"Lear": Die Welt ist aus den Fugen

9. Juni 2016, 15:37
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Calixto Bieito und Fabio Luisi machen Aribert Reimanns "Lear" an der Pariser Oper zu einem Triumph

Ambitionierter als mit Schönbergs Moses und Aron zum Auftakt und Aribert Reimanns Lear gegen Ende seiner ersten Spielzeit konnte Stéphan Lissner die Bastille und das Palais Garnier gar nicht ins Zentrum der Opernwelt zurückholen. Selbst die Tatsache, dass Lear im prunkigen Palais Garnier auf die Bühne kam, ist ein Zeichen. Regisseur Calixto Bieito, der zu einem Meister der Tiefenlotung gereift ist, macht keinen Ausflug in die Geschichte, sondern hält den Spiegel vor. Zu Beginn, wenn sich die Musik erst anschleicht, versammeln sich alle auf der Bühne und nehmen (Familien-)Aufstellung.

Es könnte gut der Notartermin einer Familie sein, bei der es ein Erbe zu verteilen gibt. Die Töchter, im Selbstbewusstsein ihrer Sonderstellung, haben ihre Begleiter dabei. Dann eröffnet Lear, der höchstens amts-, aber kein bisschen lebensmüde König, seinen Entschluss, auszusteigen und alles unter den Töchtern aufzuteilen. Doch sein Vorhaben, Gutes zu tun und sich dafür feiern zu lassen, geht schief. Die Brotstücke, die er den Töchtern als symbolischen Lohn für überschwängliches Vaterlob und als Zeichen für den Erbteil vor die Füße wirft, werden von Regan und Goneril mit kalkuliertem Kniefall angenommen. Das Unheil naht.

foto: elisa haberer
Ratloses Staunen über die eigene Familie – Bo Skovhus als Lear.

Rebecca Ringsts Bühne wirkt zunächst wie ein abstrakter Bretterverschlag. Man sieht Licht hinter den Ritzen. Wenn sich diese Bretter zu neigen beginnen wie Bäume im Unwetter, entsteht mit Lichtwechseln ein faszinierender Raum, bei dem man sich gut die stürmische Heide vorstellen kann, auf der sich der alsbald von den machtgeilen Töchtern verstoßene Lear und der als Narr vor den Verleumdungen seines Halbbruders Edmund dorthin geflüchtete Edgar treffen und unter Planen vor dem Unwetter schützen. Der zweite Teil beginnt in der Ödnis einer Leere zwischen dem flachgelegten Bretterwald. Am Ende, wenn alles aus ist und Lear mehr über die Welt und seine Sippe erfahren hat, als er wollte, sitzt er wie ein Kind in Unterhose an der Rampe und lässt die Beine in den Graben baumeln.

Die Musik ist beim Orchester und Fabio Luisi in den allerbesten Händen. Luisi hält Reimanns expressiven Ton, der sich zu einem imponierenden Klanggewölbe auftürmt, souverän zusammen. Er lässt den Geist der Emotion kalkuliert aus der Flasche und fängt ihn wieder ein. Er entfesselt Pracht, wird beim samtigen Blech vor dem großen Unwetter geradezu betörend, vor allem aber lässt er so musizieren, dass das Orchester allemal die Stimmen trägt, vorantreibt und umschmeichelt. Was man im Palais Garnier zu hören bekommt, ist hinreißend ausbalanciert. Auch den Komponisten schien das glücklich zu machen.

Dass hier ein Gesamtkunstwerk der Moderne zu erleben war, das herausfordert und begeistert, lag am Ensemble mit dem überragenden Bo Skovhus im Zentrum. Unter den Töchtern ist die Goneril der Ricarda Merbeth die Bosheit in Person, während sich Erika Sunnegardh der Regan mit geradezu erotischer Lust annimmt. Als so ganz andere Tochter fasziniert Annette Dasch als die gute und verkannte Cordelia, der Bieito das schöne poetische Bild einer Pieta mit ihrem Vater gönnt. Zu grandioser Hochform mit seinen Sprüngen vom Edgar-Tenor- zur Tom-Counterstimme läuft Andrew Watts als verstoßener Gloster-Sohn auf. Lauri Vasar ist ein intensiver Gloster. Nur die aufgeraut reimende Sprechstimme des Narren Ernst Alisch bricht immer mal den emotionalen musikalischen Hochdruck der Reimann'schen Musik. (Joachim Lange, 9.6.2016)

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