Eröffnungsspiel: Blaue, die sich gelassen geben

9. Juni 2016, 16:43
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Für Gastgeber Frankreich zählt nur der Titel. Didier Deschamps, der als Spieler auf die Sonnenseite fiel, soll es nun auch als Teamchef richten. Erster Gegner ist Rumänien

Paris – Er ist Welt- und Europameister – doch die größte Herausforderung seiner Karriere steht Didier Deschamps erst jetzt bevor. Der Druck einer ganzen Nation lastet in den kommenden Wochen auf den Schultern des 47-Jährigen aus Bayonne im Baskenland. Für den Trainer der französischen Nationalmannschaft zählt bei der EM im eigenen Land nur der Titel. Scheitern verboten!

"Seit zwei Jahren denke ich an den 10. Juni. Es ist ein großer Wettbewerb, eine große Herausforderung. Die Fans wollen uns siegen sehen", sagte Deschamps zu "L'Équipe" zwei Tage vor dem Auftakt der Bleus am Freitag (21 Uhr, Liveticker auf derStandard.at) im Stade de France gegen Rumänien.

Aufregung und Erwartungshaltung

Die EM-Endrunde ist angesichts der vielen Brennpunkte im Land längst zu einer nationalen Angelegenheit geworden – in deren Mittelpunkt Deschamps steht. "Für das französische Volk bietet sich die Möglichkeit, den vielen sozialen Problemen, die es in diesem Land gibt, für einen Moment zu entkommen, an etwas anderes zu denken und Frankreich zu unterstützen", betont er.

Deschamps ist bemüht, der kollektiven Aufregung und der Erwartungshaltung gelassen zu begegnen. Auch die jüngsten Rassismusvorwürfe gegen seine Person ließ er abperlen. Er habe es "immer als Privileg betrachtet, den Menschen Freude machen zu können. Die Mannschaft und ich kennen keinen Druck. Druck ist negativ", sagte er. Man sei "voller Adrenalin und Vorfreude". Und überhaupt: "Mich kann nichts mehr schockieren."

Immer auf der Sonnenseite

Deschamps hat als Profi alles erlebt. Er reckte 1998 bei der Heim-WM als Kapitän anstelle des gesperrten Laurent Blanc den WM-Pokal in die Höhe, 2000 beendete er als Europameister nach 103 Länderspielen seine internationale Karriere. 1993 gewann der kantige Mittelfeldspieler zudem mit Olympique Marseille die Champions League, er holte mit Juventus Turin den Weltpokal (1996) und wurde französischer sowie italienischer Meister.

"Ich weiß nicht, unter welchem Stern er geboren ist", sagt sein ehemaliger Kollege Thierry Henry, aber Deschamps sei eben ein Typ, der immer auf der Sonnenseite stehe. Auch jetzt habe er es geschafft, "dass wir wieder ein Team auf dem Platz haben". Die 23 Spieler "zusammenzuhalten", sei auch seine vordringlichste Aufgabe, unterstrich Deschamps.

Wieder im Salon

Das war lange Zeit nicht gelungen. Bei der EM 2008 und der WM 2010 war die stolze und erfolgsverwöhnte Équipe Tricolore in der Vorrunde gescheitert. Tiefpunkt war in Südafrika die Revolte der Stars um Franck Ribéry gegen den damaligen Coach Raymond Domenech, die ein Beben bis in höchsten Regierungskreise auslöste. Les Bleus: eine einzige Schande, angefeindet von den eigenen Fans. Erst als Deschamps 2012 das Amt von Laurent Blanc übernahm, wandelte sich die Stimmung nach und nach.

Inzwischen ist die Nationalmannschaft wieder salonfähig. Die WM 2014 in Brasilien, wo die Franzosen im Viertelfinale knapp am späteren Weltmeister Deutschland scheiterten, und eine gute EM-Vorbereitung haben den Optimismus steigen lassen. "L'Équipe" titelte am Dienstag auf Seite eins: "Das Herz schlägt blau".

Staatspräsident François Hollande bekam im Trainingszentrum Clairefontaine von Deschamps und Kapitän Hugo Lloris ein Trikot mit der Nummer 24 überreicht. "Sie sollen ihren besten Fußball spielen", sagte Hollande, "und daran denken, Frankreich zu repräsentieren." Deschamps hat verstanden: "Wir sind bereit."

Rumänen als Partyschreck?

Aber auch Rumänien wird bereit sein, will als Partyschreck in den schmucken Festsaal Stade de France platzen. "Die Abwehr ist Frankreichs größtes Problem", sagt der rumänische Kapitän Vlad Chiriches vor dem EM-Eröffnungsspiel. Bei Rumänien hingegen ist die Abwehr das Prunkstück. Mit nur zwei Gegentoren in zehn Spielen hatte der WM-Viertelfinalist von 1994 und EM-Viertelfinalist von 2000 die wenigsten Tore aller Teams in der EM-Quali kassiert. Und im März schaffte selbst Spanien gegen Rumänien nur ein 0:0.

Allerdings haben die Rumänen in der Quali auch bloß elf Mal gescort. Kein Wunder, dass die rund 400 Fans beim Torschusstraining im EM-Quartier in Orry-la-Ville jeden erfolgreichen Versuch bejubelten. Große Namen sind in der Mannschaft von Trainer Anghel Iordanescu nicht zu finden. Er ist aufgrund der unattraktiven Spielweise seines Teams in der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Immerhin haben die Rumänen mit einem 5:1 in der EM-Generalprobe gegen Georgien viel Selbstvertrauen getankt. (sid, red, 9.6.2016)

EM-Gruppe A, 1. Runde, Freitag

Frankreich – Rumänien
Saint-Denis, Stade de France, 21 Uhr, SR Kassai (HUN)

Mögliche Aufstellungen:

Frankreich: 1 Lloris – 19 Sagna, 4 Rami, 21 Koscielny, 3 Evra – 15 Pogba, 5 Kante, 14 Matuidi – 7 Griezmann, 9 Giroud, 8 Payet

Ersatz: 16 Mandanda, 23 Costil – 2 Jallet, 13 Mangala, 17 Digne, 22 Umtiti, 6 Cabaye, 12 Schneiderlin, 18 Sissoko, 20 Coman, 10 Gignac, 11 Martial

Rumänien: 21 Tatarusanu – 22 Sapunaru, 6 Chiriches, 21 Grigore, 3 Rat – 5 Hoban, 8 Pintilii – 20 Popa, 10 Stanciu, 19 Stancu – 14 Andone

Ersatz: 1 Pantilimon, 23 Lung – 2 Matel, 4 Moti, 15 Gaman, 16 Filip, 7 Chipciu, 11 Torje, 17 Sanmartean, 18 Prepelita, 9 Alibec, 13 Keseru

  • Deschamps war Welt- und Europameister – als Spieler. Nun plant er als Teamchef den ersten Coup.
    foto: apa/afp/loic venance

    Deschamps war Welt- und Europameister – als Spieler. Nun plant er als Teamchef den ersten Coup.

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