadt Laruns, deren Hauptplatz den Zwischenstopp verdient, wird die Passstraße steiler. Und schon ist das Béarn an seine Grenze gekommen. Hinter Passhöhe auf 1800 Meter Seehöhe liegt bereits Spanien. (Harald Sager, 15.6.2016)

ANREISE & INFO

Anreise: Bis 30. 9. bietet ASL Airlines France zwei wöchentliche Direktflüge (montags und freitags) Wien-Bordeaux und Wien-Toulouse an (aslairlines.austria@aviareps.com).

Unterkunft: z. B. Maison Cantérou (gites-de-france-64.com/maison-canterou) im Gemeindegebiet von Monein; fünf heimelige Zimmer im ruhigen Hinterland von Pau. Weinbau: z. B. die Domaine de Cabarrouy (domainedecabarrouy-deutsch.simdif.com) in Lasseube mit Rebsorten Gros und Petit Manseng.

Touristische Infos: tourisme-aquitaine.de, pau-pyrenees.com, coeurdebearn.com und Atout France: at.france.fr

Die Reise erfolgte auf Einladung des Tourismusamts Aquitanien und von Atout France.

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