Neues Buch über L.A.-Punk der 80er-Jahre

11. Juni 2016, 09:00
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Der Musiker John Doe hat als Zeitzeuge des L. A. Punk Erinnerungen an dessen Entstehung gesammelt und in dem Buch "Under The Big Black Sun" veröffentlicht

Wien – Der erste Gedanke ist: der Ku-Klux-Klan. Doch da brennt kein Kreuz, sondern ein "X". Und die Flammen lodern nicht in den nächtlichen Himmel von Missouri oder Alabama, sondern in den von Los Angeles.

So wie die Stadt heißt das 1980 erschienene Debütalbum der Punkband X. Sein Artwork mit dem brennenden "X" steht heute auf einer Stufe mit jenem des Sex-Pistols-Albums oder dem (von Elvis abgekupferten) Cover von "London Calling" von The Clash.

Anders als der britische oder der New Yorker Punk wurde die sich Mitte der 1970er-Jahre in Los Angeles formierende Bewegung wenig dokumentiert. Zwar gab es Penelope Spheeris Doku "The Decline of The Western Civilization", doch als sie 1981 erschien, war die Zeit der Unschuld des Westküsten-Punk fast vorbei. Verdrängt von testosterongesteuerten Buben aus den Suburbs, die Punk in den gewaltbereiten Hardcore überführt hatten.

Die Zeit davor und den Übergang hat John Doe in dem Buch "Under The Big Black Sun" dokumentiert. John Doe (63) ist Sänger der Band X und ein Säulenheiliger des US-Punk.

Frauen und Promis

"Under the Big Black Sun" fasst die Erinnerungen von 15 wesentlichen Protagonisten jener Zeit zusammen. Anstatt sich allwissend zu geben und die Geschichte nur aus seiner Sicht zu memorieren, was angesichts seines Lebensstils keine leichte Übung gewesen wäre, lässt Doe andere Zeitzeugen ihre Geschichte jener Ära erzählen.

Darunter sind viele Frauen, etwa Jane Wiedlin von den Go-Go's oder Pleasant Gehman, prominente Namen wie Henry Rollins oder Mike Watt sowie eine Reihe weniger bis nur Insidern bekannter. Gerade deren Erinnerungen sind Salz und Pfeffer dieses Buches.

Obwohl das brennende "X" auf dem Cover von "Los Angeles" eine gewaltvolle Umwälzung nahelegt, war Punk im sonnigen Los Angeles eine überwiegend heitere und positive Bewegung – sieht man von den Repressalien der berüchtigten Polizei der Westküstenmetropole ab.

Von rund 200 Personen geht die Geschichtsschreibung aus, die sich in wenigen Clubs zusammenrotteten, sich gegenseitig kreativ infizierten und fast täglich neue Bands gründeten, Konzerte organisierten und gaben.

Offene Szene

Das Buch beschreibt eine offene Szene. Frauen gründeten genauso Bands wie Latinos oder Schwule, Kreativität war das Kriterium. Dabei ging es nicht nur um Musik, die Zehrgebiete der Szene waren Mode, Literatur oder Film, schließlich liegt Hollywood gleich ums Eck. Von dort schauten Stars vorbei, andere waren auf dem Weg dorthin, um welche zu werden.

Spannender waren die Underdogs, Typen wie Tito Larriva oder Robert Lopez. Lopez nennt sein Kapitel "Punk-Rock Teenage Heaven". Er beschreibt, wie er als schwuler Hispanic in der Punkbewegung sein Erweckungserlebnis fand. Der später als Elvis-Impersonator El Vez – The Mexican Elvis berühmt gewordene Musiker ist einer von vielen Hispanics, die vom Punk willkommen geheißen wurden.

Er stammte aus dem Ghetto von East L.A. und öffnete die Türen in beide Richtungen. Bands wie The Plugz (mit Tito Larriva, später Tito and Tarantula) traten plötzlich im weißen Teil der Stadt auf, umgekehrt gab es Gigs für Punks in East L.A.

Da es dort kaum Infrastruktur gab, traten sie meist in Garagen oder Gärten von Einfamilienhäusern auf, unter dem Zuspruch von Maschinengewehrsalven. Das war die spezielle Folklore jenseits des L.A. River.

Von dort kamen auch Los Lobos. Das waren in uncoolen Polyesterklamotten steckende Mexikaner der zweiten Generation, die drüben auf Familienfeiern und Hochzeiten spielten und herüben plötzlich mit Bands wie Fear oder Black Flag auftraten. Das war eine Herausforderung, doch es ging sich aus. Sie mussten bloß einige ungeschriebene Gesetze beherzigen. Etwa "No slow songs tonight".

So nennt Dave Alvin sein Kapitel. Alvin betrat die Szene mit der Band The Blasters. Gemeinsam mit seinem Bruder Phil spielten die Blasters einen vom Punk infizierten Rockabilly. Das war nicht unbedingt das, was eine Horde verrückter Punkfans vor der Bühne erwartet hat. Doch mit zweckentfremdeten Instrumenten als Abwehrschilder bestanden sie ihre Feuertaufe.

Solche Anekdoten bietet "Under The Big Black Sun" einige. Dabei ersaufen die Erinnerungen nie in Nostalgie, dafür ist der Zynismus des Punk seinen Chronisten zu sehr ins Blut übergegangen. Beschrieben werden auch die unschönen Dinge. Die Drogentoten, die dumme Gewalt des Hardcore-Publikums, die jene vertrieben hat, die zum kreativen Rückgrat der Szene gezählt hatten.

Exotisches Pflänzchen

Manche der Chronisten haben Weltkarrieren gemacht, andere wurden in Amerika berühmt, manche für dieses Buch der Vergessenheit entrissen. Gemeinsam erschaffen sie eine spannende Chronik der Selbstermächtigung, die so lange Spaß gemacht hat, bis Corporate America erkannte, dass es sogar Punk finanziell ausbeuten konnte.

Die Autorin Kristine McKenna sagt am Ende: "Die erste Generation L.A. Punk war ein exotisches Pflänzchen, das nur kurze Zeit blühte. Diese Dinge sind nicht dazu bestimmt, lange anzuhalten." Das mag stimmen, ihre Auswirkung ist dennoch bis heute spürbar. (Karl Fluch, 11.6.2016)

John Doe, "Under The Big Black Sun", Da Capo, 258 Seiten, 24,99 Euro

  • Die Punk-Band X aus Los Angeles im Jahr 1981. Von links: Billy Zoom, Exene Cervenka, D. J. Bonebrake und John Doe. Letztgenannter hat in seinem Buch "Under The Big Black Sun" Erinnerungen an die Entstehungstage des L.A. Punk zusammengetragen.
    foto: da capo press / michael hyatt

    Die Punk-Band X aus Los Angeles im Jahr 1981. Von links: Billy Zoom, Exene Cervenka, D. J. Bonebrake und John Doe. Letztgenannter hat in seinem Buch "Under The Big Black Sun" Erinnerungen an die Entstehungstage des L.A. Punk zusammengetragen.

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