Austrian Cultural Forum: Das Klima von London

12. Juni 2016, 12:00
9 Postings

Kommendes Wochenende feiert das ACF London seinen 60. Geburtstag. Immer wieder lädt das Kulturinstitut auch Künstler ein, wie zum Beispiel den österreichischen Schriftsteller Tex Rubinowitz und den britischen Autor Thomas McMullan, die beide einen Text über London geschrieben haben

foto: apa/georg hochmuth

Tex Rubinowitz: Gleichzeitig erschöpft, nervös und extrem laut

Letzten Sommer bekam ich vom Österreichischen Kulturinstitut in London eine Art Aufenthaltsstipendium, zwei Wochen konnte ich im Institut wohnen, ich hatte dafür nichts weiter zu tun, als am Ende einen kleinen Text für sie zu abzuliefern. Das war zu einem Zeitpunkt, an dem ich ratlos war, nicht wusste, was ich schreiben sollte, es wäre vielleicht meine Rettung, mal wegkommen, in eine andere Umgebung, vielleicht würde mir ja etwas einfallen, vielleicht könnte ich in der Fremde etwas aus mir rausschaufeln, oder die Fremde würde etwas aus mir rausschaufeln.

Ich war zuletzt in London vor etwa 30 Jahren, ich konnte nicht mal sagen, ob sich die Stadt verändert hat, 30 Jahre in Absenz lässt diese Frage auch gar nicht zu. Ich kann über London gar nichts mehr sagen, weshalb ich mir vorgenommen habe, herzukommen, um festzustellen, dass ich die Stadt eigentlich auch gar nicht brauche, das ist einerseits snobistisch, aber andererseits doch auch ehrlich. Und wenn mir die Stadt gefiele, könnte ich ja immer noch etwas Positives schreiben, aber ich bezweifelte, dass mir das gelingen würde, die Zeit ist zu kurz, und ich bin zu alt, um noch mal eine Euphorie zu entwickeln, die vor 30 Jahren vielleicht noch leicht erzeugbar gewesen sein mag.

Über die Stadt seufzen

Das Kulturinstitut befindet sich im Stadtteil Knightsbridge, einem vollkommen versiegelten, aseptischen Viertel, das es einem schon mal leicht macht, London nicht zu mögen, als Synonym für horizontale Ununterscheidbarkeit, genormte Monotonie, wie ein sich endlos in die Breite ziehender Teig, die Architektur ist auf eine verblüffende Art irrelevant, kitschig und banal, auch wenn alle nicht müde werden, über die Stadt zu seufzen, sie sei hart zu ihnen, aber sie brauche sie (die Seufzenden) doch.

Weshalb die Bewohner auch gleichzeitig erschöpft und nervös sind, und extrem laut, ich versteh nicht, warum alle so schreien müssen, man bekommt Kopfschmerzen, weil man seine eigenen Gedanken nicht denken kann und die Formulierung der Gedanken nicht hören kann, es ist alles so mühsam, jemand im Institut meinte, die Stadt sei antsy, ameisig, das bezeichnet aber etwas anderes, das meint kribbelig, elektrisiert, das wäre ja etwas Interessantes, kribbelig ist hier aber gar nichts, auch wenn sich London oder die Londoner so definieren würden, es ist nur gärender Stress hier, und der muss kompensiert werden durch aggressive Lärmfolter, und dann sickert Stress, Druck und Krach, gebunden mit Bier, Schweiß, Tränen und Kotze, in die Teppichböden, woran sich Milliarden Milben ihre Mägen verderben. Vielleicht schreien die Briten so, weil sie fürchten, dass diese unappetitlichen Teppichböden auch noch das ganze Meinungszeug und die vulgären Witze und die hohlen Phrasen schlucken und nichts davon mehr übrig bleibt, und morgen schon ist ganz London an seinem Krach gänzlich erstickt, und niemand kann sich mehr an die Bewohner erinnern, vor allem sie selbst nicht.

Filzstiefel in der Sowjetunion

Ich saß in meinem Monat in London jeden Tag im unspektakulären Royal Oak Pub in der Tabard Street 44, Stadtteil Newington, und versuchte meinen Auftragstext zu schreiben. Ich hatte über dieses Pub schon einmal geschrieben, aber das war erfunden, ich hab das Lokal damals einfach so blind ausgesucht, als Platzhalter sozusagen für irgendein vermilbtes Lokal unter Abertausenden in London. Die Geschichte spielte in der Sowjetunion, genauer gesagt in Bratsk. Ich war im strengen Winter 1985 mit der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg nach Peking. Ich musste in Bratsk aussteigen, weil mir im Zug jemand meine Schuhe gestohlen hatte, ich konnte ja nicht in Socken nach Peking, eine Bahnpolizistin half mir neue Schuhe zu kaufen, sie empfahl mir Filzstiefel, wir verbrachten einen netten Abend in einer stark verrauchten Kneipe namens "Charles Ng", und sie wollte alles über London wissen, das war so eine Art Traumstadt von ihr, ich konstruierte ihr irgendwas zusammen, alles, was sie hören wollte, so gut kannte ich die Stadt ja auch nicht, und ein Bestandteil meines Berichts war eben das Royal Oak Pub, und sie meinte immer, gut, dann stellen wir uns jetzt eben vor, wir sitzen im Royal Oak Pub, irgendwann gingen wir zu ihr, und am nächsten Tag brachte sie mich und meine Filzstiefel wieder zum Zug. Ich sah sie nie wieder.

Und jetzt saß ich wirklich im Royal Oak Pub, aber eigentlich nur, um zu überprüfen, dass ich wirklich nicht hier sitze, und auch wirklich hier noch nie war, und in gewisser Weise war ich auch nicht hier, weil der Krach ja gar keine physische wie psychische Materialisation zulässt.

Eier, Marmelade und Bücher

Dennoch ist das Lokal ganz nett, sie verkaufen sogar Enteneier, nicht mal gekochte, sondern rohe, wie mir der Wirt auf Nachfrage sagt, manchmal verkaufen sie auch Marmelade, ich war allerdings immer zu schwach zu fragen, nach welchen zyklischen Gesetzen diese Angebote funktionieren, Bücher verkaufen sie übrigens auch, Eier, Bücher, Marmelade, vielleicht ist das ein Code oder ein zu lösendes Rätsel, eine Lotterie, was kommt als Nächstes? Hufeisen? Wer es errät, gewinnt ein Pferd.

Trotz dieser Idylle inmitten des galoppierenden Krachs gelang es mir nicht, etwas zu schreiben, es ging einfach nicht. Jeden Morgens ging ich in die Serpentine im nahe vom Institut gelegenen Hyde Park, schwimmen, das war meine morgendliche Routine, und sie war so ekelhaft, und ich machte das unterbewusst ganz sicher, um mich zu bestrafen, das Wasser ist unfassbar dreckig, ja ölig, man bekam zur klebrigen Haut auch noch einen Juckreiz, das Wasser war flach, beim Kraulen berührte man mit den Fingerspitzen den Boden, der voll mit strähnig-grauen Wassergräsern war, am Grund sah ich zwischen den Gewächsen Gerümpel, alte Farbeimer, eine Flosse und eine Wäschespinne, das Ufer ist vollgeschissen von den großen Gänseherden, die hier überall rumwatscheln, im Wasser schwimmt man mit Hunden, das einzig Sympathische war, dass mit mir regelmäßig ein Mann schwamm, der nur ein Bein hatte, seine Prothese legte er stets am Ufer ab, er wusste, dass er jeden damit erschreckt.

Als mein Monat zu Ende ging, hatte ich außer einem hartnäckigen Juckreiz, nichts vorzuweisen, ich sagte zwar den Leuten im Institut, dass alles ganz toll war und ich dankbar sei, ihnen aber jetzt noch nichts geben könne, ich würde das von Wien aus machen, und ihnen dann schicken. Ich hatte vor, das einfach verplätschern zu lassen, so lange verzögern, bis sich kein Mensch mehr daran erinnern könne, dass ich noch etwas abliefern müsste. Und dann kommt der nächste Stipendiat, und ich bin niemals dort gewesen.

Ich kenne keinen Thomas

Aber dann kam nach etwa einem halben Jahr vom Institut eine Mail, ich bekam ein schlechtes Gewissen, aber sie dankten recht schön für den Text, sie fänden diese Perspektive "spannend", dass ich mich sozusagen selbst durch einen anderen beobachte, sie fragten, ob es recht sei, den Text auf ihre Homepage zu stellen, und ich schrieb verdattert, ja, ist gut, sollen sie nur machen, diese Sorge war ich also los, ohne zu wissen, woher dieser Text plötzlich kam, wer ihn geschrieben hätte haben können. Sie fragten, wie sie ihn denn kennzeichnen sollen, denn er war ja augenscheinlich so angelegt, dass es so aussehen soll, dass er nicht von mir ist, was soll drunterstehen? In Vertretung Tex Rubinowitz? Auftragstext Rubinowitz? Thomas Rubinowitz? Wer ist dieser Thomas im Text? Ob ich dazu vielleicht etwas sagen möchte? Ich sagte, ich kenne keinen Thomas in London und es sei mir egal, wie sie das kennzeichnen, sie können entscheiden, was sie für richtig erachten. Danach hörte ich nie wieder etwas von ihnen, der Text erschien dann doch nicht auf der Homepage. (Tex Rubinowitz, 12.6.2016)

***

foto: thomas mcmullan

Thomas McMullan: Über die Stadt, die ich schon so gut zu kennen glaubte

Tex wollte mal einen Tag alleine sein, nur für sich die Stadt erkunden, und ich verstehe das. Ich hatte zwar zu tun an diesem Tag, wir waren gerade im Stress mit einem sehr großen Kunden, wir lebten praktisch von ihm, Ford, die größten Kunden sind meist die konservativsten, sie können sich nichts wirklich Originelles leisten, sie zahlen viel dafür, möglichst unsichtbar zu sein, paradox, aber es ist eben so. Der Ford Sierra bekam serienmäßig eine doppelt oben liegende Nockenwelle eingebaut, und das sollte ich nun beschreiben, aber ich konnte nicht, es ging nicht, ich wusste nicht mal, wie man doppelt oben liegt, ich musste mal raus und verließ das Büro und dachte, ich folge Tex ein bisschen auf Abstand, wie ein Detektiv, was wird er machen, er könnte London alleine genießen, und ich könnte vielleicht inspiriert werden, nicht unbedingt für die Nockenwelle, sondern irgendwie frei werden, indem ich mir von ihm die Stadt zeigen ließ, die ich schon so gut zu kennen glaubte, sozusagen mit anderen Augen das sehen, was ich schon lange nicht mehr sehe.

Außerhalb des Österreichischen Kulturinstituts ist es nicht die beste Gegend für meine kleine Verfolgung im Geheimen, man kann sich nicht in Menschenmengen verstecken, weil es keine gibt, es gibt keine Bänke, der einzige Park, den es dort gibt, ist klein und abgeschlossen, und die Schlüssel haben nur die Anrainer. Er tut so, als sei es ein öffentlicher Raum, aber es ist nur eine Simulation davon, denn ein Park ist ja kein Park, wenn keiner drin ist. Ich lehnte entfernt am Zaun und wartete, dass Tex aus der Tür des Instituts kommt. Ich wusste, dass er für einen Monat ganz oben unterm Dach wohnt, aber konnte ihn nicht durch die Fenster sehen. Um abzulenken, dass ich hier auf jemand warte, stöberte ich ein bisschen in meinem kleinen Telefon, bei Facebook sah ich eine dieser dummen, generierten Aufgaben: "Lieber Thomas, Facebook möchte dich auf eine kleine Reise in die Vergangenheit schicken, hier ist ein Foto, das du heute vor genau vier Jahren gepostet hast, erinnerst du dich? Schau dir an, was du in dieser Zeit noch so gemacht hast." Das Foto zeigt eine an irgendeiner Hauswand befestigte blaue Plakette, auf ihr stand:

Luke Howard

1772-1864

Namensgeber der Wolken

Lebte und starb hier

Ich konnte mich an die Aufnahme des Fotos erinnern. Ich saß auf dem Oberdeck eines Busses, und das Schild war an einem desolaten Gebäude befestigt, dessen Fenster mit weißen Platten zugenagelt waren, es schien, als sei die Zeit dieses Hauses abgelaufen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, warum ich in dem Bus saß und wohin ich fuhr, aber an das Schild konnte ich mich natürlich erinnern, ganz besonders natürlich, weil ich es fotografiert hatte und weil ich so fasziniert war von Luke Howards Titel: Namensgeber der Wolken, ephemerer und lieblicher als das, was sonst so auf diesen Plaketten steht, Erfinder von diesem und Komponist von jenem.

Weil Tex nicht aus dem Institut kam, suchte ich mit meinem Telefon die Adresse der Plakette, sie war in der Bruce Grove Nr. 7, in Tottenham. Zufälligerweise war ich gestern in Tottenham. Woher sollte Facebook das wissen? Hat es deshalb das Foto aus dem Haufen rausgesucht und nicht wegen dieses von Robotern konstruierten Vier-Jahres-Erinnerungsspielchens, sondern weil es mich beobachtet und den Moment wählt, um mich mit Koinzidenzen zu zermürben?

Ich googelte ein bisschen etwas über Luke Howard, den Namensgeber der Wolken. Er war ein britischer Chemiker und Amateurmeteorologe. Zwischen 1818 und 1820 veröffentlichte er regelmäßig das Klima von London. Das war die Zeit, in der er den Wolken eben ihre Namen gab, weil sie offenbar keine hatten. Cumulus, Stratus, Cirrus, Cirrostratus, Cirrocumulus. Ein Gedicht aus klumpigen Zischlauten.

Ich begann ihm zu folgen

Plötzlich kam Tex auf mich zu. Ich erstarrte und war schon darauf vorbereitet, dass ich mir jetzt eine Geschichte würde ausdenken müsse, etwa, dass ich ihn überraschen wollte und warum. Er sagte aber kein Wort. Ich war in mein Handy vertieft, ich tat also beschäftigt, tauchte mit gesenktem Kopf gewissermaßen in den Wolken ab, und er bemerkte mich nicht. Er ging ganz knapp geradewegs an mir vorüber, seine Schulter war eine Schulter von meiner Schulter entfernt. Ich verstaute mein Telefon in der Tasche und begann ihm zu folgen, darauf achtend, nicht zu schnell und ihm nicht zu nahe zu sein, mein Herz schlug jetzt schneller, und ich hoffte, nicht auch lauter, dass er mich nicht hört.

Tex ging, ohne zu hetzen, zwar inspizierte er neugierig seine Umgebung, aber bewegte sich auch zielgerichtet. Er sah sich die Gebäude an, an denen er vorbeikam, aber nie zu lange, es war ein fließendes Observieren. Ich war ein paar Meter hinter ihm, mein Tempo war sein Tempo, nach einiger Zeit fühlte ich mich weniger wie ein ihn verfolgender Schatten, sondern eher anonym wie eine Kamera. Ich war eine Kamerafahrt, wenn ich nach unten geschaut hätte, würde ich keine Schuhe sehen, sondern eher Schienen.

Tex hatte ein graues T-Shirt an. Ich wollte mehr über ihn erfahren und versuchte es über seinen Gang, seine Schultern, die Haut um den Hals, das könnte man ja lesen, wie so einer ist. Ich wollte ihn auf diese Art kennenlernen. Sein graues T-Shirt schlotterte um seine resignativen Schultern, die Frisur konnte sich nicht entscheiden, was sie sein sollte, nur die Hose war eine Hose, die sprach gar nicht.

An einer Kreuzung stoppte er und drückte auf den Ampelknopf, er wartete auf Grün, wenn ich jetzt weiterging, würde ich ihn einholen, wenn ich stehen blieb, wäre das unlogisch und noch auffälliger, deshalb tauchte ich wieder in meinem Telefon ab.

Frisbee- und Sonnenscheibe

Luke Howard, der Namensgeber der Wolken, hatte einen starken Einfluss auf Goethe gehabt, der dem britischen Chemiker ein Gedicht widmete. In dieser kleinen Ampelphase hatte ich das Gedicht schnell gefunden, und versuchte es auswendig zu lernen:

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn

Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.

Was sich nicht halten, nicht erreichen lässt,

Er fasst es an, er hält zuerst es fest;

Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,

Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! -

Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,

Erinnre dankbar deiner sich die Welt.

Tex war verschwunden. Ich sah von meinem Handy rüber zum Hyde Park und konnte keine Spur von ihm sehen, er war wohl im Park. Ich hatte ihn verloren, das war blöd und leicht vermeidbar gewesen, ich ging durch das Tor des Parks, über den Sandstreifen für die Pferde, und scannte alles nach dem Mann mit dem grauen T-Shirt. Ich ging Richtung Serpentine, vorbei an im Gras liegenden Familien, die sich versuchten, in der englischen Sonne zu sonnen. Eine Gruppe spielte Frisbee, sie warfen ihre blaue Scheibe zwischen den Sonnenden und ihrer Sonne. Ein paar Paare schlenderten herum, andere saßen auf den Bänken.

Ich war erleichtert, als ich ihn dann sah. Er schwamm im Wasser auf mich zu, kraulend, und statt der optischen Brille hatte er Schwimmbrillen und eine gelbe Badekappe auf dem Kopf, wenn er unter Wasser war, gab's nur einen Schemen von ihm zu sehen, war er oben, blitzte die Sonne in der Brille, wieder war ich überzeugt, dass er mich bemerkt haben müsste, aber als er am Rand war, drehte er um, und schwamm davon. Am Ufer lag ein Bein, jemand hatte wohl seine Prothese vergessen.

Paare im Park

Es war zwar noch Frühsommer, also noch nicht wirklich heiß, aber die Leute begannen sich schon wie abgesprochen langsam für einen ganzen Sommer im Park zu versammeln. Um mich ein bisschen auszuruhen und um eine gute Beobachtungsposition auf den Schwimmer zu haben, setzte ich mich auf eine Bank. Etwas weiter entfernt von mir war eine Gruppe mit vier Leuten, zwei Paaren, sie waren aber in Hörweite, und ich lauschte ihrem Gespräch, während ich Tex bei seinen monotonen Bahnen zusah.

Eine Frau hatte ihren Kopf auf dem Schoß eines Mannes abgelegt, als sei er ihr zu schwer geworden. Sie war, wie sie erzählte, im Begriff, zu kündigen. Sie erzählte, dass sie ihren Job satthätte, sie würde morgen ins Büro des Chefs gehen und einfach sagen, sie kann das nicht mehr ernst nehmen hier, diese Arbeit könne man nur ironisch machen, und es war ihr egal, was er sagen würde. Die andere Frau sagte, das sei eine richtige Entscheidung, und reichte ihr ein Würstchen im Schlafrock.

Über mir ballten sich ein paar Cumuluswolken, aber es waren nicht viele. Tex schwamm weiterhin seine Bahnen, mal atmete er links, mal rechts, mal nach dem zweiten, mal nach dem vierten Schlag, eine Ordnung ließ sich nicht erkennen, ich ließ ihn nicht aus den Augen, er war leicht zu erkennen mit der gelben Badekappe, ein gelber Punkt, erst wurde er kleiner, dann wieder größer, so als ob jemand in Zeitlupe Tennis auf der Oberfläche des Wassers spielen würde.

Die Frau neben mir sah ihren Mann an, vermutlich ihr Freund, und sagte, sie sei müde von London, sie sei schon viel zu lange hier. Der zweite Mann gab ihr recht, auch er wollte weg. Alles sei zu teuer, es sei schwer, sich über Wasser zu halten. Die Frau sagte halb verzweifelt, sie möge die Galerien hier, aber sie hätte nicht mal Zeit, sie zu besuchen. Aber jetzt, beruhigte sie der Mann, wo der Sommer nun mal angekommen sei, sei es doch alles etwas leichter, und man könne sich häufiger in den Parks treffen.

Ich versuchte mich zu erinnern, was ich vor vier Jahren, im Sommer 2011, so gemacht habe und wohin ich wollte, als ich das Foto der Plakette vom Bus aus machte. Ich konnte mich zwar an das vernagelte Gebäude erinnern, aber an sonst nichts, so als sei auch alles andere außerhalb der Plakette vernagelt gewesen. Es wird ein Tag wie dieser gewesen sein. Und die Wolken werden genauso ausgesehen haben wie heute.

Tex kam aus dem Wasser

Mir fiel auf, dass die Gruppe neben mir aufgehört hatte zu sprechen. Ich drehte mich etwas um, ohne es wie Starren aussehen zu lassen, und bemerkte, dass die Frau, die eben noch auf dem Schoß des Mannes lag, seine Hose öffnete und seinen Schwanz rausholte. Sie nahm ihn in den Mund, während die andere Frau zusah, Der andere Mann legte seine Arme um die beobachtende Frau, seine Hände auf ihren Brüsten, unter ihrer Bluse. Niemandem sonst in diesem Park war das aufgefallen, die Leute mit dem Frisbee spielten ungerührt mit ihrer jämmerlichen Scheibe. Aus der Ferne hätten sie sowieso nichts sehen können, was die vier da trieben.

Der zweite Mann knetete weiter die Brüste der Frau, seine Hände bewegten sich weiter nach unten, zwischen ihre Beine, er schob ihren Rock hoch und schaute währenddessen immer zu dem anderen Paar. So wie der Mann mit der Frau im Schoß zu den anderen sah, wie der andere Mann die andere Frau berührte, ihre Blicke waren verbunden wie schnell zwischen ihnen gewobene Spinnenfäden, mal oben, mal unten, mal zwischen Mann und Mann, mal zwischen Frau und Frau, und das alles auch noch von mir aus dem Augenwinkel beobachtet, sozu- sagen als Protokollant der Blicke. Der Mann tauch- te einen Finger in sie, zog ihn raus und führte ihn zu den Lippen der Frau. Sie leckte ihn ab und schob ihn wieder nach unten.

Tex kam aus dem Wasser, die Sonne glitzerte auf seiner Haut. Ich fühlte mich wieder wie eine Kamera und zoomte ihn heran, um ihn besser sehen zu können. Ich beobachtete ihn, wie er die Serpentine verließ. Das Licht war grell und reflektierte auf der Wasseroberfläche, es war schwer, irgendwas zu erkennen, es war wie ein überbelichteter Film. Aber was ich sah, war, dass das Bein offenbar fortgegangen war, es war nicht mehr da. (Thomas McMullan, 12.6.2016)

Tex Rubinowitz ist Schriftsteller, Cartoonist und Künstler. 2014 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Irma" (Rowohlt, 2015).

Thomas McMullan ist Autor und lebt in London. Zuletzt erschien von ihm eine Kurzgeschichte in "Best British Short Stories 2016". Er schreibt auch Drehbücher und regelmäßig für den "Guardian".

www.acflondon.org

Am 15.6. wird "Unreal City" im ACF präsentiert. Das Buch dokumentiert die Zusammenarbeit zwischen österr. und brit. Autoren (Tex Rubinowitz, Teresa Präauer, Thomas McMullan, Ruby Cowling).

  • Das Kulturinstitut befindet sich im Stadtteil Knightsbridge, einem vollkommen versiegelten, aseptischen Viertel.
    foto: acf london

    Das Kulturinstitut befindet sich im Stadtteil Knightsbridge, einem vollkommen versiegelten, aseptischen Viertel.

  • Artikelbild
    foto: cdp
Share if you care.