Willkommen im Kinderparadies

9. Juni 2016, 17:50
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Österreichs Fußballteam hat sich bereits akklimatisiert. Das Wohlbefinden im beschaulichen Mallemort könnte die ideale Basis für eine gelungene EURO sein. Im Training bastelt Marcel Koller am Feinschliff, der Respekt vor Ungarn ist groß. Martin Harnik und Sebastian Prödl werden ab und zu an ihre Kindheit erinnert

Es ist nicht so, dass in Mallemort die Bären steppen. Immerhin streunen ein paar Katzen durch die Innenstadt, die ein Innendorf ist. 6.500 Menschen schlafen hier, sie haben ihre Fenster mit rot-weiß-roten Fahnen geschmückt. Plakate hängen an den alten Mauern, "Bienvenue à l'Autriche", schreibt der Franzose. Die Gemeinde ist weder reich noch arm, Tourismus ist kein Fremdwort, sozusagen um die Ecke liegt ein Golfplatz. Supermarkt, ein paar Cafés, Post, Bank, Fleischhauer, Bäcker, Arzt, Ärztin, alles da.

In der Umgebung werden Oliven angebaut, das zahlt sich aus. In einem Geschäft, es heißt Anna Bella, werden österreichische Trachten angeboten, eine kleine Mozartstatue steht in der Auslage. Was denkbar ist, ist in Mallemort möglich. Die Kirche auf der Place du 14 Juillet ist hübsch, die Burgruine absolut okay. Für Geografiefreaks sei erwähnt, dass Mallemort im Département Bouches-du-Rhône auf einem Felsvorsprung gebaut ist. Sieben Polizisten kümmern sich um die Sicherheit, sie sind selten im Stress, die Ausfertigung eines Strafmandats wegen Falschparkens ist fast eine brutale Amtshandlung. Inspektor Frédéric bietet Kaffee an, freut sich, dass die österreichische Fußballnationalmannschaft hier residiert, wobei Marcel Koller und die Spieler gar nicht zum Sightseeing kommen werden, der von Polizeimotorrädern begleitete Bus parkt vor dem Sportzentrum.

Der Rasen ist fertig geworden, die Trainingsbedingungen sind optimal. Olympique Mallemortais, ein nicht gerade vom Erfolg heimgesuchter französischer Zehntligist, hat das Stade d'Honneur den Österreichern überlassen. Die Betontribüne fasst 500 Zuschauer, so viele sind am Donnerstagnachmittag zum öffentlichen Showtraining erschienen. Die Veranstaltung war ausverkauft, ausverschenkt, man konnte die Freikarten auf dem Gemeindeamt abholen. David Alaba, Marko Arnautovic und Co vermochten bei ungefähr 30 Grad Celsius zu überzeugen, machten Späßchen, nach der Arbeit schrieben sie brav Autogramme. Man will im Vorfeld Sympathien heischen, die EM ist nur in erster Linie eine Fußballveranstaltung.

Keine Ausreden

Die Mannschaft ist also gut angekommen, die Eingewöhnungsphase wurde bravourös gemeistert. Die Begeisterung über das abgeschieden gelegene Hôtel Moulin de Vernègues grenzt an Kitsch. "Ein richtiges Schmuckkästchen", sagte der Teamchef. "Es gibt keine Ausreden. Jetzt liegt es an uns, die Leistungen auf den Platz zu bringen." Koller saß um High Noon in der Sporthalle, die in ein Mediencenter umfunktioniert worden war. Der ÖFB hat nicht gelumpt, die Arbeitsbedingungen passen. Koller wird, auch um seine gute Laune zu konservieren, nicht jeden Tag erscheinen. Es gibt andere Personen, die in die Liveübertragungen des ORF drängen wollen, drängen müssen. Beim ersten Mal erwischte es Sebastian Prödl und Martin Harnik. Das Medienaufkommen war nicht ausufernd, aber doch enorm, rund 60 Journalisten saßen da, ein Dutzend davon aus anderen Ländern.

Keine Bedenken

Koller schickt sich an, der Mannschaft den letzten Schliff für die erste EM-Partie am Dienstag in Bordeaux gegen Ungarn zu verpassen. "Jetzt geht es um die Passsicherheit und darum, zu sehen, dass jeder gewillt ist, Vollgas zu geben. Aber da habe ich keine Bedenken." Außerdem sei "die eine oder andere Einheit" geplant, in der die taktische Ausrichtung auf das ungarische Team verfeinert werden soll. Vor den Magyaren zeigt Koller Respekt. "Sie sind sehr gut organisiert, stehen defensiv gut, kontern gut, sind bei Standards gefährlich und haben Spieler, die dir wehtun können." Der Erfolgslauf in der Quali habe keine Bedeutung. "Ich bin keiner, der in der Vergangenheit lebt. Wir müssen wieder in die Gänge kommen. Für uns ist immer das nächste Spiel das wichtigste." Die mangelnde Turniererfahrung spiele keine Rolle. "Man kann sie ja nicht herbeizaubern."

Harnik hat seinen Frust (Abstieg mit Stuttgart, schwache Leistung beim 2:1 gegen Malta) abgebaut. "Es zählt nur mehr die EURO." Die Bedingungen im Hotel seien perfekt. "Fast wie ein Kinderparadies." Dartscheibe, Billardtisch, Playstation. Wer Indianer sein möchte, kann mit Pfeil und Bogen schießen. "Es gibt aber auch Platz, wo man sich mal hinsetzen und in Ruhe reden kann." Prödl, der um einen Posten in der Innenverteidigung kämpft, teilt Harniks Wohlbefinden. Jeder hat ein Einzelzimmer, Prödl und Harnik lagen bisher auf Dienstreisen im Doppelbett. "Wir werden uns trotzdem 'Gute Nacht' sagen."

Polizist Frédéric hofft auf ein Finale zwischen Frankreich und Österreich. "Damit ihr lang da bleibt und wir Arbeit haben. Europameister soll Frankreich werden. Tut leid." Mallemort werde nach der EM wie vor der EM sein. "Ein paar Strafmandate, das war's." (Christian Hackl aus Mallemort, 9.6.2016)

  • Frankreich, wir sind angekommen. Vor 18 Jahren zierte Österreich die WM-Endrunde, diesmal bleiben die Europäer unter sich. Österreichs Team bereitet sich im beschaulichen Mallemort vor.
    foto: afp/ tobias schwarz

    Frankreich, wir sind angekommen. Vor 18 Jahren zierte Österreich die WM-Endrunde, diesmal bleiben die Europäer unter sich. Österreichs Team bereitet sich im beschaulichen Mallemort vor.

  • Eine Bar heißt das ÖFB-Team willkommen.
    foto: afp/ tobias schwarz

    Eine Bar heißt das ÖFB-Team willkommen.

  • Das Städtchen bietet dem Team feine Bedingungen.
    foto: afp/ tobias schwarz

    Das Städtchen bietet dem Team feine Bedingungen.

  • Koller schickt sich an, der Mannschaft den letzten Schliff für die erste Partie zu verpassen. Es geht um Passsicherheit und Einsatzwillen.
    foto: reuters / jean-paul pelissier

    Koller schickt sich an, der Mannschaft den letzten Schliff für die erste Partie zu verpassen. Es geht um Passsicherheit und Einsatzwillen.

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