Über 500.000 Internet-Süchtige in Deutschland

9. Juni 2016, 16:08
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Historischer Tiefstand bei Nikotinabusus von Kindern und Jugendlichen, aber Online-Sucht ein zunehmendes Problem

Berlin – Die zentralen Ergebnisse des aktuellen Deutschen Drogen- und Suchtberichts, den die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler am Donnerstag in Berlin vorstellte, sind ambivalent: Einerseits zeichnet sich eine historisch niedrige Raucherquote bei Kindern und Jugendlichen sowie sinkender Alkoholkonsum ab, andererseits gibt es mehr als eine halbe Million Onlinesüchtige.

Der Bericht fasst jährlich aktuelle Studien und Daten zu verschiedenen Schwerpunktthemen zusammen. Demnach gelten in Deutschland rund 560.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren als internetabhängig, was rund einem Prozent entspricht. Jüngere sind deutlich häufiger betroffen. So zeigen in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen etwa 250.000 Menschen (2,4 Prozent) Anzeichen einer Abhängigkeit, unter den 14- bis 16-Jährigen sind es vier Prozent (100.000).

Nach einer anderen Studie dürften bereits 1,2 Prozent der Neuntklässler süchtig nach Computerspielen sein. Bemerkbar macht sich dies bei Leistungen und Gesundheit: Betroffene haben schlechtere Schulnoten, schwänzen häufiger und leiden unter Schlafproblemen. Trotz der vielen nützlichen Möglichkeiten der digitalen Welt dürften die Risiken nicht vernachlässigt werden, warnte Mortler. Wie bei anderen Dingen gelte: "Die Dosis macht das Gift."

Jugend findet Zigaretten nicht mehr cool

Positive Entwicklungen sieht Mortler beim Thema Alkohol und Tabak. Der Pro-Kopf-Konsum reinen Alkohols sank demnach zwischen 1980 und 2013 um fast drei Liter auf 9,7 Liter. Auch exzessiver Alkoholmissbrauch, das sogenannte "Komatrinken" unter Jugendlichen nimmt ab. Allerdings werden immer noch jedes Jahr in rund 15.500 Fällen Kinder zwischen zehn und 17 Jahren wegen Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Nach wie vor trinkt jeder siebente Erwachsene Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen. Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr zwischen 42.000 und 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums oder des kombinierten Konsums mit Tabak.

Insgesamt raucht immer noch rund ein Viertel der Bevölkerung. Bei Kindern und Jugendlichen sind Zigaretten hingegen zunehmend out. 2015 rauchten nur noch 7,8 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen, was ein neuer Tiefstand ist.

Designerdrogen auf dem Vormarsch

Eine "stabile" Lage gibt es Mortler zufolge bei illegalen Drogen. Nach einer Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung konsumierten 10,2 Prozent der Jugendlichen und 34,7 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben bereits illegale Drogen.

Vor allem sogenannte neue psychoaktive Substanzen, die auch als Designerdrogen oder "Legal Highs" bezeichnet werden, sind aber seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 39 Todesfälle im Zusammenhang mit "Legal Highs" registriert, die als Kräutermischungen, Badesalz oder Lufterfrischer angeboten werden. Experten warnen seit langem vor den unterschätzten Gefahren.

Mortler wies unterdessen Kritik an der Drogenpolitik der Bundesregierung zurück. In der Drogenhilfe aktive Verbände hatten am Montag in ihrem Alternativen Drogenbericht eine Abkehr von der bisher restriktiven Drogenpolitik und unter anderem eine staatlich kontrollierte Abgabe von Cannabis und flächendeckende Drogenkonsumräume gefordert. "Cannabis als Medizin – ja, unter entsprechenden Bedingungen", sagte Mortler im ZDF-"Morgenmagazin". Ansonsten bleibe Cannabis aber verboten. (APA, AFP, red, 9.6.2016)

  • 560.000 Menschen weisen in Deutschland Anzeichen einer Internet-Abhängigkeit auf. Am stärksten betroffen sind Jüngere.
    foto: apa/ap/damian dovarganes

    560.000 Menschen weisen in Deutschland Anzeichen einer Internet-Abhängigkeit auf. Am stärksten betroffen sind Jüngere.

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